Bei Vokalwerken des norwegischen Nationalromantikers Edvard Grieg (1843-1907) wird vielen erst einmal spontan nur ein Stück einfallen: Solveigs Lied, das den Abschluss der zweiten Peer-Gynt-Suite bildet. Mit eben jenen zwei Suiten sowie dem Klavierkonzert in a-Moll sind die Werke genannt, die den Schatten der allgemeinen Popularität über Griegs weiteres kompositorisches Schaffen werfen. Dieses besteht zu großen Teilen sowohl aus einer Vielzahl an hochqualitativer Kammermusik als auch aus einer Fülle an, im Ausland wohl beinahe vergessener, Chormusik. Das Label 2L liefert jetzt mit einer Super Audio Hybrid CD, auf der der norwegische Chor Grex Vocalis (´die singende Schar´) zu hören ist, eine repräsentative Auswahl Griegscher Chorwerke sowie Werke für Chor und Solisten.
´Surli ullam, surli du, suttam surlite du´
Zwischen 1862 und 1906 entstanden, bieten die überwiegend liedhaft komponierten Werke eine kaum zu überbietende inhaltliche wie stilistische Vielfalt: Von tänzerischen Liebes- und Trinkliedern und Bearbeitungen norwegischer Volkslieder im Album für Männergesang op. 61 über die Kinderlieder op. 30 bis zu den vier Psalmen op. 74, die von geistlicher Schwere erfüllt sind. Ähnlich vielseitig, geradezu anachronistisch, zeigt sich Grieg in diesen Kleinodien von meist einheitlichem Charakter. Dem staunenden Ohr präsentiert sich eine kühne Mischung aus nordischem Ton, Anspielungen auf diverse Renaissance-Stile und a capella-swing! Halbschlüsse gemahnen in ihrer betonten Offenheit mitunter mehr an Palestrina als an das späte 19. Jahrhundert. Dem entspricht formal eine lebendige, auf Kanons sowie Frage-Antwort-Spiele ausgelegte Umsetzung der Texte in Musik, die zudem noch ein ausgeglichenes Verhältnis von Homophonie und Polyphonie aufweist. Wer hätte gedacht, dass sich auf diesem Nebenschauplatz des Griegschen Oeuvres - viele Werke sind Gelegenheitsarbeiten, weshalb sie nicht einmal eine Opuszahl tragen - ein solcher musikalischer Reichtum eröffnet! Überraschend auch der mitunter gänzlich unvokale, vielmehr instrumentale Umgang mit den Stimmen. So erscheint es auch sinnvoll, dass melodische Höhepunkte der Einspielung wie ´letzter Frühling´ op. 33 Nr. 2 ebenso in einer Fassung für Streicher vorliegen.
´Tat´st du nie hopsen, so hopsest du wohl nu, wärst du nicht närrisch, du flögest nicht so´
Unter ihrem Leiter Carl Högset brilliert der mehrfache mit Preisen ausgezeichnete Chor Grex Vocalis mit spannungsvoller Klangreinheit. Hochkonzentriert und bis in jede Nebenstimme deutlich artikuliert, gelingt den SängerInnen zusammen mit den Solisten Magnus Staveland (Tenor) und Daniel Oskar Danielsson (Bass-Bariton) bei einem seltenen Klangfarbenreichtum eine Interpretation von entrückender Schönheit. Der des Norwegischen nicht Mächtige, darf sich darüber freuen, die Reize dieser fremden Sprache gesungen zu erleben. Bemerkenswert auch das ästhetisch wie informativ gestaltete Booklet, auf dessen Cover ein Bild des norwegischen Malers und Grieg-Zeitgenossen Adolph Tiedemand abgebildet ist. Dankenswerterweise finden sich dort u.a. sämtliche Liedtexte in norwegischer, englischer und deutscher Sprache abgedruckt. |