Transkribierien: Ein großes Land, das überall zu liegen scheint, von dem niemand wirklich sagen kann, wann es gegründet wurde. Seine Einwohner sind so bunt wie zahlreich und ihre Vielfalt wäre unüberschaubar, wenn es nicht seit über 250 Jahren einen Namen gäbe, den fast alle miteinander teilen: Johann Sebastian Bach. Natürlich gibt es andere Namen, Ravel-Mussorgski zum Beispiel, doch keine Familie hat so viele Mitglieder wie die Bach-Familie. Erst kürzlich hat es im Einspielungsbereich wieder Nachwuchs gegeben: Die Goldbergvariationen für Orgel von Hansjörg Albrecht und die Cello-Suiten für Bariton-Saxophon von Henk van Twillert. Vorliegendes Exemplar allerdings stellt mit das Innovativste und Eindrucksvollste dar, was die Kunst der Bearbeitung in der letzten Zeit zu bieten hatte. Denn diese Version der sechs Sonaten und Partiten BWV 1001-1006 – ursprünglich für Violine solo, jetzt für Cembalo – wächst über den herkömmlichen Anspruch einer Transkription hinaus, da es sich vielmehr um eine Metamorphose handelt. Verantwortlich sowohl für Bearbeitung und Verzierung als auch Produktion und Interpretation zeichnet sich Winsome Evans, Professorin am Music Department der Universität von Sydney.
Auf Bachs Spuren
Warum eine Metamorphose? Schon der Wechsel vom Streich- zum Tasteninstrument deutet an, was hier alles an Auswirkungen möglich und auch nötig ist. Evans verteilt den polyphonen Notentext für ein im Grunde einstimmiges Instrument auf ein mehrstimmiges, ohne dabei die rechte Hand zu bevorteilen. Aus monologischen Melodielinien werden dialogische Vorgänge, Frage- und Antwortspiele, die im Original angelegt, aber nur sehr schwer darzustellen sind. Dort gebrochen gespielte Akkorde werden hier entweder arpeggiert oder ganz normal angeschlagen. Evans Hauptverdienste jedoch liegen, indem sie den zwangsweisen Verlust an Gesanglichkeit Vergessen macht, woanders. Die Meisterschaft mit der sie die entstehenden Lücken im Notentext ergänzt, entfaltet das gesamte kontrapunktische und tänzerische Potential dieser Sonaten und Partiten. So begnügt sich die linke Hand bei weitem nicht mit der Harmonisierung von Verläufen in der Oberstimme, sie stiftet vielmehr, musikalisch mehr als sinnvoll, ein rhythmisches Fundament, das man im Original unbewusst vermisst. Wer hätte gedacht, dass die Fuge aus der g-Moll Sonate je so ins Blut gehen würde oder das Preludio aus der F-Dur Partita einen buchstäblich vom Stuhl reißt! Nie wirkt das unnatürlich geschweige denn entstellend. Wer die Ciacconna aus der d-Moll Partita hört, der fühlt sich unentwegt an die unerhörte Cembalo-Kadenz aus dem ersten Satz des fünften brandenburgischen Konzerts erinnert und gelangt wie von selbst zu der Ansicht, dass es Bach hier selbst wahrscheinlich nicht besser hätte machen können. Kleine wie feine Kadenzen hat Evans übrigens auch der bereits erwähnten Fuge aus der g-Moll Sonate sowie der Fuge aus der a-Moll Sonate hinzugefügt. Ebenso meisterlich die Verzierungskünste der historisch informierten Professorin, im Allegro assai der dritten Sonate oder in der Gavotte der dritten Partita. Evans bedient sich dabei nicht nur alter französischer, sondern auch italienischer Ornamentationsweisen, die sie durch ihr federnd frisches Spiel auf dem Nachbau eines Instrumentes des Hamburgers Christian Zell aus dem Jahr 1728 lebendig inszeniert. Detailliert in der Gestaltung formt und verbindet sie die Phrase ausnahmslos mit zwingender Logik und angenehm schmeichlerischer Sensibilität. Größtes Plus jedoch ist ihr ungemein vitales Spiel.
Hervorragende Ausstattung
Zweifel an der Authentizität und Legitimität dieses kongenialen Projekts räumt die Ausstattung der zwei CDs – erschienen bei Celestial harmonies – beiseite. Die Aufnahme wird in einer Schmuckbox geliefert, welche sowohl ein hochinformatives Booklet als auch die komplette Studienpartitur der Cembalo-Arrangements mitsamt Abdruck der Originalhandschriften Bachs enthält, beides allerdings nur in englischer Sprache. Das treibt zwar den Preis in die Höhe, lohnt sich aber. Wer bis dahin noch nicht wusste, was für ein fleißiger Bearbeiter eigener wie fremder Werke Bach selbst war, kann sich nun vergewissern. Nicht zuletzt liegen ja einzelne Sätze aus den Sonaten und Partiten in diversen Versionen vor, u. a für Laute oder Orchester. Wie gewissenhaft und aufwändig Evans ihr Projekt verfolgt hat, wird u.a. anhand vieler Quellenangaben und historischer Zitate deutlich. Auch verschafft die Partitur großzügige editorische Einblicke über ihre Vorgehensweise.
Insgesamt muss man diese Verwandlungen der Sonaten und Partiten für Violine solo in waschechte Cembalokompositionen neben andere große Vertreter dieser Kunst stellen. Alleine Evans Verwandlung der d-Moll Ciacconna übertrifft die von Busoni für den Flügel um Längen. Kaum zu fassen, wie viel Musik hier hinzugekommen ist. Und hört man, wie echt das klingt, steigt beinahe automatisch die Frage auf, warum Evans nicht probiert hat, ihre Bearbeitungen zunächst als Originalhandschrift Bachs auszugeben. |