> > > Busoni, Ferruccio: Transkriptionen
Samstag, 3. Dezember 2016

Busoni, Ferruccio - Transkriptionen

Spektakulär und tiefgründig


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Klanglich nicht perfekt, aber pianistisch umso spektakulärer: Sandro Ivo Bartoli spielt Liszt-Bearbeitungen von Ferruccio Busoni.

Einer beliebten Anekdote zufolge nannte sich jeder Pianist, dem Franz Liszt auch nur die Hand geschüttelt hatte, von da an stolz ‚Liszt-Schüler‘. Einige hundert Musiker genossen auch tatsächlich den Unterricht bei der Klavier-Legende und wurden ihrerseits wieder zu gefragten Lehrern, so dass der Einfluss Liszts bis weit ins 20. Jahrhundert hinein reichte. Doch die Inspiration des rastlos schaffenden Pianisten, Komponisten, Pädagogen und Musikschriftstellers ging über seinen Schülerkreis hinaus: Auch Ferruccio Busoni, dessen Ruf als Klavier-Virtuose demjenigen Liszts kaum nachstand, berief sich pianistisch wie kompositorisch auf den Ungarn. Ein musikalisches Zeugnis hiervon legen Busonis Transkriptionen ab, die der Cherkassky-Schüler Sandro Ivo Bartoli auf vorliegender CD eingespielt hat.

Busoni bearbeite Liszts Werke nicht, um sie zu verbessern. Auch um ein pianistisches Feuerwerk ging es ihm nicht, obwohl beispielsweise die abschließende Fantasia mit Fuge über 'Ad nos, ad salutarem undam' noch ein gutes Stück virtuoser als das Original ist. Nein, Busoni wollte im Geiste seines Vorbildes nachschöpferisch tätig werden, um so zu einer Synthese zu gelangen – zur Verschmelzung seines Klavierstils mit demjenigen Liszts. Manchmal waren dazu nur kleinere Veränderungen notwendig, etwa bei der Mehrzahl der Paganini-Etüden. Bartoli spielt diese sechs Werke mit einem rasanten, fast aggressiv wirkenden Zugriff, die technischen Hürden überwindet er mühelos. Besonders zwingend wirkt die sechste Etüde, 'Tema e variazioni', doch auch die waghalsigen Läufe zu Beginn der 'Tremolo'-Etüde zeigen gleich, aus welch pianistischem Holz Bartoli geschnitzt ist.

Ein wenig gedämpft wird der positive Eindruck aber durch ein nicht optimales Klangbild, das den Flügel etwas hallig und distanziert wirken lässt. Bei den gewaltigen Akkord- und Oktavballungen kommt dieser Effekt deutlicher zum Vorschein als in den meist transparent umgeschriebenen Paganini-Etüden. Bartoli, der das Pedal dezent einsetzt und überhaupt auf größte Klarheit bedacht ist, trägt gewiss keine Schuld an diesen Einschränkungen. Man kann den Klangtechnikern zu Gute halten, dass die gewaltige Meyerbeer-Fantasie pianistisch ‚überkomponiert‘ ist, ein Problem, das man bei Busoni hin und wieder antrifft, beispielsweise in seinem titanischen Klavierkonzert. So ein Werk ist nur sehr schwer zufriedenstellend einzufangen. Dennoch bleiben Defizite hörbar.

Vor allem die drei größeren Stücke am Ende der CD wiegen diese Einschränkungen jedoch auf durch ein technisch wie musikalisch überzeugendes Klavierspiel. Bartoli zaubert die 19. Ungarische Rhapsodie, den ersten Mephisto-Walzer und die Meyerbeer-Fantasie aus der Klaviatur, als hätte Busoni die Originale erleichtert. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Transkriptionen steigern bei diesen drei Stücken den ohnehin schon hohen Schwierigkeitsgrad noch erheblich, so dass viele Pianisten lieber bei der Liszt-Fassung bleiben. Nicht so Bartoli, der vor allem der abschließenden Fantasie eine Klangpracht abgewinnen kann, dass man sich als Hörer anschließend erschöpft in den Sessel fallen lässt: Was ist auf einem Klavier möglich! Vorausgesetzt, es wird von einem echten Könner gespielt, wie es Bartoli ohne Zweifel ist.

Nur Liszt-Puristen, die jede Bearbeitung ablehnen, werden angesichts dieser CD die Nase rümpfen. Für Freunde spektakulären und tiefgründigen Klavierspiels ist Bartolis Auswahl ein echter Leckerbissen, der leider klanglich nicht optimal präsentiert wird. Sehr lesenswert ist zudem der (englische) Beiheft-Text, in dem Bartoli seine Begegnung mit einem Dirigenten schildert, dessen Namen er taktvoll verschweigt. Der Maestro rügt Bartolis Vorliebe für Busoni-Bearbeitungen und wirft dem Pianisten gar vor, an einer ‚Busonitis‘ erkrankt zu sein. Nach Kenntnisnahme dieser Einspielung kann man beruhigt diagnostizieren: Es handelt sich um eine 'Krankheit' mit praktisch ausschließlich positiven Symptomen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Busoni, Ferruccio: Transkriptionen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
04.03.2011
EAN:

5028421942001


Cover vergössern

Brilliant classics

Brilliant Classics steht für hochwertige Klassik zu günstigen Preisen!

Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Brilliant classics:

  • Zur Kritik... Leidvoll, nicht freudvoll: Martuccis Klavier-Kammermusik verlangt immer noch nach Pioniergeist von Interpreten, welche die kaum gespielten und bekannten Werke in Tempo und Klang heute neu verorten. Alleine das Emotionale, Romantisch-Schwülstige dieser Musik in den Vordergrund zu rücken, scheint eher problematisch. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Wertvolle Ergänzung samt Kostbarkeit: Das Diogenes Quartett legt eine famose Einspielung der beiden Streichquartette von Max Bruch vor, ergänzt um die Ersteinspielung einer bis vor wenigen Jahren unbekannten Jugendkomposition. Weiter...
    (Florian Schreiner, )
  • Zur Kritik... Solide Umsetzung mit einigen Schwächen: Mauro Tortorelli und Angela Meluso spielen Kompositionen für Violine bzw. Viola und Klavier von Darius Milhaud. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Brilliant classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Michael Loos:

  • Zur Kritik... Martinůs unbekannter Zeitgenosse: Fast vierzig Jahre nach dem Tod von Miloslav Kabeláč legt Supraphon nun eine Gesamteinspielung der acht Symphonien des tschechischen Komponisten vor. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Auf der Suche nach dem eigenen Tonfall: Diese Doppel-CD mit Werken für Violine und Klavier von Mieczyslaw Weinberg kann nicht so sehr beeindrucken wie viele anderen Weinberg-Veröffentlichungen von cpo. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Tänzerische Juwelen: Das Klavierwerk Bedřich Smetanas ist vergleichsweise unbekannt, umso erfreulicher gestaltet sich diese Begegnung mit seinen tschechischen Tänzen. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Michael Loos...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Wie neu: Yevgeny Sudbin legt nach zehn Jahren neue Einsichten auf Domenico Scarlattis Sonaten vor. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... Klavier-Bilderbuch nicht nur für Kleine: Falls auch Ihre Kindergarten-Kinder Ihre alten Babar-Bilderbücher (oder die neueren Filme) lieben, so ist diese CD etwa zur Adventszeit eine ideale Untermalung beim Blättern. Oder für Autofahrten mit erinnerten Bildern. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Mit deutscher Italianità: Der Komponist Otto Nicolai hat ungleich mehr zu bieten als die populären 'Lustigen Weiber von Windsor' – nämlich deutschen Belcanto! Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

SWR Abo-Konzert 3

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2016) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Heinrich Finck: Missa super Ave praeclara - Sanctus

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Gabriele Leporatti im Portrait "Ich kann Scarlatti nicht anrufen!"
Der Pianist Gabriele Leporatti über sein eigenes Label, seine neueste CD, historische Aufführungspraxis und die deutsche Romantik

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich