> > > > > 13.03.2014
Montag, 22. Dezember 2014

Eine musikalische Zeitreise zu den drei Brontës

Egal was du tust, erzähl von dir selbst!

Nein, Michael Fassbender tritt natürlich nicht auf. Obwohl er der überaus attraktive Star der jüngsten Verfilmung von Charlotte Brontës Romanklassiker "Jane Eyre" (1847) ist. Ein Rochester, wie er im Bilderbuch steht. In einem kunstvoll konstruierten Film von Cary Fukunaga von 2011, der zeigt,  dass der sogenannte "Frauenstoff" um die Waise Jane, die sich als Hauslehrerin in den ungestümen Mister R. verliebt, der ihre "wahre" Schönheit erst erkennt, nachdem er bei einem Feuer erblindet, inzwischen fest in der allgemeinen Populärkultur verankert ist. Und immer wieder zu neuen Reflektionen und Interpretationen einlädt. Gleiches gilt für die Romane der beiden anderen Brontë-Schwestern, Emily und Anne, die ihrerseits in der Abgeschiedenheit einer kleinen Pfarrei in West Yorkshire Weltliteratur schufen, zu einer Zeit, als solche Selbstständigkeit des Denkens und Handelns in England überhaupt nicht zum offiziellen Image einer Frau passte. Die berühmten anderen Brontë-Romane, "Wuthering Heights" und "Agnes Grey", wurden ebenfalls im Jahr 1847 veröffentlicht. Kurz danach starben Emily und Anne, nur Charlotte lebte ein paar Jahre länger bis 1855.

Nun kommt an der Neuköllner Oper die allerneueste Auseinandersetzung mit den Brontës heraus. "Eine musikalische Zeitreise" nennt sich das Stück von Komponist Thomas Zaufke und Autor Peter Lund mit dem fast Tschechowschen Titel 'Schwestern im Geiste'. Geschrieben wurde es für die Musicalstudenten der UdK. Und die haben es – das sei gleich verraten – in Berlin als imposante Ensembleleistung am Donnerstag eindrucksvoll zur Welturaufführung gebracht.

Technopartys, Designerdrogen und Sex

Es geht in geradezu klassischer Manier darum, das Schicksal der drei Brontës (Keren Trüger als Charlotte, Dalma Viczina als Emily und Katharina Abt als Anne) in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der sehr viel befreiter scheinenden Welt von heute gegenüberzustellen. Die Vertreterinnen von 2014 sind die Deutschlehrerin Lotte (Teresa Scherhag) und ihre beiden Abi-Schülerinnen Milly (Rubini Zöllner) und Aydin (Jacqueline Reinhold), die sich mit Gender Studies beschäftigen sollen, also der Frage nach der Rolle der Frau, damals und heute ("Was will die Dichterin uns damit sagen?"). Das scheint fast ein bisschen altmodisch, denn die große Zeit solcher Frauenstücke und Frauenforschung waren die 1970er und 80er Jahre. Peter Lund lässt sich davon aber nicht beirren und schreibt mit frischem Blick drauf los. Dabei stellt er wiederholt die Frage: Sind Frauen heute, da ihnen alle Möglichkeiten scheinbar offen stehen, wirklich befreiter und besser dran als die Brontës damals? Macht Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen ein Leben wirklich einfacher oder ist ein Leben aus "Technopartys, Designerdrogen und wahllos wechselnden Sexualpartnern" nicht tausendmal leerer als das, was die Brontës in der Abgeschiedenheit ihres Hauses in Haworth hatten, wo sie zumindest Träume und Ideale, Ziele und Hoffnungen besaßen? ("Boaoh!! Wie neidisch kann man sein…?") Und dann kommt da noch die tagesaktuelle Thematik des sexuellen Kindesmissbrauchs vor, die seit der Sebastian-Edathy-Affäre wieder allgegenwärtig ist.

Dieser Handlungsstrang rund um die Lehrerin Lotte, die sich in ihre Schülerin Milly verliebt und mit dieser auch im Bett landet (um dann von ihr erpresst zu werden im Zusammenhang mit der Abiturprüfung), ist geschickt eingebettet ins Gesamtgeschehen. Dennoch war das für mich persönlich der Aspekt des Stücks, der mich am meisten zum Nachdenken anregte. Denn: Wie soll man umgehen, wenn man als Pädagogin Begehren für Schutzbefohlene empfindet und diese das Begehren, wie hier, stimulieren und ausnutzen? Mehr noch: Im Stück stellt sich schlussendlich die Frage, wieso Lotte ihr Lesbischsein und (!) ihre Liebe zu Milly verheimlichen will/muss, wo sie ihren SchülerInnen doch predigt, sie sollen frei und selbstbewusst auftreten. So ist am Ende ausgerechnet die sympathische Lotte der wirklich tragische Charakter in 'Schwestern im Geiste' – genau wie ihr Pendant Charlotte Brontë am Ende, nach dem Tod ihrer gesamten Familie, die Utopie von Freiheit und Selbstbestimmtheit aufgibt und den biederen Vikar Arthur (A. B. Nicholls) heiratet. Den Denis Edelmann fast gespenstisch verklemmt (und gut) spielt. Arthur drängt Charlotte, mit dem Schreiben aufzuhören, weil sich das für eine Vikarin nicht ziemt. Beiden gehen schweigend ab. Schluss. Licht aus.

Prinz auf seinem Pferd

Ein heiterer Musical-Stoff mit Song- und Dance-Einlagen ist das sicher nicht. Und Thomas Zaufke hat dazu auch keine knallige Rock-und-Pop-Partitur geschrieben, sondern ein von großer Melancholie durchzogenes musikalisches Kammerspiel. Das vor allem deshalb so erfrischend klingt, weil Bijan Azadian atemberaubend schöne Arrangements für Flöte, Klarinette, Violine, Cello, Kontrabass und Klavier geschaffen hat. Der sich daraus ergebende Klaviersextett-Sound wirkt teils betont klassisch, was zum 19. Jahrhundert-Setting ideal passt, aber die Musik ist dabei niemals altmodisch. Rein Klanglich hätte der stilistische Kontrast zwischen 1847 und 2014 – für meinen Geschmack – markanter sein können, aber die finanziellen Mittel der Neuköllner Oper sind natürlich begrenzt, so dass mehr Orchesterfarben für die Jetztzeit der Handlung vermutlich einfach nicht drin waren.

Die Partitur bietet für alle Solistinnen und Solisten einfühlsame Balladen, die berühren ("Wäre es doch nur so wie im Märchen/ schau, da kommt der Prinz auf seinem Pferd"). Besonders wenn sie sich zu Ensembles weiten, wie etwa Lottes Verzweiflung über sich selbst nach der Liebesnacht und dem Erpressungsversuch von Milly: "Immer gewünscht/ nie was gewagt/ heimlich getan/ keinem gesagt/ doch jede Lüge kommt einmal ans Licht" singt Lotte da. Und kann damit erschüttern. "So viel gekämpft/ und nichts war es wert/ alles versucht/ Und alles verkehrt! So verkehrt!"

Zur Auflockerung gibt’s aber auch Schmissiges, etwa den Auftakt von Akt zwei, "Skandalerfolg" als die drei Brontë-Welterfolge zeitgleich als Bücher erscheinen und von der englischen Öffentlichkeit wegen der Darstellung von Frauenschicksalen heftig diskutiert werden: "Skandal, Skandal, Skandal! Dies Buch ist einfach unerhört!/ Dies Buch ist keinen Penny wert./ Dies Buch verherrlicht Unmoral./ Dies Buch ist schlichtweg nur genial!"

In den historischen Englandszenen benutzt Zaufke wiederholt eine Art Folk-Stil mit Bourdonbässen und Flöte, der sehr gut zur Heidelandschaft passt, in der die Brontës leben und von der Emily singt in "Sturm auf der Heide". Diese Heide sieht übrigens in der schwarz-weißen Abstraktion von Ulrike Reinhards Bühnenbild großartig aus: eine stufige dunkle Fläche, die mit heller Schrift überzogen ist und in der Mitte über einen Steg die Vergangenheit (links) von der Gegenwart (rechts) trennt. Anna Hosterts Kostüme machen es leicht, die Figuren einzuordnen und Peter Lund als sein eigener Regisseur erzählt die Geschichte sowieso klar und präzise.

Tanz der sieben Schleier

Es sind allesamt anspruchsvolle Rollen, die – Hand aufs Herz – etwas mehr schauspielerische Erfahrung gebrauchen könnten. Besonders die schwierige Beziehung zwischen Lotte und Milly ist hier nicht wirklich einfühlsam genug dargestellt. Denn es wird nicht klar, warum Lotte in Milly verliebt ist. Mag sein, dass in Musicals und Operetten die Liebe irgendwann einfach da ist und unverhofft vor der Tür steht. Aber gerade hier hätte ich mir mehr Entwicklung gewünscht. Allerdings spielt Teresa Scherhag Lottes Erwachen aus dem Liebesrausch grandios! (Es war mein persönliches Highlight des Abends.)

Erwähnt werden muss noch der Brontë-Bruder Branwell, dessen Niedergang Andres Esteban bravourös darstellt in seiner gekränkten Eitelkeit und Verzweiflung übers eigene mangelnde Genie. Und die kecke Haushaltskraft Tabby (Sabrina Reischl), bei der ich andauernd dachte, sie würde gleich loslegen und den "I will marry the miller’s son"-Song aus Sondheims 'A Little Night Music' trällern. Ihre Nummern sind davon durchaus inspiriert, wie überhaupt Vieles einen angenehmen Sondheim-Einfluss aufweist. (Ich liebe Sondheim, also ist das nicht negativ zu verstehen.)

Gesungen wird durchweg erstaunlich charaktervoll. Es ist ja so, dass die UdK-Studenten oft brillante Darsteller und Tänzer sind, aber stimmlich nicht wirklich auffallen. Hier ist es genau andersrum. Die Damen haben allesamt prägnante Stimmen und setzen diese unter der musikalischen Leitung von Hans-Peter Kirchberg auch staunenswert ein. Es wird sicher eine Freude sein, ihnen demnächst auch auf CD zuzuhören, wenn die Gesamtaufnahme des Stücks erscheint.

Wo in Berlin gerade Gender-Themen an allen Ecken und Enden des Musiktheaters behandelt werden – erinnert sei an 'Hedwig and the Angry Inch' im BKA mit einer transsexuellen Titelfigur, dann gibt’s die australischen "gender fucker" Briefs im Tipi-Zelt, in der Komischen Oper übernimmt ein Mann die weibliche Hauptrolle in 'Clivia' und in der Bar jeder Vernunft wird am Beispiel von Zaza in 'La Cage aux Folles' gefragt, was "richtiges" Verhalten von Männern ist, von der "Araburlesque"-Show eines Yousef Iskandar in der Monster-Ronsons-Bar ganz zu schweigen, wo letzte Woche die spektakulärste Version von Salomes 'Tanz der sieben Schleier' zu sehen war, die ich jemals erleben durfte – bietet Berlin derzeit ein wirklich reiches Spektrum an Musiktheater und musikalischer Unterhaltung rund um Gender. Besonders mit und wegen der lesbischen Komponente sind diese 'Schwestern im Geiste' da eine willkommene Ergänzung, bei der man leicht auf Michael Fassbender verzichten kann. Und der Schluss ist in seinem einfachen Fazit selbstverständlich großartig: "Doch wem du auch immer die Geschichte erzählst ... Egal was du tust, erzähl von dir selbst!"

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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