Man schreibt den 27. Februar 1854. In Düsseldorf hat der Karneval mit dem Rosenmontag seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Die Stadt ist im Taumel und in allen Gassen und Straßen, auf allen Plätzen wird gefeiert, gesungen, getanzt und gelacht. Es ist ein buntes und fröhliches Treiben.
Vielleicht hat deswegen niemand den blassen und aufgedunsenen Mann bemerkt, der sich aus seinem Haus geschlichen hat. Er sieht seltsam aus, mitten im Februar ohne Weste und in Filzschuhen. Es ist ihm nicht wohl, aber auch das bemerkt niemand. Genau so wenig wie die Menschen, die ihm auf seinem Weg entgegenkommen, erahnen können, was in seinem Kopf vorgeht. Stimmen sind da zu hören, Bedrohliche aber auch Liebliche. Stimmen von Engeln und Dämonen, die auf ihn einreden. Und da ist auch Musik, viel Musik. Vereinzelte Töne, Akkorde, brausende Klänge, ja ganze musikalische Stücke toben in seinem Kopf. Schon seit zwei Wochen haben sie ihn um den Schlaf gebracht, seine Sinne benebelt.
Vielleicht möchte er wirklich zur Natur zurück, zum Vater Rhein. Schon im Jahre 1829 hatte er seinem Tagebuch seine Träume anvertraut, in denen er auf dem Grunde des mächtigen Stromes lag. Vielleicht möchte er dem Schicksal entgehen, in einem Irrenhaus zu enden. Was das in der Mitte des 19. Jahrhunderts bedeutet, können wir uns heute zum Glück nicht mehr vorstellen. Vielleicht möchte er aber auch nur, dass die Stimmen aufhören, dass es still wird in seinem Schädel.
Endlich ist er am Rhein angelangt. Er betritt die schwankende Schiffsbrücke, setzt Fuß vor Fuß. In einer letzten romantischen Geste wirft er seinen Ehering in die Fluten und folgt ihm. Er wird gerettet aber nie wieder der Alte sein. Robert Schumann wird in eine Nervenheilanstalt in Endenich in die Nähe von Bonn eingeliefert. Keine zwei Jahre später findet er seine letzte Ruhe an einem Ort, der ihm sicher gefallen hätte: dem verträumten alten Friedhof in Bonn.
Schumanns Verlorenheit
Die tragische Zeit um seinen Selbstmordversuch markiert das Umfeld, in dem Schumanns fast gänzlich unbekannte Geistervariationen entstanden. Das Thema dazu sei ihm von den Engeln eingegeben worden, behauptete er später. Immerhin, nach dem Sprung in den Rhein fand er noch die Kraft, die Variationen zu vollenden. Vielleicht haben ihm die Engel ja dabei geholfen. Danach taten sie es nicht mehr. Sein Genie verstummte. Trotz der Hoffnungslosigkeit, in der diese Komposition entstand, gehört sie zu den ergreifendsten Werken, die Schumann geschrieben hat. Die ohnmächtige und leise Verzweiflung dieses Werkes, das sich vollkommen gängigen Hörgewohnheiten entzieht, nimmt den Zuhörer auf ganz eigene Art und Weise gefangen und ein Stück mit in die Verlorenheit der letzten Jahre Schumanns.
Solide musiziert
Die Geistervariationen und andere Werke der Spätzeit sind die interessantesten Interpretationen, die Michael Endres auf seiner Einspielung der Klavierwerke Schumanns auf 3 CDs des Labels OEHMS bietet. Mit großem Einfühlungsvermögen nähert er sich diesen fragilen Kompositionen, die so vielschichtig sind, dass man sie eigentlich nur intuitiv erfassen kann. Umso mehr überrascht die analytische Schärfe, mit der er die Untiefen der Gesänge der Frühe op. 133 ausleuchtet. Dies gelingt ihm ohne den kalten Blick des Sezierenden, wodurch ihm die Gesänge im Gegensatz zu den Geistervariationen, die schon nicht mehr von dieser Welt scheinen, fast tröstlich gelingen.
Kreisleriana und Kinderszenen werden von ihm solide gespielt und in ihrem intimen Charakter ernst genommen. Der Faschingsschwank aus Wien op. 26 ist brillant und virtuos, mit schnellen Tempi und einer Doppelbödigkeit, die einen deutlichen Bogen zum späten Schumann schlägt. Ebenso die Humoreske op. 20m deren düstere, beunruhigende Unwetter und Nebel Endres wunderbar herausarbeitet.
Im Booklet lässt Endres den Zuhörer an seiner fundierten Kenntnis und seinen Gedanken zu den einzelnen Werken teilhaben. Auch ohne diese lehreichen Anmerkungen, wäre die Einspielung lohnend. Vor allem wegen der wenig beachteten letzten Werke und der Reise zu den Rändern der menschlichen Psyche, auf die uns Michael Endres mitnimmt. |