Normalerweise bin ich ein Mensch, der sich sehr über Ausgrabungen und Neuentdeckungen vernachlässigter Musik freut. Im Falle dieser beim Label Guild veröffentlichten CD mit Violinkonzerten – dem Concerto pour violon et orchestre C-Dur op. 50 (1901) und dem 'Poème' (2ème Concerto) pour violon et orchestre (1909) – des Schweizer Komponisten Émile Jaques-Dalcroze (1865-1950) neige ich jedoch eher zum Gegenteil: denn selten habe ich eine ereignislosere und klischeehaftere Musik gehört. Mag sein, dass Jaques-Dalcroze vor allem in der französischen Schweiz durch seine Lieder und Kindertänze große Beliebtheit erlangt hat, wie auch seine Verdienste um die Entwicklung der Eurythmie unbestreitbar sind. Liest man jedoch das große Lob, das Jacques Tchamkerten dem Komponisten in seinem Booklet-Text angedeihen lässt, kommt man nicht umhin, enorme Differenzen zum Höreindruck festzustellen. Vom 'außergewöhnlich[en] melodischen Talent' und der 'Originalität seines rhythmischen Gespürs' ist da etwa die Rede, doch angesichts von Zeitgenossen wie Gabriel Fauré, Claude Debussy, Maurice Ravel, Gustav Mahler und Richard Strauss – um hier nur einige wenige zu nennen – klingen diese Worte fast schon wie Hohn.
Nicht nur die meisten Themen und deren Fortspinnungen oder Verarbeitungen, die sich oft aus dem Wechsel einfachster rhythmischer Werte generieren, wirken erschreckend banal; auch Details wie der kompositorische Zugriff auf bestimmte satztechnische Problemstellungen oder auf die Instrumentation lassen Zweifel an den Fähigkeiten des Komponisten aufkommen. So verbreiten etwa die zähen kontrapunktischen Verarbeitungen, die im Kopfsatz von op. 50 zu hören sind, den ganzen Muff von schlecht ausgeführten akademischen Satzlehreübungen, denen, da sie zu keinem sinnvollen Ende gebracht werden können, ganz abrupt durch die Reprise des Hauptthemas Einhalt geboten werden muss – eine recht plumpe Lösung, die einem den Schweiß auf die Stirn treibt. Und trotz einiger recht netter Stellen ist gerade das kitschige 'Poème' ein bitteres Zeugnis von mangelnder Erfindungskraft: Wie sich hier die Violinstimme nach einer als instrumentales Rezitativ konzipierten Einleitung in meist regelmäßigen Notenwerten durch den Tonraum windet ist schon ein recht kurioses Beispiel für 'melodisches Talent' und 'Originalität' des rhythmischen Gespürs.
Ein anderes Problem ist die Instrumentation, die besonders im 'Poème' kein Klischee auslässt: Wird es leise und sphärisch, beginnt die Harfe wie wild zu arpeggieren, bis man die Engelchen zwitschern hört; liegt die Musik dem Komponisten dagegen schwer und lastend auf der Seele, arbeitet sich das Blech an tiefen Akkordsequenzen ab; und zwischen durch wachsen Kantilenen-Stümpfe unbeholfen empor, um dem poetischen Moment des Werkes Ausdruck zu verleihen. Ganz gleich, wo man den Finger auch hinlegt: Es kommt eigentlich immer genauso, wie man es erwartet und eigentlich nicht haben möchte. Mit einem Wort: Die Musik bleibt ohne jede Überraschung, ist konventionell und handwerklich unzureichend gemacht. Was hier an banalen Einfällen ertönt, in ebenso ideenloser Verarbeitung in die Länge gezogen und mit einer abgeschmackten Instrumentation angemalt wird, ist in der Tat ein abschreckendes Beispiel und lässt rein gar nichts von jener Originalität spüren, von der im Booklet so eloquent die Rede ist.
Doch nicht nur die Musik strapaziert die Geduld, auch die Wiedergabe durch den Geiger Rodion Zamuruev und das Moskauer Sinfonieorchester unter Leitung von Alexander Anissimov ist wahrlich keine Ruhmestat. Eigentlich ist es mir schleierhaft, wie man die Qualitätskriterien für eine Einspielung derart niedrig hängen kann: Die Intonation ist manchmal eine Katastrophe, schon der erste Akkord der CD klingt hoffnungslos verstimmt, und auch darüber hinaus gibt es kaum einen Tutti-Einsatz, bei dem Bläser und Streicher richtig aufeinander eingestimmt sind. Ähnliches ist auch dort zu bemerken, wo Solist und Orchester im Kopfsatz von op. 50 zum ersten Mal zusammen spielen, denn sie finden in Bezug auf die Intonation kaum zusammen und musizieren manchmal mit dem Charme eine Kirmeskapelle nachts um drei. Ansonsten regieren immer wieder verwackelte rhythmische Unisoni, eine unpräzise Begleitung des Soloparts und eine dynamische Gestaltung ohne größere Differenzierung, also wohl eher eine Nicht-Gestaltung, deren Ziel es möglicherweise sein soll, alles möglichst gleichmäßig klingen zu lassen.
Was der Dirigent also tatsächlich macht, bleibt mir als Hörer verschlossen, und auch Zamuruev überzeugt mich nicht. Der Geiger realisiert seinen Part zwar in spieltechnischer Hinsicht recht ordentlich, bleibt aber ansonsten in puncto Gestaltung gleichfalls weit hinter den Möglichkeiten eines wirklich guten Solisten zurück. Von nennenswerter Agogik ist etwa nicht viel zu erkennen, eher von dem Bedürfnis, die einfache Rhythmik so regelmäßig wie möglich zu spielen, was insbesondere dort unfreiwillig komisch wirkt, wo es darum geht, den Duktus einer Sprachdeklamation instrumental zu umschreiben. Dass Zamoruev bei alldem immer wieder auch ziemlich ziellos agiert und nicht so recht zu wissen scheint, in welche Richtung er die spärlichen Ansätze von Melodie entwickeln und wie er dynamisch damit umgehen soll, macht die Angelegenheit nicht gerade besser. Im Grunde kann man also getrost auf diese Aufnahme verzichten. |