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Amsterdam > Het Concertgebouw - 14.06.2006
Concertgebouw Orchester, Mariss Jansons > Dmitrij Schostakowitsch: 7. Sinfonie

Kritik zu Concertgebouw Orchester, Mariss Jansons (Het Concertgebouw Amsterdam)

Die Klangmassen espressivo, nicht im Stechschritt

Kritik von Alexander Gurdon

Dimitri Schostakowitsch, eMusici.com GmbH

Wie ungeheuer schwierig ist es, eine Schostakowitsch-Sinfonie richtig zu interpretieren. Aber was heißt hier eigentlich ’richtig’? Darf man von Richtigkeit sprechen, und wer entscheidet das? Es ist und bleibt ein schwieriges Feld. Doch es gibt so musikalische Momente, in denen sich plötzlich Zusammenhänge erschließen, Klangberge sich in Konzept und Aussage vereinen, ergreifende bis beklemmende Monumentalität keinen Zweifel mehr an Richtigkeit oder überhaupt an der Fragestellung nach derselben zulässt. Das hat nichts mit Esoterik oder Erfahrungserlebnissen zu tun, sondern ist schlicht Ergebnis einer kongenialen Interpretation, wie man sie mit dem Concertgebouw-Orchester unter Mariss Jansons in Amsterdams berühmten Konzertsaal mit der wahrscheinlich besten Akustik der Welt erleben konnte.

Das Wesen der Musik

Schostakowitschs 7. Sinfonie, die sogenannte Leningrader, ist nicht seine beste, aber wohl seine berühmteste, und von Seiten des Klangapparats auch seine Monumentalste – mal abgesehen von der 2. und 3. Sinfonie vielleicht, die aber aufgrund ihres kommunistischen Diktums und der ’Helden’-Verehrung leider völlig aus den Konzertplänen verschwunden, bzw. nie dort aufgetaucht sind. Doch Monumentalität ist nicht gleich Monumentalität. Wie bei keinem anderen Komponisten, sind Biographie und Werk miteinander verknüpft, Schostakowitschs Zerrissenheit von pro-sozialistischer Doktrin durch das stalinistische Regime gegenüber seiner eigenständigen, so ungemein authentischen, karikierenden, aber auch beklemmenden Komponierweise kann niemanden unberührt lassen, und der ungemein schwierige Spagat, den seine Sinfonien verlangen, gelingt eigentlich eher selten.
Sicherlich ist es nicht Aufgabe eines Interpreten, immer wieder ein Werk partiturgetreu zu rezitieren, so ist aber doch gerade im Falle Schostakowitschs jede plausible, beeindruckende Interpretation vom Verstand und Können des Dirigenten und des Orchesters um das Wesen der Musik Schostakowitschs abhängig.

’Haben Sie vergessen, wann diese Musik geschrieben worden ist?’ sagte Schostakowitsch-Freund und –Koryphäe Evgeny Mravinsky einmal in einer CD-Produktion zu seinen Musikern der Leningrader Philharmoniker, als ihm einiges zu harmlos vorkam, was dort damals in der 5. Sinfonie von Schostakowitsch gespielt wurde. Die Gesichter der Musiker spiegelten die Antwort, und der nächste neue Klang löste kalte, unangenehme Schauer im Rücken aus. Mariss Jansons, ehemals Mravinskys berühmter Schüler und nun mit seinen Schostakowitsch-Interpretationen diesem ebenbürtig, hat keineswegs vergessen, wann diese Musik geschrieben worden ist: sein ungemein flexibler, in keiner Sekunde verflachender, stets bedingungsloser Schostakowitsch ist das Beste, was zur Zeit und wohl auch in kommender in den Konzertsälen zu erleben sein wird, wie es auch seine ’Lady Macbeth von Mzensk’ am nächsten Abend auf schreckliche, mitreißende, satirische Weise zeigen sollte.

Verderben und Groteske

Dass Jansons mit dem überaus hervorragenden Concertgebouw-Orchester eines der besten Orchester der Welt zu Hilfe für seinen Schostakowitsch hat, offenbart dazu natürlich noch ein musikalisches Gewand, das ganz auf Jansons Klangvorstellung eingeschworen ist und keine Wünsche offen lässt. Das ’königlich’ im Titel des ’Koninklijk Concertgebouworkest’ ist auch ein musikalisches Attribut, vor allem die Hingabe und die Erschaffung eines absolut homogenen Klangbildes auf höchstem Niveau ist der Trumpf des Amsterdamer Orchesters. So eröffnete Jansons also mit breitem Streichergestus diese Leningrader vor ausverkauftem Concertgebouw, ein dunkel gesättigter Klang dank geschmeidiger Bassgruppen führte in die berühmte ’Invasionsepisode’ der Sinfonie, die aber erst später diesen Beinamen erhielt, und viel zu sehr vordergründige Tonmalerei vermuten lässt, als es bei Schostakowitsch zu finden ist. Man sagt, dass dieses Thema den Marsch der Deutschen Truppen auf Leningrad symbolisiert, und Schostakowitsch so dies mit den Schrecken des Krieges schildere, als er Teile dieser Sinfonie im belagerten Leningrad komponierte.

Wer wirklich hören will, wie Schostakowitsch die Schrecken des Krieges im Russland der Zeit empfindet, muss seine 8. Sinfonie hören, aber auch in dieser Legende zur 7. steckt wie sooft ein Fünkchen Wahrheit, denn ohne Zweifel ist die 7. Sinfonie auch von Patriotismus gekennzeichnet. Schostakowitsch empfand natürlich Liebe und Schmerz bei den Kriegswirren um seine Geburtsstadt und gerade die existenzielle, schreckliche Erfahrung eines Weltkrieges konnte den noch recht jungen Komponisten nicht unberührt lassen.
Nichtsdestotrotz ist diese Sinfonie von der typischen Zweischneidigkeit gekennzeichnet, musikalisch betrachtet ist die Invasion nicht nur eine äußere, die neuen Themen und unaufhaltsamen Steigerungen entwickeln sich zu großen Teilen von innen heraus, der ’Feind’ sozusagen ist vor den Toren, aber auch schon längst im Land.

Diese Zerrissenheit inmitten all des sinfonischen Trubels arbeitete Jansons meisterhaft heraus, die überaus simple Melodie dieser Episode, eine Persiflage Schostakowitschs auf die von der Politik geforderte einfache, volksnahe Melodik, ließ er von seinen exzellenten Holzbläsern karikiert und überspitzt vortragen, unbeirrt schlug der vorzügliche Schlagzeuger an der kleinen Trommel den minutenlangen Rhythmus durch, ebenso minutenlang ballte Jansons im Stillen über seinem Pult die Faust, Eindringlichkeit und Groteske führten ins Verderben der Sinfonie.

Wie sehr die Musiker jedoch schon die giftigen Dämpfe aus der Partitur der ’Lady Macbeth von Mzensk’ eingeatmet hatten, wurde besonders in den Höhepunkten deutlich: Schostakowitsch betitelt seine Klimaxen sehr oft mit der dynamischen Forderung eines ’fortissimo molto espressivo’ – ein Effekt, der bei vielen Aufführungen und Einspielungen in blankes Muskelspielen und Geballer ausartet, besonders wenn es sich um solche Effekte wie in der Leningrader handelt, die mit Plastizität und wenig Feingefühl dennoch große Klangwirkung erzielen können. Ganz anders Mariss Jansons: wie auch im letzten Akt der Lady Macbeth, wo dissonante Klangflächen in grellem Entsetzen die Bühne verschlingen, zeigte sich hier ein molto espressivo in den Monumentalitäten, dass man erschauderte. Zwar lautstarke und dröhnende Expressivität, aber zugleich in einer Verletzlichkeit, in einer Verzweiflung der Klänge, dass wohl niemand auf die Idee gekommen wäre, besonders in den blockhaften, drückenden Akkorden des Finales, hier einen Siegesjubel oder ungebremsten Patriotismus zu vernehmen.

Jubel machte sich nur im Publikum lautstark breit, ein Jubel, der nicht passen wollte, zu stark hatte man auf der Bühne vorgeführt, wohin falscher Jubel zielt, wie verdreht die reale Welt hinter solchem Jubel steht. Ein atemloser Moment wäre die richtige Reaktion gewesen, vor der verdienten Ehrung dieses Spitzenensembles.

Titel: Concertgebouw Orchester, Mariss Jansons: Dmitrij Schostakowitsch: 7. Sinfonie

Ort: Het Concertgebouw

Datum: 14.06.2006

Werke von:

Dimitri Schostakowitsch

Mitwirkende:

Mariss Jansons (Dirigent)
Concertgebouw Orchester (Orchester)

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