Johann Christian Bachs Qualitäten als Komponist werden häufig unterschätzt. Hin und wieder findet eines seiner leichten und gefälligen kammermusikalischen Werke Platz auf einer Aufnahme. Dass aber der jüngste Bach-Sohn einer der vielseitigsten und experimentierfreudigsten Komponisten seiner Zeit war, wird oft verkannt. Vielleicht auch, um immer den Geschmack seines Publikums zu treffen, wurde der viel reisende und in vielen europäischen Ländern beheimatete Johann Christian Bach immer von den jeweiligen Stilrichtungen geprägt. Bei experimentellen Instrumentalbesetzungen überrascht nicht selten Bachs Verbindung verschiedenster nationaler Kompositionsschulen in einem Werk.
Die Sinfonia concertante in G-Dur lässt erstaunlich nahe Verbindungen zu Mozarts Kompositionsweise zu, die immer wieder mit einer ungeheuren Themenvielfalt und klaren Kontrasten beeindruckt. Bach schrieb die Sinfonia, welche erst im Jahr 2004 im Moskauer Glinka-Museum für Musikkultur wiederentdeckt wurde, sechs Jahre vor seinem Tod. Zu diesem Zeitpunkt war Mozart ein noch recht junger Mann. Er kannte Bach und war einer seiner Bewunderer. In seinen frühen Sinfonien überrascht Mozart mit ähnlich spielerischen Themen wie Bach in seiner Sinfonia concertante.
Das Booklet der CD unter dem Label Caro Mitis bietet noch viel mehr spannende Querverweise und Anekdoten aus dem Leben Johann Christian Bachs, verfasst von Irina Susidko und Olga Puzko. So wird jedes der vier außergewöhnlichen Werke sehr gut besprochen und in den Lebenslauf Bachs eingebettet.
Mit der Sinfonia concertante spielt das Pratum Integrum Orchestra eine Erstaufnahme ein. Das russische Orchester beschäftigt sich auf Originalen oder Nachbauten historischer Instrumente mit der Musik des 18. Jahrhunderts. Dies hat zur Folge, dass sowohl der Streicher- wie auch der Bläserklang ein anderer ist als der heutiger moderner Instrumente. Zudem unterscheiden sich die technischen Spielmöglichkeiten bei den Bläsern deutlich von der Spielweise auf modernen Instrumenten. Da besonders das Tempo des ersten Satzes der Sinfonia sehr schnell gewählt wird, stoßen die Blasinstrumente hörbar an ihre spieltechnischen Grenzen. Neben Violine, Viola und Cello tritt auch die Oboe solistisch in Erscheinung. Leider hört man in dem Spiel von Philipp Nodel technische Unsauberkeiten heraus. Der Oboenton wirkt schwerfällig und unflexibel, was an dem verwendeten Material und der historischen Bauweise der Oboe liegen mag. So verliert die spritzige Anlage der Komposition stellenweise an Wirkung.
Dies ist die einzige Schwachstelle der Aufnahme, denn die drei weiteren Werke bieten ein abwechslungsreiches und interessantes Programm. Das Quartett in G-Dur ist aufgrund der zwei Cellostimmen neben Hammerklavier und Violine äußerst hörenswert. Die beiden Cellisten, Pavel Serbin und Alexander Gulin, bestechen hier durch ihre sehr präzise und zugleich empfindsame Spieltechnik. Durch deren freizügige Handhabe mit agogischen Mitteln ist die Interpretation spannend und wirklich fesselnd. Dieser Eindruck bleibt auch in dem Sextett in C-Dur für Oboe, zwei Hörner, Violine, Cello und Hammerklavier bestehen. Obwohl die Oboe auch hier wieder für manch handwerkliche Eintrübung sorgt, ist die Interpretation im melancholischen Mittelsatz ergreifend. Umso stürmischer wirkt dafür das letzte Werk der Aufnahme. Die Sinfonie in g-Moll beeindruckt durch die erstaunliche Kühnheit und auch Unverfrorenheit Johann Christian Bachs gegenüber Zeitgenossen wie Johann Stamitz oder Giuseppe Tartini, mit verschiedensten Kompositionsstilen zu experimentieren. Hervorzuheben sind beispielsweise die frechen Signale der Naturhörner inmitten rasanter Orchesterklänge. Sie erinnern an Opernouvertüren und erreichen durch ihre übermütige Dominanz einen bleibenden Höreindruck. Schade nur, dass beide schnellen Sätze der Sinfonie mit zwei und drei Minuten sehr kurz sind, denn sie machen gerade zum Ende der Aufnahme durch ihre lebhafte Interpretation Appetit auf mehr. Das gute Zusammenspiel des Orchesters vermittelt hier größte Spielfreude auf sehr professioneller Ebene. |