> > > Purcell, Henry: Fantazias & In Nomines
Freitag, 29. August 2014

Purcell, Henry - Fantazias & In Nomines

Kunstfertigkeit und Eigensinn


Label/Verlag: Agogique
Detailinformationen zur Platte


Henry Purcell mit einer interessanten Werksammlung vom Beginn seiner kompositorischen Karriere. Und doch zeigt sie ihn in der Vielzahl seiner Facetten - auch dank der vorzglichen Interpretation durch Bruno Cocsets Les Basses Runies.

Henry Purcell (1659-1695) ist als kompositorische Größe unumstritten, steht in Deutschland allerdings weniger im Fokus als im angelsächsischen Kontext. Dabei ist er doch ein frischer Neuerer – in musikdramatischer Sphäre ebenso wie in seinen innovativen Sonaten oder weiteren vokalen Gattungen. Doch erweist sich der jung verstorbene Meister bei näherem Hinsehen auch als Freund der wenig populären Seitenwege.

Dieser Perspektive folgt die neue Platte des französischen Ensembles Les Basses Réunies von Bruno Cocset. Hier werden Purcells im Jahr 1680 entstandene, nie vollendete und für die Entstehungszeit bereits absolut unmoderne fünfzehn 'Fantazias' und 'In Nomines' für Violenconsort vorgestellt. Vor Purcell als letztem in einer beeindruckend langen Reihe von Komponisten, die sich dieser urenglischen Gattung gewidmet haben, war es zwei Jahrzehnte zuvor Matthew Locke gewesen, der zuletzt Consorts veröffentlicht hatte. Was konnte also einen 21jährigen Komponisten dazu bewegen, sich in diesem hoffnungslos aus der Mode gekommenen Genre zu erproben?

Interessant ist ein Blick auf die sich in den Kompositionen Purcells generell offenbarenden Züge seines Tuns und Seins: Purcell ist immer eigenständig, oft gar eigensinnig, er ist überbordend kreativ, zwar am Ewigkeitswerk interessiert, aber doch experimentierfreudig und explorativ stark. Er liebt Strukturen, wird ihnen aber nie hörig. Er ist hörbar in seine Kunst verliebt, aber immer uneitel genug, um die Musik als stetes Zentralgestirn aufleuchten zu lassen. Wenn er es will, kann er wunderbar unmodern sein, bereit zum Risiko und ohne Rücksicht auf den Geschmack des Publikums – den er freilich kennt, wie kaum ein anderer, wohl so gut, dass er ihm nicht immer folgen zu müssen glaubt.

All das spiegelt diese seltsame, den Zeugnissen nach unvollendete, aber alles andere als unfertige Sammlung wieder, die in kurzer Zeit im Sommer 1680 zu Papier gebracht wurde. Es gibt hier durchaus jene selige Leichtigkeit, die Purcells Personalstil kennzeichnet. Doch bietet die alte Form des Consort-Musizierens dem sehr jungen Komponisten auch andere reizvolle Optionen: Man ist immer wieder frappiert von der Strukturstärke einzelner Sätze, ja von der kontrapunktischen Kompromisslosigkeit, mit der Purcell seine tonsetzerischen Muskeln spielen lässt. Unvermittelt brechen dann frischer Witz und gedanklicher Beziehungsreichtum hervor, wie aus dem strukturellen Dickicht, und diesem doch nicht gegenüberstehend sondern eng verbunden. Der von Bruno Cocset mit Blick auf den konstruktivistischen Zug der Sammlung angestellte Vergleich mit Johann Sebastian Bachs Alterswerk der Kunst der Fuge ist zumindest in manchem Aspekt nicht zu weit hergeholt, auch wenn die strenge Vergeistigung Bachs sich naturgemäß nicht im Frühwerk eines Junggenies spiegeln kann. Doch zeigt Purcell, dass er über Anlagen zu Allergrößtem gebot.

Kongeniales Spiel

Einzelne Sätze wie das berühmte Satztechnikkunststück der 'Fantazia upon one note', die auch in dichtestem Getümmel für keine Sekunde ihren tonlichen Kern verliert, sind durchaus bekannt, eine Gesamteinspielung der Sammlung ist gleichwohl seltener anzutreffen. Schon insofern ist das beim noch jungen Label Agogique erschienene Album des schon etliche Male fabelhaft hervorgetretenen französischen Ensembles Les Basses Réunies unter der versierten Leitung Bruno Cocsets hocherfreulich.

Das Ensemble spielt fast sämtlich auf Instrumenten von Charles Riché, der Cocset und dessen musikalischer Arbeit langjährig verbunden ist. Das lässt natürlich einen sehr harmonischen Ensembleklang entstehen, der sehr präsente, aber doch zugleich als Teil einer gemeinsamen Sphäre wahrnehmbare Einzelstimmen kennt. Cocset spielt zusammen mit Emmanuel Jacques, Mathurin Matharel, Steinunn Stefansdottir, Sophie Gent, Stéphanie Paulet, Richard Myron und Bertrand Cuiller in edler linearer Kultur. Die so durchdachte wie tief empfundene Musik Purcells ist klangsensibler kaum deutbar. Delikatesse und erlesene Streicherkunst auf allerhöchstem Niveau prägen das Bild der Platte von Anfang bis Ende. Dabei sind Dezenz und stilistische Präzision besonders eindrücklich in einem kultivierten artikulatorischen Ansatz eingebettet, der eine klar konturierte, auch kontrollierte Tongebung als Kern hat. Doch wirkt das Spiel der Formation nie abgezirkelt oder unbelebt, wird Purcells nie ganz gezügeltes kompositorisches Temperament gleichfalls treffend abgebildet.

Bruno Cocset lässt in fließenden Tempi musizieren, einzelne Figuren werden mit vitaler Energie beschleunigt, anderes scheint beinahe still zu stehen. Die Intonation in dieser heiklen Konstellation eng verwandter Instrumente ist vorzüglich, enorm harmonisch ausgebaut und basiert auf den wunderbaren instrumentalen Möglichkeiten aller Akteure.

Das Klangbild ist warm, weich, mit einem deutlichen Fokus auf der Verschmelzungsfähigkeit der Instrumente und doch um jene Plastizität bereichert, die gelungen gedeutete Consortmusik auszeichnen muss. Seit der ersten Veröffentlichung im vergangenen Jahr überzeugt die ambitionierte fotografische Gestaltung der Produktionen bei Agogique, dazu wirkt auch der knappe, aber gedankentiefe Text aus der Feder Bruno Cocsets überzeugend, der in französischer und englischer Sprache geboten wird. Zudem ist wiederum der enge Bezug der Musiker zum hochkompetenten Instrumentenbauer Charles Riché ausführlich dokumentiert.

Les Basses Réunies erweisen sich als hervorragende Anwälte der im deutschen Kontext durchaus nicht ihrem tatsächlichen Rang entsprechend gewürdigten künstlerischen Position Henry Purcells, der allzu oft eher aus der Ferne für wenige Arbeiten respektiert, denn aus der Mitte seines Schaffens heraus geliebt wird. Cocset bereichert mit seinem Ensemble die Purcell-Diskographie und schmückt das noch junge Label agogique mit einer weiteren hochklassigen Produktion.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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