> > > Mendelssohn Bartholdy, Felix: Violinkonzerte in e-Moll & d-Moll
Sonntag, 26. April 2015

Mendelssohn Bartholdy, Felix - Violinkonzerte in e-Moll & d-Moll

Epochenwechsel


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zur Platte


Alina Ibragimova spielt Mendelssohns Violinkonzerte mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment unter Vladimir Jurowski und erweist sich dabei als Grenzgngerin.

Wie kaum ein anderes Orchester mit historischem Instrumentarium und Originalklanganspruch hat das 1986 gegründete britische Orchestra of the Age of Enlightenment (OAE) den Ambitus seines Repertoires ausgeweitet. Wagen Formationen wie das Freiburger Barockorchester, dessen Namen ebenfalls die Orientierung am 17. und 18. Jahrhundert in sich trägt, mittlerweile auch Ausflüge ins 19. Jahrhundert in Richtung Mendelssohn und Schubert, so legt das OAE dieser Tage gar eine Aufnahme von Gustav Mahlers 'Lieder eines fahrenden Gesellen' sowie der 'Totenfeier' vor – in der Vergangenheit standen dagegen noch barocke Größen wie Georg Friedrich Händel oder Henry Purcell auf dem Programm. Gleichfalls unter der Leitung Vladimir Jurowskis erscheint nun zeitgleich mit dem Mahler-Album eine Einspielung der beiden Violinkonzerte Felix Mendelssohn Bartholdys mit der russischen Geigerin Alina Ibragimova. Die noch junge Ibragimova ist bei Hyperion in der letzten Zeit mit einer ganzen Reihe von CD-Aufnahmen in Erscheinung getreten, die vorwiegend bei der englischen Kritik auf positive Resonanzen gestoßen sind

Klassischer Stil und romantische Individualität

Wie eine Insel zwischen dem d-Moll-Violinkonzert des 13jährigen Mendelssohn und dem späteren, ungleich populäreren Violinkonzert in e-Moll von 1844 hat man auf dieser CD die ebenfalls sehr bekannte Ouvertüre 'Die Hebriden' platziert. Dank der sensiblen und klangfarblich strahlenden Gestaltung der Instrumentengruppen im Verbund unter Vladimir Jurowskis Leitung wird der Einsätzer jedoch nicht wie erwartet zu einem Lückenfüller. Vielmehr verdeutlicht die Interpretation schlagartig, wie stark sich Mendelssohn in diesem Werk von den tradierten Vorgaben in harmonischer, melodischer und vor allem instrumentatorischer Hinsicht entfernt. So transparent und gestaffelt in ihrer tonmalerischen Reichhaltigkeit hat man die Ouvertüre selten gehört. Atmosphärisches Flirren in den Violinen steht beispielsweise in aller Klarheit unmittelbar neben den parallel geführten Fagotten und tiefen Streichern während des zweiten Themenkomplexes.

Die Violinkonzerte

Überhaupt wirkt der Tuttiklang auch in den Konzerten zwar schlank, dabei aber zugleich wuchtig und federnd. Dies betrifft im frühen d-Moll Konzert natürlich alleine die Streicher, deren stimmliche Verschlingungen mit dem Part der Solovioline vorbildlich ausgebreitet werden. Alina Ibragimovas Spiel erweist sich in der Tongebung als äußerst variabel und gewandt. Schon im Kopfsatz des d-Moll-Konzerts zeichnet sich in den rasanten Läufen gegen Ende ab, dass sie auf ihrer Bellosio-Geige von 1775 weder dem Vorbild der historischen Aufführungspraxis noch einer ‚modernen‘ Spieltechnik gänzlich folgt, sondern sich zwischen beidem aufhält. So verwendet sie zwar wenig Vibrato, dies jedoch konstant, non-vibrato spielt sie nur sehr selten. Ihre Phrasierung wirkt zunächst gegenüber romantisierenden Interpretationen deutlich kleinteiliger und leicht abgehackt.

Im 'Andante' des e-Moll-Konzerts aber steht ihr Spiel ganz im Dienst des innigen Cantabile. Ihr Ton klingt in den expressiv aufgeladenen Moment des e-Moll-Violinkonzerts bisweilen breit und beinahe ‚unhistorisch‘, wie etwa in der Hinleitung zur Kadenz im Mittelteil des 'Allegro molto e appassionato'. Im Finale dann aber scheint ihr Vortrag wieder leichtfüßig und schlank. Diese Hybridität ließe sich kritisieren, wäre sie nicht in der Musik selbst angelegt, bewegt sich Mendelssohns Konzert doch auf der Grenze zwischen den Epochen und deutet bereits auf das Pathos der kommenden Virtuosenkonzerte hin, während es auf der anderen Seite teils noch im klassischen Stil verankert ist. In dieser Hinsicht bietet diese Einspielung also einen überaus interessanten Blick auf Mendelssohns Violinkonzerte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Weitere CD-Besprechungen zum Label Hyperion:

  • Zur Plattenkritik... Eine lettische Stimme: Neue Chormusik vom Letten Ēriks Eenvalds musiksthetisch vielleicht nicht auf der vordersten Stuhlkante, aber beraus klangsinnlich und zudem sehr fein gesungen vom Trinity Choir Cambridge, geleitet von Stephen Layton. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Plattenkritik... Der Pfeil der Liebe: Wunderbare Musik von Guillaume de Machaut und kongeniale Interpreten: das Orlando Consort mit dem vorzglich gesungenen zweiten Teil seiner Machaut-Reihe bei Hyperion. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Plattenkritik... Klangfreudige Tallis-Lektre: The Cardinall's Musick und Andrew Carwood mit einem vielfarbigen Programm des englischen Renaissancemeisters in einer ebenso individuellen wie gediegenen Interpretation. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Hyperion...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Aron Sayed:

  • Zur Plattenkritik... Besonatungen: Rund 30 Sonaten hat Paul Hindemith fr die unterschiedlichen Orchesterinstrumente komponiert. Fnf davon sind hier vertreten: trocken, humorvoll und sprde. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Plattenkritik... Eine kleine Tschaikowsky-Biographie: Die Beschreibung des Lebens ist adquat, die des Werks unergiebig. Daher ist Malte Korffs Tschaikowsky-Biographie nur zur Hlfte lesenswert. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Plattenkritik... Glserner Prokofjew: Auch wenn er wenig Tastengedonner bietet, bringt Martynov den farblichen und harmonischen Reichtum der Klaviermusik Prokofjews dafr umso subtiler zum Ausdruck. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Aron Sayed...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Plattenkritik... Eine lettische Stimme: Neue Chormusik vom Letten Ēriks Eenvalds musiksthetisch vielleicht nicht auf der vordersten Stuhlkante, aber beraus klangsinnlich und zudem sehr fein gesungen vom Trinity Choir Cambridge, geleitet von Stephen Layton. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Plattenkritik... Verneigung vor Beethoven: Das Belcea Quartet spielte Beethovens Streichquartette in Wien en bloc. Der DVD-Mitschnitt transportiert die hohe Konzentration eines solchen Projekts: Detailflle, Spannung, musikalische Durchdringung und lebhafte Kommunikation der Ausfhrenden. Weiter...
    (Midou Grossmann, )
  • Zur Plattenkritik... Gipfel der letztjhrigen Strauss-Ausbeute: Diese Aufnahme der 'Alpensinfonie' gehrt zu den reifsten Frchten des Strauss-Jubilumsjahrs. Franz Welser-Mst ist eine sorgsamer Gestalter, der sich glcklicherweise nicht der Szenenmalerei hingibt. Weiter...
    (Florian Schreiner, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

harmonia mundi magazin (4(2015) herunterladen (2200 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (4/2015) herunterladen (2231 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Darius Milhaud: Suite - I. Ouvertre: Vif et gai

Radio starten

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Erik Schumann im Portrait "Musik ist mein Lebensinhalt"
Der Geiger Erik Schumann ber seine neue CD, Johannes Brahms, Kammermusik, das Aufwachsen in einer Musikerfamilie, das Internet und Musik als therapeutisches Mittel.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich