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Details zu Rihm, Wolfgang: Akt und Tag für Sopran und Streichquartett
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Kritik zu Neos: Rihm, Wolfgang: Akt und Tag für Sopran und Streichquartett

Neues vom Tage


Paul Hübner, 10.12.2007


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Einem besonderen Ereignis konnten die Besucher der Christuskirche bei den letztjährigen Donaueschinger Musiktagen beiwohnen. Zu Gast bei dem Festival, das sich Gewöhnlicherweise in besonderem Maße den großen Ensemblebesetzungen widmet, war das Arditti Quartett in neuer Besetzung mit vier neuen Streichquartetten, von denen ein jedes zu ganz eigenen Aussagen fähig war. Einen wahren Marathon lieferten die vier Musiker ihren Zuhörern, denn sie lieferten ihr Programm gleich dreimal am Stück ab, ohne dass Ermüdungserscheinungen zu spüren gewesen wären. Ein Mitschnitt des Programms ist nun als erste Folge der Donaueschingen-Dokumentation 2006 beim jungen Label NEOS erschienen.

Den Beginn eines atemberaubenden Konzertes machte ‘Lenger’ für Solovioline und Streichquartett des norwegischen Komponisten Ole-Henrik Moe, bei dem der Komponist selbst den Solopart übernahm: ein zehnminütiges Dauertremolo in höchster Lage, mit einer Körperlichkeit, die so manchen Arm im Publikum schmerzen ließ. Ole-Henrik Moe hat neben Musik auch Biophysik und Kognitionswissenschaften studiert, und so ist sein Stück inspiriert von naturwissenschaftlichen Phänomenen; es basiert als eine Folge von beinahe-statischen Icons auf Theorien des Neuropsychologen David Marr. Der flirrende Geigenklang Moes durchläuft verschiedene klangfarbliche Stadien in unterschiedlichsten Geräuschkomplexen des Quartetts, das alles in einer unerhörten Farbigkeit trotz der auf den ersten Blick so gleichförmigen Gestalt der Icons. Doch das Verschiedene im Detail ist es, was aus ‘Lenger’ ein recht einmaliges, immer wieder hörenswertes Stück macht.

Der junge Jordanier Saed Haddad lieferte mit ‘Joie voilée’ ein eher narrativ angelegtes Stück über verschiedene Stadien menschlicher Gefühle und gesellschaftlicher Wesenszustände und rührte damit zugleich an existentialistischen Themen, die ihre Wurzeln in der Dialektik seines Außenseitertums finden: als Araber immer noch ein ‘Anderer’ innerhalb des westlich kulturellen Kontextes, zugleich als Komponist zeitgenössischer Musik als ein ‘Anderer’ innerhalb seines eigenen kulturellen Erbes. Das aus vierzehn Fragmenten bestehende Werk findet seine Inspiration in ganz unterschiedlichen Klanglichkeiten, die sich zu einer ganz eigenen, kontrastreichen Sprache zusammenfügen. Dem Arditti Quartett gelingt es auf hervorragende Art und Weise, die disparaten Elemente zu einem schlüssigen Ganzen zusammenzufügen, und den dramaturgischen Faden nie zu verlieren. Gleichzeitig kündet das Werk in dieser Interpretation von einer Emotion, die nie an der Oberfläche verhaftet bleibt, sondern in ihrer wohldurchdachten Konstruktion als eine sehr wahrhaftige vermittelt wird.

‘Akt und Tag’ von Wolfgang Rihm, zwei Studien für Stimme und Streichquartett, erschien wie so oft bei Rihm als farblich und strukturell souverän gearbeitetes Werk, im Gestus jedoch weit weniger aufrührend als seine ersten Donaueschinger Auftritte. Der erste Satz besteht im Kern aus einer Folge von statischen Klängen, die Sängerin beschränkt sich auf Vokalisen in der tiefsten Lage, der Ton des Streichquartetts wird durch Hoteldämpfer zum Ersticken gebracht. Kontrastierend dazu entwickelt sich im viel kürzeren zweiten Satz ein emphatischer Gesang über einen Text von William Blake, der wie ein befreites Konzentrat des ersten ‘Aktes’ wirkt. Die Sopranistin Claron McFadden begeisterte ihr Publikum mit einer farbenreichen, flexiblen Stimme, von dumpf gefärbten Linien in der tiefsten Lage bis zu strahlenden Spitzentönen.

Die große Überraschung des Konzertes, vielleicht sogar einer der eindrücklichsten Momente des Festivals, war der Auftritt von Julio Estrada, der ein Stück für das Arditti Quartett und seine eigene Stimme komponiert hatte. Die Klanglichkeit des Streichquartettes schien von ferne von Lachenmannschen Spieltechniken inspiriert, die jedoch zu einer ganz neuen, ungehörten Sprache führten. Bei aller Geräuschhaftigkeit von gestrichenem Holz entwickelte sich schnell eine innere Melodie mit reichen Obertönen, die ihr Pendant in der Stimme Estradas fand. Sein eigentümlicher Obertongesang, der bis in multiphone Regionen sich vorwagte, sein heiser-röchelnder Stimmklang in extremer Farbigkeit, zeigte, wie viel neues noch in der Welt des Geräuschhaften stecken kann. Estrada selbst bezeichnet sich ungern als Komponisten, als jemanden, der Dinge zusammenfügt. Er will nur eines, nämlich Musik machen, seiner inneren Stimme zum klingen verhelfen. In solcher Eindringlichkeit gelebte Musik hat man in Donaueschingen in diesem Jahr selten erlebt.

Das Arditti Quartett beweist auch in neuer Besetzung – der Cellist Lucas Fels ersetzt hervorragend und den scheidenden Rohan de Saram – seine besondere Klasse im Bereich der Neuen Musik. Die Mischung aus Perfektion, routinierter Erfahrung und dem Eindruck, dass in jedem Moment etwas Neues, nie Gehörtes auf der Bühne sich ereignet, ist in dieser Form nahezu einmalig. Nicht nur als Dokument eines herausragenden Konzertes der Musiktage, auch als einzigartiges Manifest zeitgenössischen Quartettspiels ist diese CD eine der lohnendsten Veröffentlichungen der Saison.

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