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Details zu Beethoven, Ludwig van: Early Sonatas
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Kritik zu Tacet: Beethoven, Ludwig van: Early Sonatas

Standortbestimmung


Annette Lamberty, 21.02.2004

Beethoven, Ludwig van: Early Sonatas
Label: Tacet , VÖ: 01.10.2003
Spielzeit: 74:28


Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 





Wenn man sich als noch vergleichsweise junger Pianist bei einer der ersten eigenen CDs ausgerechnet für Beethovens Klaviersonate op. 13 (‚Pathétique‘) entscheidet, so muss man entweder blauäugig oder mit allen Wassern gewaschen sein - gehört doch diese Sonate, Hand in Hand mit der so genannten ‚Mondschein-Sonate‘, zu den am häufigsten eingespielten Sonaten überhaupt. Da steht man dann als Interpret also quasi schon von Beginn an auf verlorenem Posten angesichts der erdrückenden Masse an Für-die-einsame-Insel-Platten, die die Tastenkunst hinsichtlich dieser Sonaten bereits hervorgebracht hat. Zu den blauäugigen Kandidaten dürfte der Grazer Pianist Markus Schirmer jedoch kaum gehören - zumindest hat er in der Vergangenheit schon des öfteren über den eigenen Tellerrand geschaut, etwa in Form einer Zusammenarbeit mit einem kurdischen Folkloremusiker oder indem er mit der US-Sängerin Helen Schneider eine von ihm eigens angefertigte Version von Weills ‚Die 7 Todsünden‘ zum Vortrage gebracht hat. Das lässt zumindest auf einen experimentierfreudigen Charakter schließen, was ja prinzipiell keine schlechte Voraussetzung ist, wenn man sich in Sachen Beethoven noch behaupten will.

Objektiviertes Fanal
Mit der Experimentierfreude bei Beethoven ist es jedoch so eine Sache. Denn einerseits fordert Beethoven dies geradezu heraus, andererseits steht da meist etwas Unterschätztes im Raum: nämlich der übergroße Respekt. Als ob Markus Schirmer unterschwellig ahnen würde, dass man bei Beethoven fast schon zwangsläufig nie gut genug sein kann, setzt er - so risikofreudig er ansonsten sein mag - vor allem auf Sicherheit und Sorgfalt. Das gilt nicht nur für die ‚Pathétique‘, sondern auch für die beiden anderen hier eingespielten Sonaten (op. 2/2 und op. 2/3). Schirmer ist überaus sorgsam mit Phrasierungen und dergleichen, womit er auch völlig Recht hat. Schließlich hat Beethoven derlei Vortragsanweisungen fast ausschließlich dann notiert, wenn sich seine Vorstellungen von der damals üblichen Spielpraxis in irgendeiner Weise unterschieden haben. Doch paradoxerweise wird Schirmer gerade dies gelegentlich zu Verhängnis, denn Beethoven wird unter seinen Händen oft zu einer geradezu objektiven Angelegenheit. Das ist natürlich gerade bei der ‚Pathétique‘ über weite Strecken fatal, handelt es sich - wie der Name andeutet - nicht nur um ein stellenweise pathetisches Stück, sondern vor allem auch ein Stück, in dem eigene Standpunkte, Explosivität, Grenzüberschreitung und auch Mut zum Risiko eine wesentliche Rolle spielen. Bei der vorliegenden Aufnahme drängt sich ein wenig der Eindruck auf, als wolle Schirmer auf Nummer Sicher gehen und sich durch Sorgfalt gleichsam unangreifbar machen. Dies ist verständlich, doch diese Medaille hat zwei Seiten: Schirmer befolgt - betrachtet man den Notentext samt aller Phrasierungen und dergleichen - alles sehr sorgsam und gewissenhaft, doch das Stück wirkt dadurch über weite Strecken überaus gezähmt.

Ähnlich verhält es sich mit den Sonaten A-Dur op. 2/2 und C-Dur op. 2/3. Als Beethoven mit seinem Dreierbündel Sonaten (nicht gespielt wird hier die eigentlich dazu gehörende Sonate op. 2/1) öffentlich in Erscheinung trat, so muss das für die klavierspielende Welt seiner Zeit ein regelrechtes Fanal gewesen sein. Diese Sonaten haben so gar nichts von einem Anfängerwerk an sich, bei dem sich ein angehender Komponist in das Genre der Sonate gleichsam hineinlaviert oder ein wenig mit der Gattung experimentiert. Nein, was Beethoven hier gleich mit seinem op. 2 vorgelegt hat, ist eine Standortbestimmung sondergleichen, weil Beethoven sich hier nicht nur überaus stilsicher als eigener Kopf präsentiert, sondern auch gleich klargestellt hat, woran sich die Gattung der Klaviersonate in Zukunft zu orientieren hat. Das ist ein geradezu verblüffender Unbesiegbarkeitsgestus, der letztlich aber inhaltlich durchaus begründet ist.

Die Poesie der Wassertropfen
Die Sonate op. 2/2 ist ein ziemlich verrücktes Stück, das leider viel zu selten gespielt wird. Sie ist virtuos und einfallsreich und stellenweise scheint Beethoven sich mit einer seiner ersten kompositorischen Visitenkarte sogar die Freiheit herauszunehmen, die Gattung Sonate stellenweise zu karikieren. Der erste Satz lebt von großen Gegensätzen, von mäandernden Melodien und wilden Passagen, die lautstark wie Keile dazwischenbrechen und einer vermeintlichen Gemütlichkeit einen Strich durch die Rechnung machen. Auch hier gilt, dass Schirmer alles gut beachtet, die Akkordmischungen sind sorgsam abgewogen und wichtige Töne immer gut herauskristallisiert, doch auch hier wird man den Eindruck nicht ganz los, dass sich Schirmer manchmal wie hinter einer Art Schutzschild hinter dem Notentext versteckt. Das Spaßige, Verrückte an der Sonate kommt über weite Strecken ein wenig zu kurz. Durchaus kurios ist der vierte Satz dieser Sonate: wesentlicher Bestandteil dieses Rondos ist ein sich über vier Oktaven erstreckender, gebrochener Dreiklang, der mit einem Abwärtssprung von fast zwei Oktaven abschließt. Dieses Motiv ist in seiner Form nicht nur sehr ungewöhnlich, sondern vor allem auch überaus prägnant. Um das Ganze aber erst richtig auf die Spitze zu treiben, hat sich Beethoven es sich nicht nehmen lassen, eben dieses prägnante Motiv in identischer oder leicht abgewandelter Form an die zwanzig Mal (!) zu verwenden. Böse Zungen behaupten, die Tatsache, dass diese Sonate nie aus dem Schatten von op. 2/3 heraustreten konnte, läge daran, dass überaus groteske Form von Wiederholung an die Chinesische Folter erinnere, bei ein regelmäßiger plätschernder Wassertropfen die betroffenen Personen nach und nach um den Verstand bringt. Doch letztlich liegt es in der Hand des Pianisten: wenn das Motiv durchaus identisch gespielt wird, kann dieser entnervende Effekt tatsächlich eintreten. Wenn er jedoch Phantasie genug aufbringt, es zu variieren, etwa mit Pedaleffekten, Agogik oder Lautstärke, dann hat der Satz durchaus Witz und Poesie. Schirmer unterläuft sozusagen dieses Problem, und zwar indem er dem Motiv von Vornherein durch Pedal und weichen Anschlag viel Schärfe nimmt. Das wirkt samtig und das kann man auch nach vielem Hören noch gut vertragen. Allerdings nimmt diese Strategie dem Satz auch ein wenig von seinem Biss.

Op. 2/3 ist zweifelsohne eine wirklich große Sonate und trägt nicht umsonst den Spitznamen ‚Kleine Waldstein-Sonate‘ - auch wenn sie so klein gar nicht ist. Die Tatsache, dass sie gleich mit einem auskomponierten Terzentriller anfängt, muss seinerzeit für gehöriges Kopfschütteln gesorgt haben, allerdings wussten die Hörer da noch nicht, dass Beethoven noch einen Dreifach-Triller auf Lager hat (hat er sich als Sahnehäubchen für den vierten Satz aufgespart). Insgesamt ist dies eine Sonate von wilder Entschlusskraft, ja Unbedingtheit, der Markus Schirmer aber nur teilweise zu vertrauen scheint. Auch hier stellt er Sorgfalt vor Risiko, zumindest gilt dies für die meisten Sätze des Stückes. Eigenartigerweise fällt dabei das Scherzo (der dritte Satz) völlig aus dem - gemäßigten - Rahmen: Hier zeigt Schirmer wirklich, was er kann. Das Stück sprüht vor Witz, Poesie, Einfallsreichtum und Ausgelassenheit und wirkt in seinem ganzen Ausdruck abgerundet, konsequent und schlüssig.

Das Beiheft zu dieser CD ist unaufwändig, doch insgesamt erfüllt es seinen Zweck: Der Einführungstext von Karl Böhmer ist informativ und trotzdem gut lesbar. Darüber hinaus gibt es eine Kurzbiografie des Pianisten (alles dreisprachig).

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