Das Label ‘Auris subtilis’ hat eine CD mit Mendelssohns selten zu hörenden Orgelsonaten op. 65 herausgebracht. Gespielt werden diese von KMD Matthias Süß, u. a. als Preisträger beim Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb in Leipzig ausgezeichnet, an der Walcker-Orgel der St. Annenkirche im sächsischen Annaberg-Buchholz.
Die sechs, 1844/45 entstandenen – je zur Hälfte übrigens aus Dur- und Mollwerken bestehenden – Sonaten weisen dabei die Besonderheit auf, dass sie sich ihrer Form und Struktur nach erheblich voneinander unterscheiden. Dieser Umstand hat seine Ursache darin, dass es sich bei den einzelnen Teilen um ehemals eigenständige, nicht zusammenhängende Stücke handelt, die nachträglich zu Sonaten zusammengefügt wurden. Und so finden sich darin so verschiedene stilistische Teile wie Choräle, Variationensätze, Liedsätze und Fugen bei zudem variierender Anzahl der Sätze.
Zwar hat Mendelssohn dem Organisten in dem von ihm persönlich verfassten Vorwort einige Hinweise hinsichtlich Registratur und Spielweise mit auf den Weg gegeben, doch verbleibt dem Interpreten noch ausreichend Spielraum für eine individuelle Gestaltung, von denen Süß auch kreativen und stilistisch weitestgehend überzeugenden Gebrauch macht.
Stimmgewaltig und pompös eröffnet er die f-Moll-Sonate mit ihrem vorangestellten, ernsten Allegro über ‘Was mein Gott will, das gescheh´ allzeit’. Mit weichem und feinfühligem Holzbläserklang schließt sich das Adagio an. Volle und großflächige Registratur wechselt mit zarterem Schalmei-Timbre im kontrastierend angelegten Andante recitativo ab. In etwas zu getragenem Tempo und zu dick im Klang erklingt allerdings der Schlusssatz.
Den ersten beiden Sätzen der zweiten Sonate in c-Moll verleiht Süß eine fein ausbalancierte Registratur, wohingegen die abschließende Fuge leider durch einen zu dumpfen Klang an polyphoner Transparenz einbüßt. Die dritte, lediglich zweisätzige Sonate beginnt mit einem ‘Con moto maestoso’ über ‘Aus tiefer Not schrei ich zu Dir’, das der Vortragsbezeichnung – ganz im Gegensatz zum darauf folgenden ‘Andante tranquillo’ – dynamisch allerdings nicht ganz gerecht wird.
Die abwechslungsreichsten klangfarblichen Schattierungen wählt Süß in der B-Dur-Sonate, die gänzlich ohne liturgische Elemente oder Fugensatz auskommt. Den kürzesten, aus einem kleinen, nur knapp einminütigen Choral bestehenden, Satz enthält das fünfte Werk, den umfangreichsten das letzte in Gestalt wiederum eines Chorals mit Variationen über ‘Vater unser im Himmelreich’. Auch diese beiden Sonaten trägt Süß mit ausgewogener Phrasierung und feinem, melodischem Spürsinn vor.
Die vorliegende Einspielung kann man somit insgesamt als durchaus gelungen bezeichnen und guten Gewissens weiterempfehlen. Schön und informativ ist auch das Booklet gestaltet. Abstriche muss man allerdings leider bei der Tonqualität machen, die etwas auf Kosten klanglicher Raumwirkungen und Authentizität geht. |