Vom Saulus zum Paulus. Von Darmstadt ins neue Jerusalem. Vom Avantgardisten zum Populisten. Die Wandlung des polnischen Komponisten Wojciech Kilar vom einstmals konstruktivistisch geprägten Tonsetzer zum dreiklangsliebenden Tonschöpfer scheint symptomatisch für seine Generation und sein Heimatland zu sein. Auch Kollege Penderecki hat einst diese Wandlung vollzogen und komponiert drauf los, dass Gustav Mahler mit Freuden aus seinem Grab springen und ordentlich mittun würde, wenn er könnte. Das Publikum nicht zu verwirren, ihm Musik in die Ohren zu legen, das es ohne die Lektüre philosophischer Traktate versteht, das hatte neben Kilar auch der hierzulande weitaus bekanntere Kollege erkannt. Während Penderecki intellektuell vorgeht, geht Kilar suggestiv vor. Grundformeln des kirchentonal-volksmusikalischen Vokabulars werden in kleinen Motiveinheiten wiederholt, dabei rhythmisch pulsiert und dynamisiert, wie es Strawinsky und Bartók einst vorgemacht haben. Kilars Musik hat große Suggestionskraft und es kommt nicht von ungefähr, dass er zunächst für die Filmregisseure seines Heimatlandes, wie Andrzej Wajda, Krzystof Zanussi oder Krzystof Kieslowski, Musik für deren Filme komponierte, um danach einige Jahre Musik für den internationalen Film zu schreiben. Francis Ford Coppola engagierte Kilar beispielsweise für die Vertonung von Bram Stoker’s ‚Dracula’. Mehrmals holte Roman Polanski seinen Landsmann ins Boot, unter anderem für ‚Die neun Pforten’ mit Johnny Depp. Nicht zu vergessen Tom Toelle, für den Kilar den Fernsehzweiteiler ‚König der letzten Tage’ vertonte. Ob Kilar eine Filmmusik oder, wie in dieser Aufnahme als Weltpremiere dokumentiert, ein Magnificat schreibt – stilistisch macht das keinen Unterschied. Es sei dies nicht als Vorwurf formuliert, sondern als Fakt.
Die Tinte auf dem Notenpapier des Magnifcat ist noch nicht lange getrocknet. Das Werk wurde im Jahr 2006 in Warschau aus der Taufe gehoben. Hemmungslos, aber hoffnungsfroh frönt Kilar in dem gut 50-minütigen Werk für Solostimmen, Chor und Orchester all der Zutaten, die seine Musik ausmachen: simple Melodielinien in perkussiven Klangeinbettungen, oft und oft repetierte Textphrasen in zeitlich teils enormer Dehnung, Drang und Druck nach pompöser Lautstärke. Soghaft Suggestives dominiert das vermeintlich Plakative dieser Musik. Das Schlesische philharmonische Symphonieorchester unter der Leitung von Miroslaw Jacek Blaszczyk balanciert die Stimmungswechsel innerhalb des Magnificat dynamisch und rhythmisch hervorragend aus, hätte in den Blechbläsern allerdings ein wenig mehr klangliche Abrundung und Kernigkeit vertragen. Ein Quäntchen zu mechanisch artikuliert erscheinen auch die Streicher. Blaszczyk mag überdies nicht immer die glückliche Ausgewogenheit zwischen Soloparts und Orchester gelingen. Izabella Klosinska, Tomasz Krysica und Piotr Nowacki haben immer wieder gegen das dynamisch ausgreifende Orchester anzusingen, bedürften aber der Balance aufgrund des doch recht kehlig engen Stimmansatzes, der allen drei Solisten zueigen ist. Insbesondere Izabella Klosinskas Sopran fehlt das Samtene und die volumengereifte Eleganz, die Kilar offenkundig für diese Partie vorgeschwebt haben mag. Auch fehlt ihr der lange Atem, die Ausdauer der Phrasierung und die Balance der Dynamik im zeitlich weit gedehnten ‚Magnificat anima mea Dominum’. Der Schlesische Philharmonische Chor meistert die Partien mit deutlich hörbarem polnischen Idiom bei der Aussprache des lateinischen Textes, aber in beeindruckender Homogenität und stimmlicher Strahlkraft selbst in hoher Lage und dynamischer Forciertheit. Diese klangprächtige Tugend kommt dem Chor nicht zuletzt in dem kurzen, die CD abschließenden ‚Victoria’ zugute, welches Kilar 1983 anlässlich der zweiten Pilgerreise Papst Johannes Pauls II. komponierte. Der polnische König Jan III. Sobieski adressierte nach dem Sieg über die Türken im Jahr 1683 an Papst Innozenz XI die Worte ‚Venimus, vidimus, Deus vicit!’. Entsprechend martialisch und pompös gestaltet Kilar sein Stück. Zugleich eine geeignete Geburtstagsadresse an den Komponisten, dem diese CD zum 75. Geburtstag im Jahr 2007 gewidmet wurde.
Klangtechnisch ist hier nichts zu bemängeln. Höhen und Tiefen sind bestens ausgesteuert, vokale und instrumentale Schichtungen optimal ausbalanciert. Auch wenn dem einen oder anderen Kilars Musik reichlich plakativ anmuten mag, so ist sie doch zeitgenössische Musik, die mehr hinter ihrer Fassade verbirgt, als sie beim ersten Hören preisgeben möchte. |