Nach seinem äußerst gelungenen Erstlingswerk mit den späten Schubert-
Sonaten wartet Daniel Röhm, einer der hoffnungsvollsten deutschen
Nachwuchspianisten, nun mit einer technischen Steigerung auf. Die
Nachfolge-CD, wieder bei Genuin erschienen, enthält die ungleich schwerere
,h-moll Sonate' von Franz Liszt, die ,Wanderer Fantasie' von Franz Schubert
sowie die Bearbeitung für Klavier von Liszt ,Der Müller und der Bach' nach
dem gleichnamigen Lied Schuberts. Röhm stellt damit einen sinnfälligen
Zusammenhang zwischen den beiden Komponisten her, vor allem angesichts
der Tatsache, dass es auch eine Orchester-Version der ,Wanderer Fantasie'
Schuberts gibt, die wiederum aus Liszts Feder stammt. Eine weitere
Verbindung findet sich im Aufbau der ,Wanderer Fantasie' und der ,h-moll
Sonate'. Beide knüpfen an das Spätwerk Beethovens an und nehmen das
Modell der Sonaten-Form zwar auf, aber stellen es durch die sehr freie
Handhabung gleichfalls in Frage.
Courage
Keine Frage, wer sich derart häufig veröffentlichten Werken annimmt, der beweist Courage, muss er sich
doch gegen unzählige geniale wie weniger geniale Interpretationen behaupten.
Insofern ist es bewundernswert, dass Röhm sich bereits so früh in seiner
Karriere einer derartigen Herausforderung stellt. Zweifellos beweist er auf
seiner zweiten CD wieder großes Talent, aber im Vergleich zu den zuvor
veröffentlichten Schubert-Sonaten ist diese Aufnahme meines Erachtens nach sehr
unausgeglichen. Herausragende Momente wechseln mit schwächeren und
haben es mir nicht einfach gemacht, mich entweder auf die Seite der Kritiker
oder der Bewunderer zu stellen; fest steht, dass mehr Potential vorhanden
ist als hier abgerufen wurde.
Glänzender Einstieg
Mit der ,Fantasie C-Dur' (,Wanderer') gelingt Daniel Röhm ein glänzender
Einstieg in die Aufnahme. Der erste Satz ,Allegro con fuoco, ma non troppo'
lässt durch die entsprechend feurige Umsetzung des prägnanten
Anfangsrhythmus schon die Qualitäten des Pianisten erahnen. Die
Hervorhebung melodischer Phrasen gegen den fließenden Strom der
Sechzehntelfigurationen gelingt ausgezeichnet, was sich im gefühlvoll
gespielten ,Adagio' des zweiten Satzes geradewegs fortsetzt. Das
anschließende ,Presto' erschallt mit viel Schwung und einem zwar nicht
vorgezeichneten, aber gespielten ,attacca'. Röhm schafft es, den federnden
punktierten Rhythmen Leben zu verleihen und einen gelungenen Übergang
auch zum letzten Satz herzustellen, in dem wiederum der prägnante
Anfangsrhythmus im Mittelpunkt steht.
,Der Müller und der Bach', als Bindeglied zwischen den größeren Werken,
wirkt etwas gehetzt. Im Vergleich zur Interpretation von Jorge Bolet
(Gesamteinspielung der Klavierwerke Liszts) braucht Röhm ganze 1:19min
weniger, und das bei einem derart kurzen Stück von einer Gesamtlänge von
4:47 min. Dennoch versteht er es der einprägsamen Melodie noch genügend
Raum zu lassen. Dieses kurze Liedbearbeitung ist gut
dazu geeignet, zwischen den größer angelegten Werke ein wenig inne zu
halten.
Leichte Schwächen
Zu Beginn der H-Moll Sonate, wenn das thematische Material vorgestellt
wird, wirkt Röhm für meine Begriffe etwas zögerlich und zurückhaltend.
Clifford Curzon beispielsweise schafft es bereits in den Anfangstakten seiner
Einspielung (1963) eine dramatische Wirkung zu entfalten, wie sie Röhm nicht erreicht. Vor allem bei den ,pesante'- und ,marcato'-Stellen im ersten
Satz fehlt es an Tiefe und Ausdruckskraft. In diesem Zusammenhang wäre
insbesondere die ,Grandioso'-Passage zu erwähnen. Das durch seine
Klangdichte fast orchestral wirkende ,Grandioso' gerät bei Röhm etwas
spärlich. Dagegen ist der Beginn der Durchführung nach den
Einleitungstakten mit seinen Sechzehntelfigurationen geradezu genial. Mit
spielender Leichtigkeit, so scheint es, meistert der Interpret diesen
schwierigen Teil. Überhaupt erweckt es den Eindruck, dass die figurativen
Elemente dieser Sonate Röhm geradezu Spaß bereiten, so fließend und
virtuos, wie er sie präsentiert. Ebenfalls im Positiven zu erwähnen ist das
,cantando espressivo', das äußerst gefühlvoll vorgetragen ist und seinen
lyrischen Charakter dadurch voll entfalten kann. Im zweiten Satz klingt die
analoge Stelle zum ,Grandioso' des ersten Satzes wiederum wenig rund.
Ansonsten ist das ,Andante sostenuto', das sich nach wenigen Takten schon
als ,Quasi Adagio' entpuppt, mit viel melodischem Gespür und sehr flüssig
gespielt. Die Überleitungstakte zum ,Allegro energico' könnten schließlich
noch etwas mehr an Spannung und Tiefe vertragen. Im folgenden letzten Satz,
der spieltechnisch noch einmal alles vom Pianisten abverlangt, ist Röhm den
Anforderungen zu jeder Zeit gewachsen. Er bewältigt die sehr
abwechslungsreichen und schwierigen Stellen scheinbar mühelos.
Zu viel Höhen
Eine Schwachstelle, die die Aufnahmetechnik betrifft, ist das zu höhenlastige
Abmischen des Klavierklangs. Mittlere und tiefere Frequenzen erscheinen
sehr abgespeckt im Verhältnis zu den etwas aufdringlich wirkenden hohen
Frequenzen. Zwar zeichnet sich der Gesamtklang durch große Klarheit und
wenig Nebengeräusche aus, doch das ungleichmäßige Mischverhältnis führt
dazu, dass der Klang wenig warm und sehr dünn, ja fast gläsern wirkt.
Das Booklet ist hingegen gut gefüllt. Es umfasst ausreichend
Informationen zu Werk und Künstler. |