Wer sich schon einmal mit der Rolle des Computers im zeitgenössischen Musikschaffen befasst hatte, dürfte seinen Namen schon einmal gehört haben: Karlheinz Essl, 1960 geborener Komponist, Performer und Entwickler, gehört zu den Pionieren auf dem Gebiet der Computermusik. Was für viele auch heute immer noch ungewohnt sein mag, wird von Essl seit den Neunzigerjahren kontinuierlich praktiziert und weiterentwickelt: die Benutzung des Computers als Werkzeug während des Kompositionsprozesses sowie die Verwendung des computerbasierten Metainstruments m@ze°2 bei Aufführungen und Performances. Ein Blick auf die eindrucksvolle Website des Österreichers (www.essl.at) lässt wichtige Einblicke in diese Arbeit und ihre theoretischen Fundamente zu; eine CD von Preiser Records vermittelt darüber hinaus das Ergebnis eines aktuellen, im Jahr 2003 uraufgeführten Projekts mit dem klangvollen Namen ‚Gold.Berg.Werk’, im Untertitel exemplifiziert als ‚eine Interpretation der Goldberg-Variationen BWV 988 von Johann Sebastian Bach für Streichtrio und Live-Elektronik’.
Modifikation der Vorlage
Konkret setzt Essl hier nicht etwa an Bach selbst, sondern – beauftragt von den Musikern des Orpheus Trios (Christina Neubauer, Violine; Martin Kraushofer, Viola; Eva Landkammer, Violoncello) – an der von Dimitry Sitkovetsky erstellten Streichtrio-Bearbeitung der ‚Goldberg-Variationen’ an. Obgleich diese mehr und mehr im Konzertsaal zu hören und mittlerweile auch auf CD erhältlich sind, erweisen sie sich im Hinblick auf ihre Faktur als höchst problematische Transkription des Originals. Denn allzu offensichtlich verrät ihre Machart, dass hier jemand Hand angelegt hat, der ein prominentes Werk zwecks Repertoireerweiterung umzugestalten suchte, ohne sich indessen im geringsten um die unterschiedlichen Erfordernisse von Tasteninstrument und Streichern Gedanken zu machen. Die Konsequenz hiervon ist, dass gerade Bachs Variationen im Toccatenstil, die sich stark an den spieltechnischen Möglichkeiten eines zweimanualigen Cembalos orientieren, in Sitkovetskys Übertragung überhaupt nicht funktionieren und sich als höchst fragwürdig erweisen.
Essl begegnet diesem Umstand mit dem Mut zur Lücke, streicht die entsprechenden Teile (Variationen 1, 5, 8, 11, 14, 17, 20, 23, 26, 28 und 29) aus dem Kontext der Trioversion und fasst die verbleibenden 19 Variationen unter jeweils zwei mal zwei thematischen Blöcken als ‚Charaktervariationen I’ (Variationen 2, 4, 7, 10 und 13), ‚Canones I’ (Variationen 3, 6, 9, 12 und 15), ‚Charaktervariationen II’ (Variationen 16, 19, 22 und 25) und ‚Canones II’ (Variationen 18, 21, 24, 27 und 30) zusammen. Diese neue, im Vergleich zur ursprünglichen Form der ‚Goldberg-Variationen’ ungewöhnliche Anordnung der Einzelteile, umrahmt von der eröffnenden und schließenden ‚Aria’, gliedert er nun, die strenge Symmetrie des originalen Gesamtaufbaus wahrend, mit insgesamt fünf neu komponierten Teilen (‚Aria Electronica I’, ‚Sarabanda Electronica’, ‚Aria Electronica II’, ‚Fantasia Chromatica Electronica’, ‚Aria Electronica III’), so dass sich letzten Endes eine alternierende Abfolge von Abschnitten mit Streichtrio und Live-Elektronik ergibt.
Musikalisches Ergebnis
Durch diese Eingriffe schafft Essl zwei zeitlich voneinander getrennte Klangräume, die zwar musikalisch zusammenhängen und sich gegenseitig kommentieren, ohne sich aber jemals klanglich zu vermischen. Ausgangspunkt für die in drei Variationen auftauchende ‚Aria Electronica’ ist ein aus der originalen ‚Aria’ abgeleitetes, in langsamen Viertelbewegungen fortschreitendes harmonisches Gerüst aus Streicherklängen, das durch Anwendung von m@ze°2 in Echtzeit während der Aufführung modifiziert wird (und daher auch wie jeder Notentext in gewissen Grenzen jedes Mal anders klingen kann). Essl spinnt dadurch den Bachschen Variationsgedanken auf einer anderen Ebene weiter, wie er auch in den beiden übrigen elektronischen Teilen variierend auf Materialien der jeweils zuvor erklingenden Variationen – nämlich auf den Sarabande-Charakter von Variation 13 und die chromatische Kontrapunktik von Variation 25 – zurückgreift. Indem er zudem die Lautsprecher vom Streicherensemble weg versetzt, vermittelt er den Eindruck von räumlicher Nähe und Ferne dieser unterschiedlichen Klangräume.
Das auf CD gebannte Ergebnis ist faszinierend, vermittelt einen ganz neuen Eindruck von Bachs Komposition und ist vor allem in seiner Gesamtheit viel schlüssiger als Sitkovetskys ungenügende 1:1-Transkription. Die drei Streicher finden sich sehr gut in den Variationsblöcken zurecht und reagieren – unter Verzicht auf eine barockisierende Vortragsweise – mit sehr transparenter Klanglichkeit auf die so andersartigen Farbwerte der veränderten Abfolge. Essls live-elektronische Teile fesseln durch den Beziehungsreichtum, mit dem sie auf die Streicherebene reagieren, während sie zugleich weit darüber hinausgehen, indem sie ein neues klanglich-musikalisches Gewebe generieren. Hier ist eine sehr ernsthafte und vor allem zeitgemäße Auseinandersetzung mit Bachs ‚Goldberg-Variationen’ entstanden, unterstrichen durch einen ausführlichen Booklet-Kommentar, in dem Essl seine Arbeitsprinzipien detailliert erläutert. Und als Zugabe enthält die CD einen viereinhalbminütigen Videoclip, entstanden anlässlich der Aufnahme von ‚Gold.Berg.Werk’ im Casino Baumgarten Wien, der anhand der ‚Aria’ verdeutlicht, wie Triopart und elektronische Variation miteinander in Beziehung stehen. |