> > > Busoni, Ferruccio: Transkriptionen
Sonntag, 25. September 2016

Busoni, Ferruccio - Transkriptionen

Spektakulär und tiefgründig


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Klanglich nicht perfekt, aber pianistisch umso spektakulärer: Sandro Ivo Bartoli spielt Liszt-Bearbeitungen von Ferruccio Busoni.

Einer beliebten Anekdote zufolge nannte sich jeder Pianist, dem Franz Liszt auch nur die Hand geschüttelt hatte, von da an stolz ‚Liszt-Schüler‘. Einige hundert Musiker genossen auch tatsächlich den Unterricht bei der Klavier-Legende und wurden ihrerseits wieder zu gefragten Lehrern, so dass der Einfluss Liszts bis weit ins 20. Jahrhundert hinein reichte. Doch die Inspiration des rastlos schaffenden Pianisten, Komponisten, Pädagogen und Musikschriftstellers ging über seinen Schülerkreis hinaus: Auch Ferruccio Busoni, dessen Ruf als Klavier-Virtuose demjenigen Liszts kaum nachstand, berief sich pianistisch wie kompositorisch auf den Ungarn. Ein musikalisches Zeugnis hiervon legen Busonis Transkriptionen ab, die der Cherkassky-Schüler Sandro Ivo Bartoli auf vorliegender CD eingespielt hat.

Busoni bearbeite Liszts Werke nicht, um sie zu verbessern. Auch um ein pianistisches Feuerwerk ging es ihm nicht, obwohl beispielsweise die abschließende Fantasia mit Fuge über 'Ad nos, ad salutarem undam' noch ein gutes Stück virtuoser als das Original ist. Nein, Busoni wollte im Geiste seines Vorbildes nachschöpferisch tätig werden, um so zu einer Synthese zu gelangen – zur Verschmelzung seines Klavierstils mit demjenigen Liszts. Manchmal waren dazu nur kleinere Veränderungen notwendig, etwa bei der Mehrzahl der Paganini-Etüden. Bartoli spielt diese sechs Werke mit einem rasanten, fast aggressiv wirkenden Zugriff, die technischen Hürden überwindet er mühelos. Besonders zwingend wirkt die sechste Etüde, 'Tema e variazioni', doch auch die waghalsigen Läufe zu Beginn der 'Tremolo'-Etüde zeigen gleich, aus welch pianistischem Holz Bartoli geschnitzt ist.

Ein wenig gedämpft wird der positive Eindruck aber durch ein nicht optimales Klangbild, das den Flügel etwas hallig und distanziert wirken lässt. Bei den gewaltigen Akkord- und Oktavballungen kommt dieser Effekt deutlicher zum Vorschein als in den meist transparent umgeschriebenen Paganini-Etüden. Bartoli, der das Pedal dezent einsetzt und überhaupt auf größte Klarheit bedacht ist, trägt gewiss keine Schuld an diesen Einschränkungen. Man kann den Klangtechnikern zu Gute halten, dass die gewaltige Meyerbeer-Fantasie pianistisch ‚überkomponiert‘ ist, ein Problem, das man bei Busoni hin und wieder antrifft, beispielsweise in seinem titanischen Klavierkonzert. So ein Werk ist nur sehr schwer zufriedenstellend einzufangen. Dennoch bleiben Defizite hörbar.

Vor allem die drei größeren Stücke am Ende der CD wiegen diese Einschränkungen jedoch auf durch ein technisch wie musikalisch überzeugendes Klavierspiel. Bartoli zaubert die 19. Ungarische Rhapsodie, den ersten Mephisto-Walzer und die Meyerbeer-Fantasie aus der Klaviatur, als hätte Busoni die Originale erleichtert. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Transkriptionen steigern bei diesen drei Stücken den ohnehin schon hohen Schwierigkeitsgrad noch erheblich, so dass viele Pianisten lieber bei der Liszt-Fassung bleiben. Nicht so Bartoli, der vor allem der abschließenden Fantasie eine Klangpracht abgewinnen kann, dass man sich als Hörer anschließend erschöpft in den Sessel fallen lässt: Was ist auf einem Klavier möglich! Vorausgesetzt, es wird von einem echten Könner gespielt, wie es Bartoli ohne Zweifel ist.

Nur Liszt-Puristen, die jede Bearbeitung ablehnen, werden angesichts dieser CD die Nase rümpfen. Für Freunde spektakulären und tiefgründigen Klavierspiels ist Bartolis Auswahl ein echter Leckerbissen, der leider klanglich nicht optimal präsentiert wird. Sehr lesenswert ist zudem der (englische) Beiheft-Text, in dem Bartoli seine Begegnung mit einem Dirigenten schildert, dessen Namen er taktvoll verschweigt. Der Maestro rügt Bartolis Vorliebe für Busoni-Bearbeitungen und wirft dem Pianisten gar vor, an einer ‚Busonitis‘ erkrankt zu sein. Nach Kenntnisnahme dieser Einspielung kann man beruhigt diagnostizieren: Es handelt sich um eine 'Krankheit' mit praktisch ausschließlich positiven Symptomen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Busoni, Ferruccio: Transkriptionen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
04.03.2011
EAN:

5028421942001


Cover vergössern

Brilliant classics

Brilliant Classics steht für hochwertige Klassik zu günstigen Preisen!

Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Brilliant classics:

  • Zur Kritik... Lichtdurchflutete Kammermusik: Bekannt ist er vor allem als Komponist von Filmmusik, doch auch als Schöpfer von Kammermusik kann sich Nino Rota hören lassen, wie diese Veröffentlichung unterstreicht. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Doppelt reizvoll: Eine ebenso temperamentvolle wie elegante Telemann-Lektüre – wie gewohnt beim Ensemble Cordevento und Erik Bosgraaf. Echte Werbung für den Komponisten, vor allem für dessen vielgestaltige Konzerte, immer wieder neu. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Klangerlebnisse: In drei Cellosonaten von Ries, Hummel und Moscheles gelingen den Musikern Momente stupendester Schönheit. Das Gesamtbild wird aber durch einige Schwächen des Cellisten etwas getrübt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Brilliant classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Michael Loos:

  • Zur Kritik... Lichtdurchflutete Kammermusik: Bekannt ist er vor allem als Komponist von Filmmusik, doch auch als Schöpfer von Kammermusik kann sich Nino Rota hören lassen, wie diese Veröffentlichung unterstreicht. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Zu wenig Augenmaß: Etwas schwächer als die bisherigen Kammermusik-Einspielungen wirkt diese Aufnahme von César Francks Klavierquintett mit Marc-André Hamelin und dem Takács-Quartett. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Sensibles kammermusikalisches Gespür: Die Kombination von Schumanns Klavierquintett mit dem Quintett von Felix Draeseke erweist sich als echter Glücksfall, obwohl ein gewisses Qualitätsgefälle zwischen den Werken hörbar bleibt. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Michael Loos...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Kraftvolle Opernrarität: Hörenswerter Mitschnitt von Zdenek Fibichs in Deutschland erstmals 2015 gespielter Oper 'Die Braut von Messina' mit einem gut disponierten, stimmigen Solistenensemble unter dem kraftvollen Dirigat von Kimbo Ishii. Weiter...
    (Silke Meier-Künzel, )
  • Zur Kritik... Kalte Glut: Auf ihre Weise sind diese Musiker unübertroffen. Weiter...
    (Dr. Daniel Krause, )
  • Zur Kritik... Lakonisch, zart, bestechend - isländische Lieder: Der isländische Komponist Jón Leifs hat eine Vielzahl von entdeckenswerten Liedern geschrieben. Tenor Finnur Bjarnason und Pianist Örn Magnússon gelingt es, die schroffen, lakonischen, aber auch zarten und lyrischen Kompositionen unprätentiös und fesselnd erlebbar zu machen. Weiter...
    (Silke Meier-Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2016) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (3/2016) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Johannes Brahms: 3 Intermezzi, op. 117 - Andante con moto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Ensemble Armoniosa im Portrait "Unser Ensemble ist geprägt von wirklicher Harmonie"
Das Ensemble Armoniosa über seine neue CD, Historische Aufführungspraxis, gemeinsame Essen, selbstgebaute Instrumente und Musik im Internet.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich