Wieder einmal ist John Butt, dessen Einspielungen vom 'Messias' und der 'Matthäuspassion' oft gerühmt worden ist, eine ganz hervorragende Einspielung gelungen. Dieses Mal hat er sich Händels 'Acis and Galatea‘ angenommen. Von den verschiedenen Fassungen, die von dieser Pastorale in englischer Sprache überliefert sind, hat Butt eine Fassung rekonstruiert, die Händel in Cannons unter den dort gegebenen Bedingungen komponiert und realisiert hat. In Cannons gab es 1718 nur ein kleines Orchester, keinen Chor und unter den Solisten, die Händel zur Verfügung standen, keine Altstimme aber dafür drei Tenöre. Entsprechend ist das Orchester dieser Aufnahme besetzt: Nur zwei erste und zweite Violinen, zwei Celli, ein Kontrabass, zwei Blockflöten und zwei Oboen, ein Cembalo, aber auch ein Fagott. Der Klang ist immer klar und durchsichtig, manchmal schroff, selten spielerisch oder gar verspielt.
Denn Butt versteht 'Acis and Galatea‘ nicht so sehr als ein lyrisches Schäferidyll, sondern als ein packendes Drama. Und in der Tat ist der Stoff alles andere als harmlos: Die Nymphe Galatea liebt den Schäfer Acis und wird von ihm wiedergeliebt. Acis verlässt trotz Warnung seines Freundes Damon seine Herde, und findet Galatea ('Happy we!‘). Aber der Riese Polyphemus ist eifersüchtig, und obwohl sein Berater Coridon (der in späteren Fassungen der Pastorale als Person durch Damon ersetzt ist) ihn warnt, erschlägt er Acis mit einem Felsbrocken. Galathea besinnt sich auf ihre überirdischen Kräfte und verwandelt den toten Geliebten in eine sprudelnde Quelle.
Erstaunlich ist die Frische, die über dieser Aufnahme liegt. Die Dunedin Consort & Players spielen brillant. Sehr sorgfältig bemüht sich Butt darum, eine enge Verbindung von Text und Melodie bzw. Orchesterbegleitung aufzuzeigen. Man höre nur auf 'Billing, cooing, panting, wooing‘ in der Arie der Galatea oder 'O tell me it you say my dear‘ in Acis Arie. Das bei Gardiner oder Christie eher anmutig musizierte Terzett kurz vor Acis’ Tod 'The flocks shall leave the mountains‘ wird von Butt geradezu quälend langsam genommen. Bei Butt wird Galatea zu einer sehr irdischen Nymphe. Susan Hamilton singt die Rolle so, als gelte es, eine erwachsene, reife Frauengestalt zu gestalten. Und auch Nicholas Mulroys Acis ist nicht ein einfältiger Schäfer, sondern ein in seinen Gefühlen reifer und differenzierter Liebender. Man möchte beinahe schon Mozarts Tamino in der Rolle ahnen. In anderen Aufnahmen lässt Polyphemus bereits Rossinis Buffo-Baßpartien vorausahnen (und die Tatsache, dass die Auftrittarie dieses gefährlichen Riesen von einer Piccolo-Blockflöte begleitet wird, ist natürlich auch ein ironischer Kommentar Händels zu dieser Figur). Bei Butt wird aber deutlich, dass dieser Polyphemus tatsächlich brutal, gefährlich und unkontrolliert ist. Auch die Rollen der Freunde und Berater sind mit Thomas Hobbs als Damon und Nicholas Hurndall Smith bestens besetzt. Das Booklet bringt – leider nur in englischer Sprache – ein instruktives Essay von Butt. |