Aix-en-Provence > Théâtre de l'Archevêché - 02.07.2006 Wotans wahnwitzige Träume > "Rheingold" eröffnet in Aix Rattles neuen "Ring"
Kritik von Prof. Kurt Witterstätter
In der südfranzösischen Mozartstadt Aix-en-Provence dominieren im Gedenkjahr für den großen Salzburger eher Cézanne, Wagner und Mahler. Straßburgs Schauspielchef Stéphane Braunschweig begann im Erzbischoftheater mit „Rheingold“ seinen auf vier Aixer Festspielsommer (dann in der neuen „Salle de spectacles“) angelegten „Ring des Nibelungen“ mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle.
Die huldigen nach ihren edel-güldenen „Rheingold“-Klängen noch mit Mahler dem vor hundert Jahren verstorbenen Vater der modernen Malerei Paul Cézanne am Fuß von dessen Aixer Hausberg Montagne Sainte-Victoire.
Eine Projektion des Cézanne umtreibenden zerklüfteten Felsmassivs blendet Stéphane Braunschweig unter Gewölk für den Walhall-Einzug in seine schlichte Bunkerzelle ein, auf der er Wotan wie einen wahnwitzigen Fantasten von Macht und Liebe träumen lässt. Braunschweig erzählt die Verwandlungs-Märchen und die mörderischen Raubgeschichten von Wagners „Ring“-Vorabend in nüchterner Naivität. Der vom Burgbau überschuldete Wotan (der klangvolle Sir Willard White) erlebt Alberichs Goldgewinn auf drei Stühlen schlafend als eigenen Wunschtraum. Die Auseinandersetzungen unter den Göttern, mit den wie Konkursverwalter des unsoliden Wotan mit Aktenkoffern erscheinenden Riesen (Alfred Reiter, Jewgenij Nikitin) und dem seine proletarischen Alben (in schwarzen Latzhosen und Schirmmützen) als Militär-Obrist drangsalierenden Alberich gibt Braunschweig als solides Kammerspiel.
Vieles ist nicht gerade neu: Alberich – von Dale Duesing schlank-klangvoll gesungen – als kleinen Diktator und Wotan als Bankrotteur kennt man schon. Und natürlich muss Braunschweig seine karge Bunker-Szenerie mit Projektionen von Porträts, Goldglanz, Feuer, Wasser und Wolken aufbretzeln, um die Wunschwelten plausibel zu machen. Manches gelingt erstaunlich gut: So changiert der eloquente Loge Robert Gambills in mokanter Travestie, fesselt die energische Fricka Lilli Paasikivis im schwarzen Hosenanzug mit messerscharfer Artikulation und wäre Alberichs Lüsternheit bei den großzügigen Avancen der Rheintöchter in ihren weißen Brautkleidern fast zum Zuge gekommen (Sarah Fox, Victoria Simmonds, Ekaterina Gubanowa).
Wagners „Ring“-Mythos von Stéphane Braunschweig als modernes Märchen erzählt lässt für die Folgejahre auch bei der Übernahme zu den Salzburger Osterfestspielen noch einiges erhoffen. Fest steht schon jetzt die erlesen transparente musikalische Ausformung der Wagner-Motivik durch die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle. Da kommt die Klanggrundierung prägnant durchgeformt, fein ausgehört und doch weiträumig gesteigert voll feinsinniger Leuchtkraft aus dem engen Graben des Erzbischoftheaters. Hier erdrückt Wagners Musik nicht, sondern sie schwebt auf sanften Flügeln in den Aixer Nachthimmel wie es dort sonst Mozart vermag.
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