Verona > Arena di Verona - 27.08.2006 Das AIDA Prinzip > Die "Arena di Verona 2006" geht zu Ende
Kritik von Martin Morgenstern
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn? Well, my dear, du wirst es nicht wiedererkennen rund um die ‘Arena di Verona’, der Welt größte Freilichtopernbühne: blondierte schwäbische Gattinnen lassen sich von marokkanischen Straßenhändlern Gucci-Taschen aufschwatzen, während der Ehemann, dem ein Pakistani gerade versucht, selbstleuchtende Blumensträußchen anzudrehen, bemerkt, dass ihm einer der netten Jungs vorhin offensichtlich die Geldbörse gestohlen hat; über der Szene liegt das wehmütige Klagen eines schottischen Dudelsacks.
Überhaupt klingt Musik allerorten dieser Tage. Nach zwei Stunden gemütlichen Frühstücks in einem der Freiluft-Restaurants im Zentrum kennt man den Reigen: völlig verstimmte Akkordeons versuchen sich wenig erfolgreich am Nachspielen irgendwann einmal gehörter Straußmelodien, mit dem Saxofonspieler quält man sich durch eine Sinatraschnulze, der Keyboard-Boy beherrscht die ‘Ballade pour Adeline’ immerhin so leidlich, daß die Touristen sie erkennen, und um die Ecke, Richtung Julia-Balkon, lauert schon der Klassiker schlechthin: ein Duo mit Flöte und Gitarre. Auf denn in die Oper, wo die Emotionen wohnen, an diesem Ort übrigens schon vierundachtzig Spielzeiten lang.
‘Zaunköniglebern, Jaguarohrläppchen’ - die Rufe der fliegenden Händler verlieren sich im weiten Rund des Amphitheaters. Zwanzigtausend Menschen sind zur fünfhundertsten Vorstellung von Verdis Oper ‘Aida’ nach Verona gekommen. Die Oper wird hier mit Abstand am meisten gespielt; ‘Carmen’ kam bisher auf einhundertundsiebzig, ‘Nabucco’ auf einhundertundfünfzig Aufführungen. Sonnenbebrillte Riesen, das weiße Hemd bis zum Bauchnabel offen; englische Touristen mit Igelfrisur (das Preisschild hängt noch am Fußballshirt); hier und da deutsche Politiker der dritten Riege mit ihrem verzweifelt jovialen Blick... Bayreuth ist weit. Eine Stimme vom Band warnt das Proletariat auf den oberen Steinstufen davor, die Sitzkissen nach der Vorstellung in die Arena hinunterzuwerfen.
Und dann geht es los. Die alte Bühne (Franco Zeffirelli, wiedereingerichtet von Marco Gandini): ein riesiges Ägypto-Fantasialand mit goldenen Statuen, Sklaven, Pyramiden, Pharaos, Trompetern, kriegsbemalten Äthiopiern, Bogenschützen, schönen Frauen, fuchsschnäuzigen Göttern und so weiter und so weiter. Eine ironiefreie, zunehmend auch geistfreie Zone. Immerhin wird Weihrauch ins Publikum geblasen.
Die Inszenierung wirkt wie ein bombastisches Remake einer Sechziger-Jahre-Aufführung, von einem launigen russischen Ölmagnaten mit hundertfachem Budget ausgestattet. Die Sänger singen, zumeist am Bühnenrand stehend, frontal ins Publikum (alles andere wäre akustisch noch weniger befriedigend); Bewegung, ja Interaktion ist da kaum möglich. Hin und wieder gibt es gute Regieeinfälle, wie die Massen an Menschen - bis zu zweihundertfünfzig meinte ich gleichzeitig auf der Bühne gezählt zu haben - koordiniert und die riesigen Freiräume neben und hinter der zentralen Riesenpyramide bespielt werden können.
Von irgendeiner besonderen Leistung der einzelnen Mitwirkenden zu sprechen, wäre vermessen. Der stürmische Applaus nach jeder Arie orientierte sich weniger an musikalischen Kriterien, wohl eher am glänzenden Outfit der Sänger (Kostüme: Anna Anni). Warum die Tänzer sich zum Friedensfest im zweiten Akt wie testosteron-gespritzte Sahara-Dingos auf ihre Weibchen stürzen und auf offener Bühne ordentlich durchpoppen (Choreografien: Wladimir Wassiliew), erschloss sich auch nach einem Blick ins Libretto nicht so recht. Wenig haben wir sowieso vom Bühnengeschehen mitbekommen, eingeklemmt zwischen einer italienischen Familie, deren Sprösslinge den jeweiligen Chipstütenbesitz durch lautstarkes Knuspern und Knirschen feierten, und einer Diva, die während des zweiten Aktes fast durchgängig telefonierte. Wenigstens das Rauchen ist seit einigen Jahren verboten, was jedoch einige Besucher nur noch nervöser zu machen schien. Das Festivalorchester hielt sich wacker (auch optisch erfreulich rege: Dirigent Daniel Oren), obgleich die Nachtkühle die Bläser merklich aus den Angeln hob. Großartige Chorleistungen immerhin (Einstudierung: Marco Faelli), bei dieser Riesenbühne kein einfaches Unterfangen.
Und letztendlich hat uns das umfangreiche Programmheft aller in Verona gespielten Opern, das uns schon zahlreiche Zugfahrten versüßt hat (es enthält musikwissenschaftliche Aufsätze über so fesselnde Themen wie ‘Tosca als Neoplasma’, ‘Carmen: Holocaust eines unreinen Elements’, ‘Madama Butterfly: Durchfall an der Scala’), doch noch kalt erwischt. Mario Bortolotto schreibt darin: ‘In der Tat fegte Verdi mit Aida jedes intellektualistische Schmarotzertum vom Tisch, was jener Kategorie von Zuhörern missfiel, für die der große Prosaist die zutreffende Definition gefunden hätte: Hypophosphitenfresser.’ Touché. Wir wenden uns also grämlich unserer täglichen Ration Hypophosphiten zu und wünschen allen unbelehrbaren Verona-Fans viel Spaß für die nächste Spielzeit.
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