> > > Busoni, Ferruccio: Transkriptionen
Sonntag, 30. August 2015

Busoni, Ferruccio - Transkriptionen

Spektakulr und tiefgrndig


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Klanglich nicht perfekt, aber pianistisch umso spektakulrer: Sandro Ivo Bartoli spielt Liszt-Bearbeitungen von Ferruccio Busoni.

Einer beliebten Anekdote zufolge nannte sich jeder Pianist, dem Franz Liszt auch nur die Hand geschüttelt hatte, von da an stolz ‚Liszt-Schüler‘. Einige hundert Musiker genossen auch tatsächlich den Unterricht bei der Klavier-Legende und wurden ihrerseits wieder zu gefragten Lehrern, so dass der Einfluss Liszts bis weit ins 20. Jahrhundert hinein reichte. Doch die Inspiration des rastlos schaffenden Pianisten, Komponisten, Pädagogen und Musikschriftstellers ging über seinen Schülerkreis hinaus: Auch Ferruccio Busoni, dessen Ruf als Klavier-Virtuose demjenigen Liszts kaum nachstand, berief sich pianistisch wie kompositorisch auf den Ungarn. Ein musikalisches Zeugnis hiervon legen Busonis Transkriptionen ab, die der Cherkassky-Schüler Sandro Ivo Bartoli auf vorliegender CD eingespielt hat.

Busoni bearbeite Liszts Werke nicht, um sie zu verbessern. Auch um ein pianistisches Feuerwerk ging es ihm nicht, obwohl beispielsweise die abschließende Fantasia mit Fuge über 'Ad nos, ad salutarem undam' noch ein gutes Stück virtuoser als das Original ist. Nein, Busoni wollte im Geiste seines Vorbildes nachschöpferisch tätig werden, um so zu einer Synthese zu gelangen – zur Verschmelzung seines Klavierstils mit demjenigen Liszts. Manchmal waren dazu nur kleinere Veränderungen notwendig, etwa bei der Mehrzahl der Paganini-Etüden. Bartoli spielt diese sechs Werke mit einem rasanten, fast aggressiv wirkenden Zugriff, die technischen Hürden überwindet er mühelos. Besonders zwingend wirkt die sechste Etüde, 'Tema e variazioni', doch auch die waghalsigen Läufe zu Beginn der 'Tremolo'-Etüde zeigen gleich, aus welch pianistischem Holz Bartoli geschnitzt ist.

Ein wenig gedämpft wird der positive Eindruck aber durch ein nicht optimales Klangbild, das den Flügel etwas hallig und distanziert wirken lässt. Bei den gewaltigen Akkord- und Oktavballungen kommt dieser Effekt deutlicher zum Vorschein als in den meist transparent umgeschriebenen Paganini-Etüden. Bartoli, der das Pedal dezent einsetzt und überhaupt auf größte Klarheit bedacht ist, trägt gewiss keine Schuld an diesen Einschränkungen. Man kann den Klangtechnikern zu Gute halten, dass die gewaltige Meyerbeer-Fantasie pianistisch ‚überkomponiert‘ ist, ein Problem, das man bei Busoni hin und wieder antrifft, beispielsweise in seinem titanischen Klavierkonzert. So ein Werk ist nur sehr schwer zufriedenstellend einzufangen. Dennoch bleiben Defizite hörbar.

Vor allem die drei größeren Stücke am Ende der CD wiegen diese Einschränkungen jedoch auf durch ein technisch wie musikalisch überzeugendes Klavierspiel. Bartoli zaubert die 19. Ungarische Rhapsodie, den ersten Mephisto-Walzer und die Meyerbeer-Fantasie aus der Klaviatur, als hätte Busoni die Originale erleichtert. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Transkriptionen steigern bei diesen drei Stücken den ohnehin schon hohen Schwierigkeitsgrad noch erheblich, so dass viele Pianisten lieber bei der Liszt-Fassung bleiben. Nicht so Bartoli, der vor allem der abschließenden Fantasie eine Klangpracht abgewinnen kann, dass man sich als Hörer anschließend erschöpft in den Sessel fallen lässt: Was ist auf einem Klavier möglich! Vorausgesetzt, es wird von einem echten Könner gespielt, wie es Bartoli ohne Zweifel ist.

Nur Liszt-Puristen, die jede Bearbeitung ablehnen, werden angesichts dieser CD die Nase rümpfen. Für Freunde spektakulären und tiefgründigen Klavierspiels ist Bartolis Auswahl ein echter Leckerbissen, der leider klanglich nicht optimal präsentiert wird. Sehr lesenswert ist zudem der (englische) Beiheft-Text, in dem Bartoli seine Begegnung mit einem Dirigenten schildert, dessen Namen er taktvoll verschweigt. Der Maestro rügt Bartolis Vorliebe für Busoni-Bearbeitungen und wirft dem Pianisten gar vor, an einer ‚Busonitis‘ erkrankt zu sein. Nach Kenntnisnahme dieser Einspielung kann man beruhigt diagnostizieren: Es handelt sich um eine 'Krankheit' mit praktisch ausschließlich positiven Symptomen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Brilliant classics:

  • Zur Kritik... Geniale letzte Werke: Ungetrbtes Hrvergngen bereitet diese CD mit Kammermusik fr Blser und Klavier aus der Feder des genialen Franzosen Camille Saint-Sans. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Die Hexe spricht's: Das Label Brilliant Classics legt die Dresdner Hnsel und Gretel-Einspielung von 1969 unter Otmar Suitner mit hervorragenden Solisten und einer bestens aufgelegten Dresdner Staatskapelle neu auf. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Herbstlaub: Die hier aufgenommenen Kammermusikwerke von Robert Fuchs sind kompositorisch inspiriert und erkunden zum Teil Pfade, die der Komponist nicht so oft eingeschlagen hat. Die musikalische Umsetzung ist tadellos. Weiter...
    (Dr. Jrgen Schaarwchter, )
blättern

Alle Kritiken von Brilliant classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Michael Loos:

  • Zur Kritik... Geniale letzte Werke: Ungetrbtes Hrvergngen bereitet diese CD mit Kammermusik fr Blser und Klavier aus der Feder des genialen Franzosen Camille Saint-Sans. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Ein Fest fr Pianoholics: Fr Einsteiger wie fr Sorabji-Experten gleichermaen empfehlenswert ist diese Zusammenstellung von akustisch leider etwas drftigen Aufnahmen Michael Habermanns. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Viel verschenktes Potential: Martin Roscoe ist den Klavierwerken Ern Dohnnyis zwar technisch vollauf gewachsen, htte aber vor allem im dynamischen Bereich noch mehr Wirkung erzielen knnen. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Michael Loos...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Blick frs Wesentliche: Cathy Krier gibt einen glasklaren, durchdringenden Blick auf das pianistische uvre Leo Jančeks frei. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Kunstreich: Giovanni Paolo Cima gehrt zu den heute weitgehend vergessenen Komponisten des Frhbarock. Eine Werkauswahl wird hier stilsicher und sehr ansprechend prsentiert. Weiter...
    (Dr. Jrgen Schaarwchter, )
  • Zur Kritik... Geniale letzte Werke: Ungetrbtes Hrvergngen bereitet diese CD mit Kammermusik fr Blser und Klavier aus der Feder des genialen Franzosen Camille Saint-Sans. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

harmonia mundi magazin (8/2015) herunterladen (1831 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (7/2015) herunterladen (2823 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

August Klughardt: Drei Stcke fr Orchester op. 87 - III. Tarantelle

Radio starten

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Frhling der Knste im Frstentum
Das Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo bringt Ungewohntes zusammen.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich