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Details zu Händel, Georg Friedrich: Dixit Dominus
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Kritik zu Deutsche Harmonia Mundi: Händel, Georg Friedrich: Dixit Dominus

Schatztruhe voller Details


tocafi, 30.09.2004

Händel, Georg Friedrich: Dixit Dominus
Label: Deutsche Harmonia Mundi , VÖ: 23.08.2004


Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 





Das Rom der ersten Dekade des 18. Jahrhunderts muss der aufregendste Ort der
damaligen Musikwelt gewesen sein. In einer Epoche tumultöser Umbrüche und
unsteter Konstellationen bot die Stadt Komponisten und Instrumentalisten
nicht nur relative Sicherheit und Schutz vor militärischen Unruhen, sondern
zudem finanzkräftige Mäzene und ein spendables, aufgeschlossenes
Bildungspublikum. Brüderschaften, reiche Familien, der Papst und der Apparat
des Vatikan sowie mehr als 80 Kirchen umwarben die Künstler und
konkurrierten geradezu um das Recht, diesen tatkräftig unter die Arme
greifen zu dürfen (wie man in einem interessanten Artikel auf classical.net
nachlesen kann). Auch wenn die Utopie eines Kulturstaates nur wenige Jahre
in der oben beschriebenen Form Bestand hatte, bleibt der reiche Katalog der
in dieser Spanne entstandenen Werke bis heute nur unzureichend ausgewertet.
Auch Händels Frühwerk, ‘Dixit Dominus’ (den ‘Dominus’ müssen wir uns auf dem
Cover wohl durch die Wolken symbolisiert denken), 1707 verfasst zum Anlass
des Namenstages des spanischen Königs Philipp V., gelangte erst spät und
immer im Schatten des alles überstrahlenden ‘Messiah’ zu einiger Anerkennung
- eine historische Ungerechtigkeit und eine eigentlich kaum
nachzuvollziehende Nachlässigkeit.

Denn der Einfallsreichtum und die Vielfalt an Stimmungen bei trotzdem
fließenden Übergängen und einem stets den Weg leuchtenden roten Faden machen
das Stück zu einem Juwel im Schaffen eines Meisters, den Beethoven
seinerzeit als den größten Komponisten aller Zeiten bezeichnete. Trotz
einiger namhafter Proteges (Gardener) und Interpretationen mit Stars der
aktuellen Gesangszunft (Magdalena Kozena) bleibt es eine Schatztruhe voller
wundervoller Details, die man wie Ostereier suchen kann und deren volle
Pracht und Tiefe sich wohl erst nach mehrfachem intensiven Hören eröffnen
wird. Gleichzeitig kann man sich aber schon direkt an der schillernden
Oberfläche des ersten Kontakts erfreuen: An emotionaler Wirkung ist ‘Dixit
Dominus’ kaum zu übertreffen. Da kann man auf theoretisch-philosophischer
Ebene noch so lange reden und darüber diskutieren, ob die Affektebene in
Wahrheit überhaupt eine objektive Qualität darstellt, wenn man beim Hören
fast zu Tränen gerührt wird, ist das alles plötzlich recht belanglos.

Auch Antonio Caldara hielt sich im goldenen Zeitalter Roms dort auf und so
erscheint diese Zusammenstellung mehr als gerechtfertigt. Dagegen sprechen
jedoch zwei Fakten. Zum einen lebte ja nicht nur Caldara damals quasi Tür an
Tür zu Händel. Da gab es auch noch Allesandro und Domenico Scarlatti,
Cesarini, Pasquini, Anrcangelo Corelli und andere. Gerade weil Caldara sich
in seiner römischen Zeit auf weltliche Werke beschränkte, ist die Auswahl
zumindest hinterfragbar. Zum zweiten, und das wiegt bedeutend schwerer,
entstand die ‘Missa Dolorosa’ erst 1735, also gut ein Vierteljahrhundert
nach Händels Versvertonung. Da auch nicht bekannt ist, dass sich die beiden
Komponisten über Gebühr gegenseitig beeinflussten oder inspirierten, handelt
es sich hierbei um eine weitere leicht fragwürdige Kopplung (Gardiner füllte
die restliche Spielzeit mit Vivaldis ‘Gloria’).

Immerhin: Das Album ist ausgewogen und ohne eklatante Brüche und die Gegenüberstellung nicht einmal uninteressant, auch wenn die Autoren indirekt zugeben, dass bei der noch
nicht einmal ansatzweise gesichteten Anzahl geistlicher Werke Caldaras kaum
festzustellen sein dürfte, ob die hier präsentierte Messe zu den Spitze
seines Schaffens zu zählen ist. Im direkten Vergleich wirkt sie atomisierter
und kann durch ihre (wohl aufgrund praktischer Vorbehalte bedingte)
Vermeidung etwas weitläufiger ausholender Bögen einen leicht zersplitterten
Eindruck nicht vermeiden. Großartige Gebrauchsmusik ist das, mit vielen
feinen Momenten, welche sich aber nicht immer im heimischen Sessel
erschließen. Potentiellen Glanzstücken wie dem ‘Crucifixius’ fehlen ein
wenig die Flügelspanne, um sich gen Himmel zu erheben. Das prächtige ‘Agnus
Dei’ hingegen braucht gar nicht mehr als anderthalb Minuten, um als
beglückendes Kleinod durchzugehen.

Die Leistung der beteiligten Musiker ist mehr als ordentlich und der rasante
Ansatz, der mancherorts als überzogen kritisiert wurde, steht dem ‘Dixit’
gut zu Gesicht. Ein besonderes Lob auch an das Produzententeam Michael
Sander und Jakob Händel (!). Ihre mutige und anregende Klangphilosophie mit
einer sehr dynamischen Stimmführung führt zu einer Vielzahl spannender und
ungewöhnlicher Momente. Und das, abseits aller aufführungspraktischen
Erörterungen, fängt die Aufbruchsstimmung des alten Roms auf vorbildliche
Art und Weise ein.

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