Religiöse Musik ist ja in ihrer originären Erscheinung an eine Einbindung in die jeweilige Liturgie gekoppelt. Die Betrachtung, will sagen, das hörende Einordnen solcher Musik setzt die Kenntnis eben dieser Liturgie voraus. Allerdings ist nicht alle Musik, die den einen oder anderen Gott preist, dem konfessionellen Zusammenhang entnommen und bedarf zu ihrer Aufführung auch nicht zwangsläufig des Kirchenraumes. Hinzu kommt der musikästhetische Ansatz, dass der Hörer, der Rezipient weder in Kenntnis des liturgischen Zusammenhangs sein muss, noch auf den sozusagen regulären Aufführungsort angewiesen ist.
Wer sich unter diesen Gesichtspunkten die unter dem Titel ‘In manus tuas – Religiöse Musik aus Flandern’ erschienene 50. Folge der Reihe ‘In Flanders’ Fields’ des belgischen Labels ‘Phaedra’ zu Gemüte führt, wird sich vermutlich mit obiger Frage nicht befassen. Und das ist wohl auch die beste Art, sich mit dieser Musik auseinander zu setzen. Eingehender musikwissenschaftlicher Prüfung wird die auf einer Doppel-CD veröffentlichte Aufnahme flämischer Kirchenmusik nur bedingt standhalten. Beim besten Willen fällt es schwer, sich eine Breitenwirkung fern des momentanen Nischendaseins vorzustellen. In ganz seltenen Fällen kann sich sogenannte Nationalmusik von der Bindung an örtliche Zufälligkeiten lösen; daher besitzt sie nur einen geringen Grad an universeller Bedeutung.
Dennoch, es lohnt sich, diese Platte zu hören - am besten ohne das putzig-verschroben, zuweilen leider schlicht falsch und fehlleitend ins Deutsche übersetzte Booklet gelesen zu haben, eben ganz unvoreingenommen. So vermag der Valsts Akademiskas Koris ‘Latvija’ (der Staatschor von Lettland) unter der Leitung von Herman Engels durchaus, einen eigenen Zauber zu entfalten. Nicht einmal die Hälfte der hier aufscheinenden Komponisten steht in der einschlägigen enzyklopädischen Literatur verzeichnet. Das Gros der aufgenommenen Werke besteht aus Chorstücken, stellenweise mit Orgelbegleitung. Hinzu kommen einige wenige Sätze für Chor, Solosopran und Orgel sowie je eines für Sopran und Orgel und ein Präludium mit Fuge für Orgel solo. Neben dem lettischen Staatschor, einem zu Recht vielfach ausgezeichneten Ensemble, wirken die Sopranistin Ann De Renais und Kristine Adamaite an der großen Orgel der Kathedrale von Riga mit. Die sängerischen Leistungen sind durchweg überzeugend. Gerade die Männerstimmen des Chores begeistern durch ihre Klangschönheit und Homogenität. Der sehr elegant, beinahe instrumental geführte Sopran von Ann De Renais berührt, zwar ohne Gänsehaut, doch durchaus dem Ohre schmeichelnd.
Dezent registriert Kristine Adamaite die Orgel, soll sie dem Chor zu Diensten spielen; in Präludium und Fuge von Arthur Verhoeven darf sie ihre solistischen Qualitäten unter Beweis stellen. Das tut sie zweifelsohne, allein, man wünscht sich doch eine etwas mehr romantische Registrierung, frei nach dem Motto: klotzen, nicht kleckern. Insgesamt bewegt sich die Musik auf dieser CD vor allem um den Wechsel zum zwanzigsten Jahrhundert. Dass das in der aus sich heraus eher konservativen Kirchenmusik mit einem hoch romantischen, stellenweise auch impressionistischen aber immer tonalen Klangbild einher geht, versteht sich fast von selbst. In letzter Konsequenz nicht immer originell, nimmt die chromatische Harmonik dennoch gefangen. Rein handwerklich handelt es sich bei den Kompositionen der Herren Benoit, Mortelmans, Verhoeven, Feremans sowie de Boeck Vater und Sohn um ausgesprochen gute Arbeit. Auch, wenn der lettische Staatschor schlich und einfach ganz ausgezeichnet singt, trägt natürlich der Chorsatz, das Ausgangsmaterial, sprich, die Partitur ganz wesentlich zu vorliegendem Ergebnis bei. Nur, wer sich die zweite CD ganz bis zum Ende anhört, kann wahrnehmen, was uns das ansonsten, soweit verständlich, informative Textheft verschweigt. Es handelt sich um einen Live-Mitschnitt. Bei knapp neunzig Minuten Programm sei dafür hier noch einmal ausdrücklich der Hut gezogen. |