> > > Strawinsky, Igor: Apollon musagte & Pulcinella Suite
Mittwoch, 23. Juli 2014

Strawinsky, Igor - Apollon musagte & Pulcinella Suite

Strawinsky mit lan vital


Label/Verlag: Linn Records
Detailinformationen zur Platte


Erst krzlich lobte der ?Daily Telegraph? das Chamber Orchestra of Europe als das ?beste Kammerorchester der Welt?. Eine neue Einspielung bei Linn Records mit Balletmusik von Strawinsky bezeugt nun die hohe Qualitt des Ensembles.

Erst kürzlich bezeichnete der Daily Telegraph das Chamber Orchestra of Europe als das ‚beste Kammerorchester der Welt’. Eine neue Einspielung bei Linn Records mit Ballettmusik von Igor Strawinsky bezeugt nun die hohe Qualität des Londoner Ensembles. Berühmt wurde das Orchester seit den späten 1980er Jahren vor allem durch die Zusammenarbeit mit Nikolaus Harnoncourt, Thomas Hengelbrock oder Claudio Abbado. Harnoncourts hoch gelobte Gesamteinspielung der neun Symphonien Beethovens war einer der Höhepunkte dieser fruchtbaren Liaison. Die Strawinsky-Aufnahme in der reizvollen Akustik der Èglise Maronite Notre-Dame Du Liban in Paris leitete indes mit Alexander Janiczek ein bislang wenig profilierter, in Deutschland nahezu unbekannter Dirigent. Das Chamber Orchestra of Europe ist allerdings – vergleichbar mit der Kremarata Baltica – ein Ensemble, das auch ohne einen großen Dirigenten auf einem gewissen Niveau immer funktioniert. Hört man allein die ungebrochene Spielfreude der Streicher, wird man daran keinen Zweifel mehr haben.

Viel spricht dafür, die beiden Erarbeitungen von ‘Apollon musagète’ (1927/28) und der neobarocken ‘Pulcinella-Suite’ (1920/1947) zur neuen Referenz zu erklären. Aus jeder Note sprießt der ungebändigte Èlan vital eines dynamischen Ensembles empor, der doch auch ebenso charakteristisch für das Leben, Werk und Charisma des russischen Modernisten war – besonders in seiner frühen Pariser Zeit, als er mit Léonide Massine, Pablo Picasso und Sergei Djagilew an seinem Gesamtkunstwerk ‘Pulcinella’ arbeitete.

In die Kreativität und Spontaneität jener Pariser Kunstwelt fühlt man sich sofort hineinversetzt, wenn man sich die Aufnahme aus dem Jahre 2008 anhört. Die Dynamik erklingt hoch differenziert und rhythmisch präzise, ohne dabei statisch oder unbelebt zu wirken. In den langsamen Sätzen, wie der melancholischen 'Serenata’, spürt man aber auch, dass gerade der Ballettmusik Strawinskys eine kleine Besetzung immer wieder sehr gut bekommt. Der poetische Ausdruck erreicht hier jene kammermusikalische Intimität, die doch stets erst aus dem introvertierten Dialog einzelner Solisten mit dem Ripieno erwächst. Wie in der ‚blauen Periode’ Picassos ist dieser Satz in eine dunkle Klangfarbe getaucht – Schönheit, Melancholie und ein klassisches Formideal stehen hier gleichsam nebeneinander.

In einer überwiegend werktreuen (und das heißt bei Strawinsky: texttreuen) Interpretation fasziniert an der Aufnahme letztlich besonders die mikroskopische Detailschärfe dieser außergewöhnlichen ‘Pulcinella-Suite’. Neben den verschiedenen burlesken Charakteren und einer meisterhaften Instrumentierung kommen durch die Interpretation unerwartete Stimmungen, Affekte und Gefühle musikalisch zum Vorschein. Ähnlich wie auf dem schönen Cover-Gemälde von Grace Cossington Smith erfährt man so in der Musik eine zusätzliche semantische Tiefendimension der Musik Strawinskys. Bei aller tänzerischen Euphorie, kühnen Rhythmik und aufstoßenden Akzentbetonung hatte er doch stets auch die Stille, Ruhe und Melancholie nach einem bewegten Ballett mitkomponiert. Die Tragik des Pierrot lunaire (Schönberg), des Harlekin (Picasso) oder all der anderen zwielichtigen Zirkusgestalten, bündelte sich für Strawinsky in der märchenhaftesten Figur des neapolitanischen Volkstheaters – dem tölpelhaften Hanswurst ‘Pulcinella’. Zwischen Pseudo-Pergolesi und dem Zeitgeist des Pariser Neoklassizismus hat Strawinsky eines seiner faszinierendsten Werke geschaffen, das in der nuancenreichen Einspielung des Chamber Orchestra of Europe in ursprünglicher Schönheit und neuem Glanz auch heute noch fasziniert.

Interpretation:
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Von Toni Hildebrandt zu dieser Rezension empfohlene Plattenbesprechungen:

  • Zur Plattenkritik... Stravinskys Frühlingsweihe im Winterschlaf: Einspielungen des Sacre du Printemps gibt es wie Sand am Meer und durch Bernstein, Ansermet, Chailly, Boulez oder Rattle auch zahlreiche Referenzaufnahmen. Jaap van Zwedens Neuinterpretation bleibt weit hinter diesen Erwartungen zurck. Weiter...
    (Toni Hildebrandt, 01.11.2008)

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