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Details zu Brahms, Johannes: Elf Choralvorspiele für Orgel op. posth. 122
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Kritik zu Sony Classical: Brahms, Johannes: Elf Choralvorspiele für Orgel op. posth. 122

„Moderne Choräle“


Toni Hildebrandt, 28.01.2008


Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
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Diese Aufnahme ist besonders empfehlenswert.


„Die Protestanten wissen nicht, was sie an ihrem Choral haben“, so das Frontispiz des (katholischen) Komponisten Max Reger im Begleittext der neuen CD von Yaara Tal & Andreas Groethuysen.

Nach zahlreichen ausgezeichneten Aufnahmen für Sony Classical ist auch ihr neues Album ein Juwel feinster Klaviermusik. Mit Weltersteinspielungen von Johannes Brahms, Max Reger und Reinhard Febel – allesamt in der Choral-Tradition von Johann Sebastian Bach stehend, zeigt das Duo, dass Material und Faszination der protestantischen Choralmusik bis weit in die Moderne Einfluss nahmen.

Die Elf Choralvorspiele für Orgel von Johannes Brahms gehören zu seinem Spätwerk und wurden posthum als Opus 122 veröffentlicht. Im Grundtenor sind sie den späten Intermezzi für Klavier sehr ähnlich. Obwohl sie für die Orgel geschrieben wurden, hat sie Brahms eindeutig pianistisch gedacht. Die Transkription für Klavier zu vier Händen besorgte der Wiener Musikwissenschaftler, Hanslick-Schüler und enge Freund Brahms Eusebius Mandyczewski. Sicher aus Respekt vor dem Meister, aber vielleicht auch weil das Werk für Klavier konzipiert schien, hatte dieser eine vollkommen werktreue Übertragung vorgelegt, die seitdem allerdings kaum aufgeführt wurde. Nach der großartigen Interpretation von Tal & Groethuysen fragt man sich, warum? Nicht nur, dass aus den Elf Choralvorspielen stets der Geist der späten, meisterhaften Klavierintermezzi spricht - auch Brahms introvertierte Abarbeitung am Choral-Repertoire wird nun deutlich. In den Chorälen nach Heinrich Isaac, Johann Walter, Hans Leo Haßler und anderen, sucht Brahms stets nach dem Kontemplativen. Seine Kompositionen, und die meisterhafte Interpretation von Tal & Groethuysen wissen dies stets zu betonen.

Ganz anders ging Max Reger in seiner Phantasie über den Choral „Freu’ dich sehr, o meine Seele!“ vor. Regers ursprünglich ebenfalls für Orgel konzipiertes Werk, schrieb er später selbst in eine Fassung für Klavier zu vier Händen um. Wenngleich auch bei Reger die Musik im Adagio introvertiert-kontemplative Ruhephasen durchläuft, geht sie doch, im Sinne einer Phantasie, viel unkonventioneller mit dem Material des Chorals um. Tal & Groethuysen beherrschen dabei den kontrapunktischen, virtuosen Satz an jeder Stelle. Die rhapsodischen Momente im Vivacissimo betonen sie durch gesteigerte, aber stets distanzierte Expressivität. Die ruhige Andante-Fuge dient als architektonische Gliederung vor den Bearbeitungen des Chorals. Alles ist klar durchschaubar und verständlich, und offenbart so umso mehr seine transzendentale Schönheit. Sieht man von Regers markantem Kontrapunkt ab, erinnert manches an das spirituelle Werk, das Franz Liszt in Santa Francesca in Rom schrieb.

Die klare Interpretation des Klavierduos legt alle dynamischen und klangfarblichen Facetten, sowie die Architektonik des komplexen Regerschen Satzes frei. Die polyphone, stets kontrapunktierte Stimmführung ist immer deutlich heraushörbar.

Höhepunkte der Aufnahme sind Reinhard Febels Sieben Choralbearbeitungen nach Johann Sebastian Bach. Reinhard Febel wurde 1952 in Metzingen geboren und studierte bei Klaus Huber in Freiburg. Er war Stipendiat der Villa Massimo in Rom und lehrt seit 1997 in Salzburg am Mozarteum Komposition. Seine Choralbearbeitungen schrieb er für das Bachjahr 2000, aber erst 2004 wurden sie von Tal & Groethuysen in Duisburg uraufgeführt. Es handelt sich bei diesen Stücken um subtile Bereicherungen der Musik Bachs anhand der Errungenschaften der Neuen Musik. Wie in anderen, vergleichbaren Werken zeitgenössischer Musik - so in Hans Zenders Auseinandersetzung mit Schuberts Winterreise, Aribert Reimanns Lieder Mendelssohns und Schumanns oder der Monteverdi-Neugestaltung durch Hans Werner Henze, überwiegt zunächst der Respekt vor der Ausgangskomposition. Reinhard Febel ist es gelungen durch gezielte Einwürfe die Choräle Bachs zu bereichen, ohne ihnen kollagenhaft oder fragmentisierend ihre eigene Würde zu nehmen. Im Gegensatz zu den Bach-Transkriptionen György Kurtàgs hat Febel nicht nur Bachs Choräle neu harmonisiert und arrangiert, sondern auch neues musikalisches Material homogen in die Bachsche Struktur integriert.

Interessante Obertonspektren, überraschende Resonanzverfärbungen, innovative Mixturklänge oder Oktavverdopplungen à la Busoni öffnen die Choräle und geben ihnen eine tiefsinnige, vielschichtige Frische. Dabei erklingt stets das Originalmaterial Bachs zumindest in einer Hand weiter. Die Symbiose die hier alte und neue Musik eingeht ist vollends geglückt und wird von der Interpretation bis ins kleinste Detail präzise umgesetzt.

Die exorbitante Technik und das perfekte Zusammenspiel von Yaara Tal & Andreas Groethuysen machen die drei Weltersteinspielungen ihrer neuen CD Choralpréludes zu einem unvergesslichen Erlebnis. Neue großartige Musik, in einer großartigen Interpretation!

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