Auf DVD ist die musikalisch-choreographische Produktion der Akademie für Alte Musik Berlin mit Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola sowie der Compagnie Sasha Waltz & Guests bereits vor einiger Zeit erschienen. Und nachdem sich ‚Akamus‘ im September 2009 in die Berliner Teldex-Studios begeben haben, liegt die Kombination von Antonio Vivaldis (1678-1741) ‚Vier Jahreszeiten‘ mit Jean-Fery Rebels (1666-1747) 'Les Éléments‘ nun auch auf CD vor. Dass es beide Werke mit der Akademie für Alte Musik Berlin nun also gleich zweimal gibt, erscheint insofern sinnvoll, als auf der DVD-Produktion nicht nur das Ensemble, sondern ebenfalls die Violinistin Midori Seiler in den tänzerischen Bewegungszusammenhang einbezogen werden, wodurch das rein musikalische Ergebnis zwar nur in geringem, aber doch merklichen Ausmaß beeinflusst wird. Hinzu kommt, dass Liebhaber toll gespielter Barockmusik sich nicht unbedingt jedes Mal die DVD ansehen werden wollen, nur um besagte Werke mit diesem exzellenten Barockensemble zu hören.
Freilich sieht sich jede Neueinspielung von 'Le quattro stagioni' zunächst dem – nicht unberechtigten – Vorwurf ausgesetzt, überflüssig zu sein, weil es schon geschätzte 500000 andere davon gibt, darunter befinden sich im Jahr 2010 nicht wenige hochklassige. Insofern stellt alleine das Argument, dass die Akademie für Alte Musik Berlin wohl zu den weltbesten Klangkörpern innerhalb ihres Fachbereichs zählt, und es sich bei Midori Seiler um eine ausgezeichnete Violinistin handelt, noch keinen Freispruch dar. Was die Aufnahme gleichwohl überaus empfehlenswert macht und die zahllosen anderen Einspielungen in den Hintergrund drängt, sind drei Dinge. Erstens hat man allem Anschein nach auch für die CD-Aufnahme die Unterteilung des Orchesters in zwei Tutti-Blöcke beibehalten, woraus sich ungewohnte klangliche Effekte, etwa hinsichtlich der Räumlichkeit, ergeben. Sowohl in 'Le quattro stagioni' als auch in 'Les Éléments' hört man somit gleich zwei Continuo-Gruppen mit jeweils einem Cembalo. Dem sich einstellenden, den Ensembleklang grundierenden ‚Prassel‘-Effekt der einander zuspielenden Cembali lauscht man gerne, zumal die unterschiedlichen Instrumentenschichten jederzeit bis ins Detail durchhörbar bleiben. Ein schönes Beispiel hierfür bietet die erste Loure in 'Les Éléments'.
Zweitens orientiert sich die Interpretation zum Glück nicht sklavisch am Notentext, denn das wäre bei einem von der Rezeptionsgeschichte plattgetrampelten Werk wie Vivaldis Konzertzyklus tödlich. Stattdessen erlebt man einen teils experimentell geprägten, durchaus innovativ zu nennenden Umgang mit den barocken ‚Evergreens‘ des Venezianers. So beginnt der dritte Satz des ‚Frühlings‘ hier einmal nicht im Tutti, sondern mit einigen leisen Bordun-Quinten, wodurch dessen tänzerischer Charakter hervorgehoben wird. Im ersten Satz des ‚Sommers‘ hingegen hält der Kontrabass alleine die Schlussnote so lange aus, bis der zweite beginnt. Der dadurch entstehende Übergang wirkt jedoch alles andere als willkürlich, weil der Kontrabass, im Gegensatz zu gängigen Interpretationen, die grollenden Ein-Ton-Wiederholungen, die das Violinsolo mehrfach unterbrechen, auch hier als einziger übernimmt. Der Beginn des anschließenden 'Presto' erklingt wider Erwarten zunächst nicht laut, sondern leise. Erst nach der ersten Generalpause donnert das Ensemble im Tutti virtuos drauflos – das Gewitter, das sich während des 'Adagio' im Solo-Kontrabass sozusagen aus der Ferne ankündigt – man achte in diesem Zusammenhang auf die von Vivaldi zu den Konzerten verfassten Gedichte, die im Booklet abgedruckt sind – entlädt sich endlich. Wären die Ein-Ton-Wiederholungen vom gesamten Ensemble gespielt worden, das von Vivaldi auskomponierte Herannahen des Gewitters wäre nicht so gut zur Geltung gelangt.
Dass sich Akamus ganz bewusst von eingefahrenen Interpretationspraktiken abzuheben sucht, merkt man unter anderem daran, dass sie die jeweiligen Schlussakkorde der Sätze nicht, wie man es in den letzten Jahren öfter zu hören bekam, vollgriffig und mit vorher künstlich eingeschobener Generalpause – Achtung Schluss! – spielen, sondern diese angenehm unspektakulär leise ausklingen lassen. Zahlreiche weitere Besonderheiten könnten noch aufgezählt werden: Midori Seilers Einfallsreichtum bei den Verzierungen ihres Soloparts etwa oder ihre wendigen Phrasierungen, denen sie als Leitprinzip anscheinend Muhammad Ali vorangestellt hat: Schwebe wie ein Schmetterling (in den langsamen Sätzen), stich wie eine Biene (in den schnellen).
Drittens schließlich bilden Rebels 'Les Éléments' mehr als eine passende Ergänzung zu 'Le quatro stagioni', zumal man hier ebenfalls nicht um originelle Einfälle verlegen ist: In 'Ramage' und 'Rossignols' werden die Vogelgezwitscher imitierenden Piccoloflöten von echtem flankiert. In der rasanten 'Caprice' untermalt eine Windmaschine das umherwirbelnde Ineinander der Instrumentenstimmen. |