Wenn man sich als noch vergleichsweise junger Pianist bei einer der
ersten eigenen CDs ausgerechnet für Beethovens Klaviersonate op. 13 (‚Pathétique‘) entscheidet,
so muss man entweder blauäugig oder mit allen Wassern gewaschen sein - gehört doch diese
Sonate, Hand in Hand mit der so genannten ‚Mondschein-Sonate‘, zu den am häufigsten
eingespielten Sonaten überhaupt. Da steht man dann als Interpret also quasi schon von Beginn
an auf verlorenem Posten angesichts der erdrückenden Masse an Für-die-einsame-Insel-Platten,
die die Tastenkunst hinsichtlich dieser Sonaten bereits hervorgebracht hat. Zu den blauäugigen
Kandidaten dürfte der Grazer Pianist Markus Schirmer jedoch kaum gehören - zumindest hat er in
der Vergangenheit schon des öfteren über den eigenen Tellerrand geschaut, etwa in Form einer
Zusammenarbeit mit einem kurdischen Folkloremusiker oder indem er mit der US-Sängerin Helen
Schneider eine von ihm eigens angefertigte Version von Weills ‚Die 7 Todsünden‘ zum Vortrage
gebracht hat. Das lässt zumindest auf einen experimentierfreudigen Charakter schließen, was ja
prinzipiell keine schlechte Voraussetzung ist, wenn man sich in Sachen Beethoven noch
behaupten will. Objektiviertes Fanal Mit der Experimentierfreude bei Beethoven ist es
jedoch so eine Sache. Denn einerseits fordert Beethoven dies geradezu heraus, andererseits
steht da meist etwas Unterschätztes im Raum: nämlich der übergroße Respekt. Als ob Markus
Schirmer unterschwellig ahnen würde, dass man bei Beethoven fast schon zwangsläufig nie gut
genug sein kann, setzt er - so risikofreudig er ansonsten sein mag - vor allem auf Sicherheit und
Sorgfalt. Das gilt nicht nur für die ‚Pathétique‘, sondern auch für die beiden anderen hier
eingespielten Sonaten (op. 2/2 und op. 2/3). Schirmer ist überaus sorgsam mit Phrasierungen und
dergleichen, womit er auch völlig Recht hat. Schließlich hat Beethoven derlei Vortragsanweisungen
fast ausschließlich dann notiert, wenn sich seine Vorstellungen von der damals üblichen
Spielpraxis in irgendeiner Weise unterschieden haben. Doch paradoxerweise wird Schirmer gerade
dies gelegentlich zu Verhängnis, denn Beethoven wird unter seinen Händen oft zu einer geradezu
objektiven Angelegenheit. Das ist natürlich gerade bei der ‚Pathétique‘ über weite Strecken fatal,
handelt es sich - wie der Name andeutet - nicht nur um ein stellenweise pathetisches Stück,
sondern vor allem auch ein Stück, in dem eigene Standpunkte, Explosivität, Grenzüberschreitung
und auch Mut zum Risiko eine wesentliche Rolle spielen. Bei der vorliegenden Aufnahme drängt
sich ein wenig der Eindruck auf, als wolle Schirmer auf Nummer Sicher gehen und sich durch
Sorgfalt gleichsam unangreifbar machen. Dies ist verständlich, doch diese Medaille hat zwei
Seiten: Schirmer befolgt - betrachtet man den Notentext samt aller Phrasierungen und dergleichen
- alles sehr sorgsam und gewissenhaft, doch das Stück wirkt dadurch über weite Strecken
überaus gezähmt. Ähnlich verhält es sich mit den Sonaten A-Dur op. 2/2 und C-Dur op. 2/3. Als
Beethoven mit seinem Dreierbündel Sonaten (nicht gespielt wird hier die eigentlich dazu
gehörende Sonate op. 2/1) öffentlich in Erscheinung trat, so muss das für die klavierspielende
Welt seiner Zeit ein regelrechtes Fanal gewesen sein. Diese Sonaten haben so gar nichts von
einem Anfängerwerk an sich, bei dem sich ein angehender Komponist in das Genre der Sonate
gleichsam hineinlaviert oder ein wenig mit der Gattung experimentiert. Nein, was Beethoven hier
gleich mit seinem op. 2 vorgelegt hat, ist eine Standortbestimmung sondergleichen, weil
Beethoven sich hier nicht nur überaus stilsicher als eigener Kopf präsentiert, sondern auch gleich
klargestellt hat, woran sich die Gattung der Klaviersonate in Zukunft zu orientieren hat. Das ist ein
geradezu verblüffender Unbesiegbarkeitsgestus, der letztlich aber inhaltlich durchaus begründet
ist. Die Poesie der Wassertropfen Die Sonate op. 2/2 ist ein ziemlich verrücktes Stück,
das leider viel zu selten gespielt wird. Sie ist virtuos und einfallsreich und stellenweise scheint
Beethoven sich mit einer seiner ersten kompositorischen Visitenkarte sogar die Freiheit
herauszunehmen, die Gattung Sonate stellenweise zu karikieren. Der erste Satz lebt von großen
Gegensätzen, von mäandernden Melodien und wilden Passagen, die lautstark wie Keile
dazwischenbrechen und einer vermeintlichen Gemütlichkeit einen Strich durch die Rechnung
machen. Auch hier gilt, dass Schirmer alles gut beachtet, die Akkordmischungen sind sorgsam
abgewogen und wichtige Töne immer gut herauskristallisiert, doch auch hier wird man den Eindruck
nicht ganz los, dass sich Schirmer manchmal wie hinter einer Art Schutzschild hinter dem Notentext
versteckt. Das Spaßige, Verrückte an der Sonate kommt über weite Strecken ein wenig zu kurz.
Durchaus kurios ist der vierte Satz dieser Sonate: wesentlicher Bestandteil dieses Rondos ist ein
sich über vier Oktaven erstreckender, gebrochener Dreiklang, der mit einem Abwärtssprung von
fast zwei Oktaven abschließt. Dieses Motiv ist in seiner Form nicht nur sehr ungewöhnlich, sondern
vor allem auch überaus prägnant. Um das Ganze aber erst richtig auf die Spitze zu treiben, hat
sich Beethoven es sich nicht nehmen lassen, eben dieses prägnante Motiv in identischer oder
leicht abgewandelter Form an die zwanzig Mal (!) zu verwenden. Böse Zungen behaupten, die
Tatsache, dass diese Sonate nie aus dem Schatten von op. 2/3 heraustreten konnte, läge daran,
dass überaus groteske Form von Wiederholung an die Chinesische Folter erinnere, bei ein
regelmäßiger plätschernder Wassertropfen die betroffenen Personen nach und nach um den
Verstand bringt. Doch letztlich liegt es in der Hand des Pianisten: wenn das Motiv durchaus
identisch gespielt wird, kann dieser entnervende Effekt tatsächlich eintreten. Wenn er jedoch
Phantasie genug aufbringt, es zu variieren, etwa mit Pedaleffekten, Agogik oder Lautstärke, dann
hat der Satz durchaus Witz und Poesie. Schirmer unterläuft sozusagen dieses Problem, und zwar
indem er dem Motiv von Vornherein durch Pedal und weichen Anschlag viel Schärfe nimmt. Das
wirkt samtig und das kann man auch nach vielem Hören noch gut vertragen. Allerdings nimmt
diese Strategie dem Satz auch ein wenig von seinem Biss. Op. 2/3 ist zweifelsohne eine
wirklich große Sonate und trägt nicht umsonst den Spitznamen ‚Kleine Waldstein-Sonate‘ - auch
wenn sie so klein gar nicht ist. Die Tatsache, dass sie gleich mit einem auskomponierten
Terzentriller anfängt, muss seinerzeit für gehöriges Kopfschütteln gesorgt haben, allerdings
wussten die Hörer da noch nicht, dass Beethoven noch einen Dreifach-Triller auf Lager hat (hat er
sich als Sahnehäubchen für den vierten Satz aufgespart). Insgesamt ist dies eine Sonate von
wilder Entschlusskraft, ja Unbedingtheit, der Markus Schirmer aber nur teilweise zu vertrauen
scheint. Auch hier stellt er Sorgfalt vor Risiko, zumindest gilt dies für die meisten Sätze des
Stückes. Eigenartigerweise fällt dabei das Scherzo (der dritte Satz) völlig aus dem - gemäßigten -
Rahmen: Hier zeigt Schirmer wirklich, was er kann. Das Stück sprüht vor Witz, Poesie,
Einfallsreichtum und Ausgelassenheit und wirkt in seinem ganzen Ausdruck abgerundet,
konsequent und schlüssig. Das Beiheft zu dieser CD ist unaufwändig, doch insgesamt erfüllt es
seinen Zweck: Der Einführungstext von Karl Böhmer ist informativ und trotzdem gut lesbar.
Darüber hinaus gibt es eine Kurzbiografie des Pianisten (alles dreisprachig). |