In Großbritannien ist diese CD mit 36 Liedern von Muriel Herbert (1897-1984) enthusiastisch besprochen worden. Zu verwundern braucht das nicht unbedingt, sind heute doch nur sehr wenige weibliche Komponisten bekannt, die von der Insel stammen und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tätig waren. Tatsächlich waren viele der hier zu hörenden Gedichtvertonungen bis vor kurzem noch unveröffentlicht und folglich nicht auf Tonträger zu haben; man hört hier also vornehmlich Ersteinspielungen. Dass sich dies jetzt geändert hat, bietet Anlass zur Freude. Denn Muriel Herberts Liedschaffen erscheint nicht nur als geschichtliche Korrektur unter dem Aspekt der Geschlechterverhältnisse interessant – das alleine wäre schon wichtig genug –, sondern es handelt sich auch auf rein musikalischer Ebene um stimmungsvolle, grundsätzlich hörenswerte Miniaturen, die zum Vergessen einfach zu schade sind.
James Gilchrist und Ailish Tynan nähern sich den Liedern der in Sheffield geborenen und in Liverpool aufgewachsenen Komponistin sensibel und engagiert. Während Gilchrists geschmeidiger Tenor seine Gesangspartien dynamisch flexibel gestaltet, schöne Beispiele für sein Einfühlungsvermögen sind zum Beispiel 'The Crimson Rose' oder 'Loveliest of Trees’, überzeugt Tynans warmer Sopran vor allem durch die Klarheit des Vortrags, durch die der Text noch in hoher Lage gesungen verständlich bleibt. David Owen Norris hält sich als Klavierbegleiter vornehm im Hintergrund, bleibt dank guter klanglicher Balance jedoch stets vernehmbar. Von James Joyce und William Butler Yeats über Ada Harrison und Thomas Hardy bis zu George Meredith hat Herbert überwiegend Liebesgedichte vertont. Ebenso aber vertreten sind Kinder- und Wiegenlieder, hinzu kommen Texte wie 'I hear an army charging’ von Joyce oder 'The Lake Isle of Innisfree’ von Yeats.
Auch wenn sich Herbert am strophischen Aufbau der Gedichte orientiert – keines der Lieder ist durchkomponiert – geht sie in ihren stets tonal gehaltenen Vertonungen deutlich auf die jeweiligen Inhalte der Texte ein. Gleichwohl drückt sich bei der Schülerin des irischen Komponisten Charles Stanford in vielen Liedern eine Vorliebe für melancholische Stimmungsbilder aus. Dieser Eindruck rührt hauptsächlich daher, dass viele der Miniaturen von getragenen Tempi, weitschweifigen, dunkel gefärbten Gesangslinien und einer ‚verschleierten’, quasi schwebenden Harmonik a la 'Clair de Lune’ geprägt sind. Auf die Dauer wirkt das ein wenig monoton, zumal die kurzen Stücke sich vom Aufbau allesamt recht ähnlich sind und der Klaviersatz vorwiegend akkordisch bleibt. Solange man aber nicht mehr als sieben oder acht Lieder nacheinander hört, stellt das kein Problem dar. Ebenfalls darf man dabei nicht den Hinweis im englischsprachigen Booklet-Text übersehen, dass manche Lieder aus veröffentlichungstechnischen Gründen formal simpler und in leichter zu singenden bzw. zu spielenden Tonarten gehalten sind. Nicht nur in den 1920er Jahren verkaufte sich Musik für den häuslichen Gebrauch besser, ein für KünstlerInnen nicht unwichtiger Aspekt, gerade wenn man auf das Geld angewiesen war. |