Edward Elgar ist heute vor allem als Komponist großer und aufwändiger Orchesterwerke bekannt. Die ‘Enigma’-Variationen, die ‘Pomp and Circumstance’-Märsche oder ‘Dream of Gerontius’ machten ihn international berühmt und prägen noch in unserer Zeit seinen Ruf als Prunkkomponist. Die vorliegende Einspielung zeigt den ‘ersten englischen Komponisten seit Purcell’ von seiner intimen Seite. 20 Lieder sind hier mit Klavierbegleitung eingespielt und schlagen meist einen melancholisch-ruhigen Tonfall an. Neben bekannteren Werken wie den ‘Sea pictures’ stehen frühe Werke und einfach stimmungsvolle, repräsentative Vertreter des Genres aus Elgars Feder. Meist dominiert eine illustrierende Klavierbegleitung, welcher aber zu keinem Zeitpunkt der gleiche Stellenwert wie der dominanten Singstimme zukommt. Das Klavier ist Stimmungsspiegel, aber nicht am thematischen Material der Singstimme beteiligt. Reinild Mees besticht am Klavier nun gerade durch ihre unaufdringliche Art des Spiels. Sie hält sich im Hintergrund, ist so verlässliche Stütze der Sänger.
Diese sind sehr prominent und kompetent besetzt: Amanda Roocroft und Konrad Jarnot stellen sich, gleich ihrer Partnerin am Piano, vollends in den Dienst der Musik Elgars. Dadurch entstehen wunderbar anrührende Momente, wie in ‘There Are Seven That Pull The Thread’, komponiert 1901: Ein äußerst simples melodisches Muster, welches die Sopranstimme kaum über den Ambitus einer Sprechstimme hinaus lässt, bildet die Grundlage einer fesselnden Schlichtheit. Der Klavierpart bleibt auf einfache Akkorde beschränkt, wird teilweise gar auf eine einstimmige Begleitung reduziert. Dass Amanda Roocroft sich in ihrem Vortrag einzig auf eine gerade Stimmführung und einen unsentimentalen Vortrag konzentriert, zeugt von ihrer Einfühlsamkeit und sichert dem Werk so die größtmögliche Wirkung.
Ein gänzlich kontrastierender Vortrag ist bei Elgars frühestem Lied der Aufnahme gefordert: ‘The Self Banished’ von 1875 – Elgar war zur Zeit der Komposition 18 Jahre alt – verlangt nach einem differenzierten Vortrag und nach hoher Emotionalität. Roocroft wird auch dieser Anforderung mit heller, ausdrucksstarker und geschmeidiger Stimme gerecht. Ihr Sopran weist ein charakteristisches Vibrato auf, neigt aber nur an einigen wenigen Stellen zur Schärfe oder zu verschwimmenden Klangkonturen.
Roocroft zur Seite steht der Bariton Konrad Jarnot. War die CD bis dahin schon ein Hörgenuss, wird sie nun zum schwelgerischen Erlebnis. Die warme, unaufdringliche Stimme scheint wie gemacht für die träumerisch-zarten Lieder Elgars. Jarnot kann im Verlauf der ‘Sea Pictures’ von 1899 die ganze Bandbreite seines Organs hörbar werden lassen: Im ‘Sea Slumber Song’ beeindruckt sein Bariton in kleinem Ambitus durch eine Fülle an Klangfarben, während er in ‘Sabbath Morning at Sea’ mit Hilfe höher Töne und fast unendlicher Legatobögen eine Vielzahl gestalterischer Effekte ausspielen kann. Jarnot beglückt den Hörer allerdings nicht nur mit seiner schlank geführten Stimme, sondern auch mit einer beeindruckenden Textverständlichkeit, die er differenziert zur Gestaltung heranzieht.
Es bleibt zu hoffen, dass die Reihe von Aufnahmen Elgar’scher Lieder tatsächlich fortgeführt und qualitativ an diese erste CD der Reihe angeknüpft wird. |