> > > Moe, Ole Henrik: Ciaccona fr Violine Solo
Mittwoch, 23. Juli 2014

Moe, Ole Henrik - Ciaccona fr Violine Solo

Experimentelle Klänge, auf die Spitze getrieben


Label/Verlag: RuneGrammofon
Detailinformationen zur Platte


Der Norweger Ole-Henrik Moe definiert in seinen Soloviolinstcken die Mglichkeiten des Instruments neu und schreibt eine klanglich hochgradig experimentelle Musik, die sicherlich nicht jedem gefallen wird.

Was steht zu erwarten, wenn man eine Produktion mit neuer Violinmusik vor sich liegen hat? Noch bevor man den Tonträger erwartungsvoll ins Abspielgerät legen kann, steht die Auseinandersetzung mit der Verpackung bevor. Ole-Henrik Moe heißt der Komponist, dessen Schaffen die bei rune grammofon erschienene Doppel-CD gewidmet ist. Geboren wurde er – und das muss man schon im Internet nachrecherchieren, weil die Produktion jedes überflüssige Detail ausspart – 1966 in Norwegen, studiert hat er Violine und Komposition in Oslo und Paris, wo ihn ein einjähriger Kurs bei Iannis Xenakis entscheidend prägte. Zudem studierte Moe Biophysik, Kognitionswissenschaften und Musikwissenschaft an der Universität Oslo. Über die Musik ist damit zunächst einmal noch gar nichts gesagt, auch wenn die schlichte, aufklappbare Kartonverpackung mit der Schwarzweiß-Abbildung einer Kerzenflamme auf der Vorderseite eine eigentümliche, fast suggestive Wirkung ausübt. Erst der innen aufgedruckten Kurzbeschreibung, die das Booklet ersetzt, lassen sich einige Anhaltspunkte entnehmen, die das Interesse wach halten und die Ungeduld zu überbrücken helfen.

Legt man die CDs ein, muss man diesen Notizen auf jeden Fall Recht geben: Moes Produktion lässt sich kaum mit dem vergleichen, was man von anderen zeitgenössischen Komponisten kennt. Die hier vereinigten Soloviolinstücke ‚Ciaccona’ (2002) und ‚3 Persephone Perceptions’ (1995/96) gehören vielleicht zur extremsten Musik, die jemals für das Instrument geschrieben wurde. 43 bzw. 40 Minuten dauern die Kompositionen, und während dieser Zeit können sie den Musiker aufgrund ihres technischen Anspruchs und der geforderten körperlichen Leistungsfähigkeit schier an den Rand der Verzweiflung treiben – und mit Sicherheit auch den Hörer, wenn er den Möglichkeiten experimenteller Klangerzeugung nichts abgewinnen kann, was den Interessentenkreis für diese in meinen Augen faszinierende Aufnahme stark einschränkt. In der Tat legt die Musik nahe, dass Moe keine Angst davor hat, seinen eigenen Weg in die äußersten Extreme violinistischer Ausdrucksbereiche zu gehen. Und obgleich er selbst ein hervorragender Violinist ist, hat er es seiner Frau Kari Rønnekleiv überlassen, die beiden Stücke einzuspielen, was die Geigerin mit phänomenaler Konzentration und großer Überzeugungskraft tut.

Moe inszeniert förmlich den Gegensatz zwischen dem in gewissem Sinne archaischen Instrument Violine, dessen Gestalt seit dem 17. Jahrhundert kaum noch verändert wurde, und den realen Möglichkeiten einer Klangerzeugung, die sich von dem hiermit verknüpften Klangideal radikal verabschiedet: Es sind einerseits sich bewegende und durch variablen Bogendruck ständig in der Klangfarbe sich verändernde Geräuschmassen, die da erklingen, andererseits aber auch mikroskopisch kleine Verschiebungen der greifenden Finger. Beides führt dazu, dass sich die Tonhöhe primär als Klangband hören lässt und die Identität des Instruments nahezu verwischt wird. Auf besonders vielfältige Weise geschieht dies in der ‚Ciaconna’, der Moe als ‚Thema’ eine instrumentale Übertragung von Stimmklängen zugrunde legt und diese Grundkonstellation anschließend variativ austastet. Manchmal nähert er den Violinklang dabei dem Flirren elektronischer Musik an, manchmal lässt er das Spiel in ausgedehnten Loops aus scheinbar starrer Repetitionrhythmik explodieren, die sich jedoch bei jedem einzelnen Bogenstrich subtil verändert, und manchmal sucht er seine Klänge in extrem leisen Bereichen. Immer aber folgt er der Idee einer permanenten Wandlung, so dass beide Kompositionen im Grunde ausgedehnte Prozesse allmählicher Klangveränderung umschreiben.

Bringt man als Hörer die Bereitschaft mit, sich auf diese Extreme einzulassen, wird man mit einer starken und eindrücklichen Wirkung belohnt; ist man dagegen eher dem romantischen Klangideal verbunden, sollte man vielleicht besser die Finger von diese Produktion lassen. Für mich jedenfalls hat sich Moes Zugang zur Violine als eigenartiges Faszinosum entpuppt, das einen ungebändigten Ausdruckswillen in den Mittelpunkt stellt, ohne sich dabei auf irgendwelche halbherzigen ästhetischen Kompromisse einzulassen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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