Die Bürde, als zeitgenössischer Komponist etwas Neues, nie Dagewesenes anfertigen zu müssen, treibt Aribert Reimann, den 1936 geborenen Komponisten nicht um. Er lernte sein grundsolides Handwerk bei Boris Blacher und Ernst Pepping und ist zudem ein respektabler Pianist. Was man seinen Kompositionen für Klavier durchaus wohltuend anmerkt, denn diese sind stets, trotz exorbitanter technischer Schwierigkeiten, immer instrumentengerecht.
Leider ist es um diesen interessanten Komponisten in letzter Zeit etwas still geworden. Er wurde ja auch nie zur 1. Garde der Avantgardisten gezählt, ein Schicksal, das Aribert Reimann auch mit anderen interessanten Komponisten nach 1945 teilt. Man denke nur an Bernd Alois Zimmermann. Aber es ist sowieso die Frage, ob die Kategorie der Innovation tauglich für eine vorurteilsfreie Bewertung eines Komponisten ist. Mit Sicherheit gehört Aribert Reimann zu den wichtigen Komponisten nach dem 2. Weltkrieg. Und so ist es nur zu begrüßen, dass der in Berlin lebende amerikanische Pianist Matthew Rubenstein nun eine Gesamteinspielung des Klavierwerkes vorlegt.
Das Vergnügen an dieser CD beginnt schon beim Lesen des Textes des Booklets. Hier erfährt man ziemlich stichhaltig, was der Pianist Matthew Rubenstein an der Klaviermusik von Aribert Reimann so interessant findet und erhält darüber hinaus auch noch intelligente Hinweise zu den einzelnen Werken und das, worauf man eventuell beim Hören achten sollte.
Die Kontraste und die rhythmischen Vertracktheiten in Reimanns 1. Sonate aus dem Jahre 1958, die dynamischen Kontraste und das Entwickeln und Verflüchtigen musikalischer Gedanken werden von Rubenstein ernst genommen. Wichtiger Hintergrund hierfür ist natürlich eine sorgfältige Phrasierung und eine genaue Konzeption der Tempi.
Mit expressiver Intensität nimmt Rubenstein sich die ‘Spektren’, die Aribert Reimann 1967 komponierte, vor. Mit wilder Dynamik und Kraft entsteht eine Interpretation, die sowohl Spannung als auch Ruhe vermittelt. Das ist bei diesem äußerst komplexen Werk, das rund 12 Minuten dauert, nicht gerade einfach. Es spricht für die intelligente Herangehensweise, dass hier nicht einfach nur rauschende Klangkaskaden und -flächen produziert werden, sondern ein filigranes Klanggemälde entsteht. Das resultiert nicht zuletzt durch eine peinlich genaue Beachtung der zahlreichen Fermaten, die das Werk in verschiedene Klangbereiche unterteilen. Durch eine sorgsame Pedaltechnik fächert Matthew Rubenstein die ungemein zarten und perspektivenreichen klangfarblichen Differenzierungen dieses interessanten Werkes auf.
Was nun die Variationen für Klavier aus dem Jahr 1979 betrifft, ein Stück von exorbitanter Vollgriffigkeit und technischem Anspruch, so musiziert Rubenstein zügig und mit zurückgehaltener Expressivität. Dass dies der Deutlichkeit der Darstellung der strukturellen Zusammenhänge nur gut tut, versteht sich von selbst. Was Matthew Rubenstein immer wieder gelingt, ist eine faszinierende Ausstrahlung einer fast meditativ zu nennenden Ruhe, die ein ‘In-Sich-Hineinhören’ evoziert, ohne aber jemals auch nur in die Nähe des Trivialen zu geraten. Dies ist deutlich zu hören bei der Gestaltung der Komposition ‘Auf dem Weg’ (1989/93). Wie Rubenstein hier die latente dialogische Struktur, gepaart mit einer sehr differenzierten Ausgestaltung der polyphonen Aspekte formuliert, das überzeugt schon über alle Maßen. |