Es ist seltsam genug, dass bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein die Händel-Pflege in erster Linie aus der Ausbeute der großen Oratorien, vorwiegend aus Aufführungen des ‘Messias’ und der Wiedergabe instrumentaler Werke (Concerto grossi) lebte. Erst der 300. Geburtstag Händels im Jahre l985 und die in seinem Gefolge einsetzende Wiederentdeckungsflut längst vergessener Partituren gaben der Händel-Pflege, nicht zuletzt durch die historisierende Musikrezeption, neuen Auftrieb. Zusehends fassten auch die Opernhäuser Zutrauen zu den Barockopern Händels, die ja noch im 19. Jahrhundert mit ‘Dürftigkeit in der Orchestrierung und Trockenheit der Arien’ diskriminiert wurden. Mit diesem alten Vorurteil ‘starr im Kodex, langweilig, Arienkonzert für kostümierte Darsteller’ hat die Bayerische Staatsoper in der zu Ende gegangenen Ära von Sir Peter Jonas in sieben Inszenierungen barocker Opern gründlich aufgeräumt.
So richtig Lust auf Händelsche Opernkost weckte die Bayerische Staatsoper mit einem Leckerbissen, dem ‘dramma per musica’, der Ballettoper Alcina. Lange Zeit geriet das l735 in Londons Opera am Covent Garden uraufgeführte Werk in Vergessenheit. Erst l960 ließ Franco Zeffirellis Inszenierung (mit der australischen Operndiva Joan Sutherland) aufhorchen. Es folgten weitere Inszenierungen, u.a. in Graz l979 (Harry Kupfer) und l977 mit Kurt Pscherer in München.
Eine verwirrende wie rührende Geschichte zugleich: Zauberin Alcina pflegt ihre Liebhaber bevorzugt in Schweine und andere Viecher zu verwandeln. Sie wird durch den auf der Insel gefangenen Ritter Ruggiero durch ihre Liebesbeziehung sukzessive entmachtet. Dann zerbricht das auf heuchlerisches Fundament ruhende Zauberreich. Doch die Befreiung der in die zauberische Welt Verstrickten verheißt neuen Lebenswillen. Mit Christoph Loy war an der Bayerischen Staatsoper der Repräsentant eines assoziationsreichen, die Gefühlslage der Protagonisten nuancenreich nachzeichnenden Theatermanns am Werk. Loy inszenierte das barocke Zauber- und Illusionstheater im Stil eines psychologisch fundierten Kammerspiels. Es bleibt zu hoffen, dass das Münchner Label Farao dieses Vorzeigestück im barocken Repertoire der Staatsoper bald als DVD Edition den Händel Freunden anbietet. Der mit Bühnengeräuschen nicht gerade sparsam umgehende Mitschnitt im Münchner Prinzregententheater hinterlässt einen fabelhaften musikalischen Eindruck.
Mit Händels Koloraturenherrlichkeiten kommt das Münchner Opernteam glänzend zurecht. So gerät bei Anja Harteros die Circe-Figur der Zauberin Alcina stimmlich (im Übrigen auch darstellerisch!) mit eminenter emotionaler Bandbreite zur großen Frauengestalt. Wie Händel zwischen dramatischen Ausbrüchen und fahl einsetzenden Farben differenziert, gilt kompositorisch schon als Meisterstück. Vokale Bestnoten verdient sich die ihren seelischen Zwiespalt spannungsdicht auslotende Vesselina Kasarova in der Hosenrolle des jungen Helden Ruggiero. Auch in den Nebenrollen zeigen die Figuren prägnantes Profil, vor allem was die Kessheiten der Morgana (Veronica Cangemi) und die Seelenlage ihres leidgeprüften Gatten Oronto (fabelhaftJohn Mark Ainsley) anlangt.
Ivor Bolton sorgt für dramatische Hochspannung und lässt das Bayerische Staatsorchester durch das historisierende Klangbild mit kantig pointierten Affektumschwüngen wirbeln. Mehrkanaliges Abhören lässt die musikalischen Ereignisse ungemein kontrastreich erscheinen. Man wähnt sich in der Tat mittendrin im ‘Prinze’, nur mit dem Unterschied, dass man in häuslichen Gefilden gepolsterter sitzt als im ‘Holzklasse’-Komfort des traditionsreichen Theaterraums in München. |