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Hundert Meisterwerke

Die Unvollendete

von Franz Schubert

Schuberts unvollendete Sinfonie besteht aus zwei meisterhaft komponierten Sätzen, die der Öffentlichkeit erst lange nach dem Tod des Komponisten bekannt wurden. Die bis heute ungebrochene Popularität des Werkes - die Unvollendete gehört zu den meistgespielten Sinfonien überhaupt - ist nicht nur auf die ausdrucksstarke, souverän komponierte Musik zurückzuführen, sondern auch auf das Mysterium des Fragments.

Vielleicht beginne ich mit einer überflüssigen Bemerkung, wenn ich hervorhebe, dass sich der Beiname "Die Unvollendete" lediglich auf die Form des zweisätzigen Werkes bezieht und auch hier nur sinnvoll ist, weil Schubert in der Regel viersätzige Sinfonien schrieb. Der Komponist, den man heute der Romantik zurechnet, ist in seinen acht Sinfonien ganz den klassischen Formprinzipien verpflichtet. Das erste Werk dieser Reihe ist eine Komposition des Sechzehnjährigen und, wenn auch auf erstaunlichem Niveau, nicht mehr als eine Kopie des etablierten klassischen Stils. Während seiner Schulzeit am Wiener Stadtkonvikt lernte Schubert als Geiger im Schulorchester die großen Werke Haydns und Mozarts kennen und sein überragendes Talent befähigte den jungen Komponisten schon früh zur Nachahmung seiner Vorbilder. Der Wunsch nach einem eigenen Ausdruck kam erst später. Neben der Tonsprache übernahm Schubert auch die typisch klassischen Formen: Seine ersten fünf Sinfonien besitzen alle einen nach der Sonatensatzform komponierten Kopfsatz, an zweiter Stelle einen langsamen Satz, dann ein Menuett und schließlich einen schnellen Finalsatz. In den Sinfonien 1 bis 4 steht am Anfang eine langsame Einleitung. Schubert beherrschte diesen Stil und war wie Mozart in der Lage, eine Sinfonie in wenigen Wochen zu komponieren - für die dritte brauchte er sogar nur neun Tage. Erst seine Begegnung mit Beethovens Werken gab seinem Schaffen neue Impulse. Ein erster Einfluß zeigt sich in der sechsten Sinfonie, in der Schubert das Menuett nach Beethovenscher Manier durch ein Scherzo ersetzt. Er bewunderte den bereits legendären Komponisten vorbehaltlos und studierte intensiv dessen Werke. Ab 1818 geriet Schubert in eine Schaffenskrise, er verlor seine leichte Schreibart und stellte einen höheren Anspruch an seine Werke. Mehrere Jahre war es ihm nicht möglich gewesen, eine Sinfonie zu Ende zu bringen. Das Ergebnis dieser Krise sind letztendlich die Meisterwerke der Zwanziger Jahre, Schuberts letzter Lebensdekade. Zu ihnen zählen auch die Sinfonien 7 (Unvollendete, 1822) und 8 (Große C-Dur-Sinfonie, 1825). Die Zählung der Sinfonien Schuberts ist erst 1978 endgültig geregelt worden. Früher zählte man die Unvollendete als Nr. 8 und die Große C-Dur-Sinfonie als Nr. 7, stellte dann aber, um eine Chronologie herzustellen, die Große C-Dur-Sinfonie als Nr. 9 ans Ende und fügte an siebter Stelle das Sinfoniefragment in E-Dur von 1821 ein. Wenn man heute eine Aufnahme der Großen C-Dur-Sinfonie kauft, kann sie je nach Informationsstand der Interpreten die Nummer 7, 8 oder 9 haben. Die Unvollendete bekommt man mal als siebte mal als achte Sinfonie. Die alte Zählung ordnete die Unvollendete ans Ende der Liste, weil man sie als keine vollgültige Sinfonie betrachtete aber als nachgelassenes und im Gegensatz zu anderen Sinfoniefragmenten aufführbares Werk anführen wollte.

Titelseite des Erstdrucks von 1867
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