Amsterdam > Het Muziektheater (DNO = De Nederlandse Opera) - 02.09.2006 Saisonauftakt in Amsterdam > Andreas Homokis ‚Capriccio’-Interpretation
Kritik von Dr. Kevin Clarke
Letztes Jahr eröffnete die Nederlandse Opera (DNO) ihre Spielzeit mit drei zyklischen Aufführungen von Wagners ‚Ring’ und konnte damit große internationale Resonanz erzeugen. Wagner-Fans aus aller Welt pilgerten nach Amsterdam, um bei dem Event dabei zu sein. Inzwischen gibt es die Inszenierung (in einer älteren, gesanglich besseren Fassung) auf DVD und die neue (stimmlich teils haarsträubende) Version auf CD. Wodurch die Erinnerung an diesen Saison-Auftakt noch lange wach bleiben wird.
Das vergleichbare PR-Highlight der Saison 2006/7 wird aller Voraussicht nach der Mozart-Zyklus im November sein: die Aufführung der drei da Ponte Opern an drei aufeinanderfolgenden Abenden, in der Inszenierung von Jossi Wieler/Sergio Morabito und mit Ingo Metzmacher am Pult.
Konversationsstück für Musik
Da es bis dahin noch etwas dauert, eröffnete die DNO ihre diesjährige Spielzeit mit der Wiederaufnahme von ‚Capriccio’ – dem ‚Konversationsstück für Musik in einem Aufzug’ op. 85 von Richard Strauss. Und statt der Erregtheit des Wagner-Fests vor einem Jahr, war diesmal alles eher business as usual. Keine große Aufregung, keine großen Stimmen, keine großen Gefühle (weder positive noch negative).
Man zeigte die Inszenierung von Andreas Homoki, ursprünglich 2000 für Amsterdam kreiert und nun vom Regisseur selbst neu einstudiert. Er bedankte sich am Ende freundlich lächelnd für den höflichen bis herzlichen Applaus. Zusammen mit seinem Solisten-Team, das – für Amsterdamer Verhältnisse überraschend – eher zurückhaltend gefeiert wurde. Den meisten Applaus und die einzigen Bravos bekam die kleine Tänzerin Nicolette Harmsen, die in einer Szene heiße Schokolade servieren durfte. Grund für die Bravos waren ihre anwesenden Großeltern in Reihe 10. Leider hatten die restlichen Sänger keine solche familiäre Unterstützung. Und mussten sich vom – für Amsterdamer Verhältnisse ebenfalls sehr ungewöhnlich – nicht ausverkauften Haus ihrerseits mit höflich bis herzlichem Applaus vertrösten lassen. Von den stürmischen Ovationen rund um den ‚Ring’ 2005 war das alles weit entfernt.
Die fehlende internationale Presse und das abwesende internationale Publikum wurde ersetzt durch die anwesenden (und angehenden) Mozart-Stars Metzmacher und Wieler. Ferner wurde von der Intendanz der sympathische neue Pressechef des Hauses (aus Berlin kommend) am Eingang vorgestellt. Und man konnte auch den neuen Besetzungschef des Hauses begrüßen, Hein Mulder (von der Vlaamse Opera in Antwerpen kommend). Aber sonst: nichts. Selbst der Empfang im Anschluss an die Aufführung war nach einer Stunde vorbei. Ohne nennenswerte Ereignisse. Keine Feststimmung. Keine Ausgelassenheit. Kein ‚Es ist geschafft’. Kein Vollbracht- und Vollendet-Gefühl, wie beim ‚Ring’.
„Ich will eine Antwort!“
Vielleicht eignet sich die letzte Oper von Richard Strauss einfach nicht für einen knalligen Saison-Starter? Ganz sicherlich nicht in der hier gebotenen Fassung. Am Schluss steht die Gräfin vorn an der Rampe und singt statt in den Spiegel (wie im Libretto angegeben) zum Publikum: „Ich will nicht deinen spöttischen Blick“ und „Ich will eine Antwort!“. Diese (oder irgendeine andere) Antwort bleibt Regisseur Homoki dem Publikum schuldig. Für ihn ist das Stück vor allem eins: viel Rumlaufen um einen überdimensionalen, mit Worten vollgekritzelten Kasten auf der ansonsten leeren Bühne, deren Rückwand mit Noten vollgemalt ist. Das sieht schön aus, ist aber sehr unatmosphärisch. Und es erinnert teils an zu groß geratenes Kinderspielzeug, an Kasperle, der aus der Kiste springt. Eine wirkliche Charakterzeichnung der durchaus interessanten Figuren findet nicht statt. Und der spöttelnd blickende Zuschauer fragt sich nach 2 Stunden und 25 pausenlosen Minuten, was das Ganze eigentlich soll.
Eine Oper übers Schreiben einer Oper, über die Frage „prima la musica“ oder „prima le parole“? Da wird im manchmal arg banalen (typisch nationalsozialistisch-restaurativen) Libretto von Clemens Kraus viel ironisch auf die Schippe genommen, von Strauss entsprechend vertont. Beispielsweise der große Theatermonolog von La Roche. Aber solche ironischen Töne hörte man in Amsterdam nirgends. Weder von Jan-Hendrik Rootering als La Roche, noch von jemand anderem: z.B. Dietrich Henschel als affektiertem Oliver, Rainer Trost als tenoral schwächelndem Flamand, Olaf Bär als Graf. Und ganz sicher nicht von Gabriele Fontana als Gräfin. Es ist schwer zu sagen, was an ihrer Interpretation der Madeleine ‚nicht stimmte’. Sie sang die Partie sauber, klanglich auch angenehm, aber sie war nicht glaubhaft als verliebte Gräfin, die Freude an intellektuellen Diskursen über Oper und Leben hat. Man glaubte ihr die Aristokratin nicht. Man freute sich auch nicht mit ihr an dem Wortspielen des Librettos, weil sie – ganz anders als das berühmt-berüchtigte Vorbild Elisabeth Schwarzkopf – mit dem Text nicht mehr tat als ihn zu singen. Keine Pointen, keinen Farben, kein Witz. Und für eine ‚nur’ schön gesungene Strauss-Heroine ist die Stimme von Fontana (bedauerlicherweise) nicht charismatisch genug. Besonders dem bekannten Schlussgesang fehlten die aufblühenden, teils ekstatischen Bögen. Damit fehlte der Aufführung das Zentrum. Darum ermüdete die Vorstellung auch so schnell. Damit stürzte die Produktion letztlich auch in sich zusammen. Statt hoher Kunst erlebte man viel Klamauk. Und ein Orchester, dass unter Hartmut Hähnchen ebenfalls auf Pointen, delikate Klangfarben und Ekstasen verzichtete.
Bei der ersten Premiere im Jahr 2000 fiel das, trotz fast identischer Besetzung, nicht so auf, weil damals Angela Denoke als Gräfin die Szene beherrschte. Und dem Abend Sinn und Zweck gab. (Zudem auch feurigen Strauss-Gesang.) Ohne Denoke wurden die Schwächen dieser letztendlich eindimensionalen Produktion überdeutlich, eine Produktion, die es nicht schafft, aus dem Stück Funken zu schlagen. Und das Publikum zu fesseln.
Maßstabbildender Schlussgesang
Wer hören will, dass es auch in den Niederlanden einmal möglich war, spektakulären Strauss-Gesang von Weltniveau zu hören, dem sei die ‚Capriccio’-Einspielung aus Hilversum von 1953 empfohlen (bei Ponto auf CD erschienen). Da hört man Lisa della Casa im Studio des holländischen Rundfunks als Gräfin – in ihrer einzigen Gesamtaufnahme der Rolle. Auch nach 53 Jahren kann della Casas Schlussgesang den Hörer in einen wahren Rausch versetzen. Er ist Verzückung pur. Beglückend. Und setzt Maßstäbe.
Es bleibt zu hoffen, dass der neue Besetzungschef der DNO auch einmal so eine Besetzung offerieren kann. Denn andernfalls sollte man besser auf eine weitere Reprise dieser Produktion verzichten. Auch wenn sie hübsch anzusehen ist. Und obwohl mit Anke Vondung als Clairon eine Sängerin gefunden wurden, die (als einzige) an das Niveau erinnerte, dass mit della Casa in den Niederlanden mit dieser Oper einmal erreicht wurde...
Den alles entscheidenden Schlussgesang trägt aber nicht Clairon vor, sondern die Gräfin!
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