> > > > > 03.12.2012
Donnerstag, 23. Oktober 2014

Marc-André Hamelin in der Stuttgarter Liederhalle

Magische Momente

Mit Preisen für seine Einspielungen und enthusiastischen Rezensionen für seine Auftritte wird der Pianist Marc-André Hamelin geradezu überhäuft. Warum das so ist, konnte man auch am gestrigen Abend im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle wieder erleben.

Pianistische Fundgrube

Sowohl im Studio als auch auf der Bühne hat Hamelin schon immer eine Lanze für abseitiges Repertoire gebrochen. So steht am Beginn Bachs Fantasie und Fuge g-Moll BWV 542 in einer Bearbeitung von Theodor Szántó (1877-1934). Mit präzise durchhörbarer Stimmführung bis in die dunkel gefärbten Basslinien hinein und feiner Schattierung der romantisierenden, an die Transkriptionen Busonis erinnernden Klangsprache gibt er eine erste Visitenkarte seiner bis ins vierfache Pianissimo scheinbar unbegrenzt variablen Anschlagspalette ab. Tatsächlich folgt als nächster Programmpunkt Busoni, und mit seiner 'Sonatina seconda' BV 259 eine weitere Rarität. Voller agogischer und dynamischer Kontraste, dazu technisch gewohnt brillant präsentiert Hamelin die sechs kurzen Episoden, die sich stilistisch allerdings deutlich abheben und bereits den direkten Weg in die Moderne weisen. Wie bei allem, was Hamelin aus der pianistischen Fundgrube zu Tage fördert, fragt man sich auch nach diesen beiden Stücken, weshalb sie bisher so stiefmütterlich behandelt worden sind.

Funken schlagende Spannung

Gestochen scharf legt der Pianist die opulenten Klangschichtungen im ersten Band von Debussys 'Images' frei. In den 'Reflets dans l'eau' lässt er aus den anfänglich kontemplativen, diatonisch angehauchten Lichtbrechungen die musikalischen Wellen buchstäblich immer höher schlagen. Die 'Hommage à Rameau' ruht mit meditativer Intensität in sich. Selten kann man die raschen Triolenbewegungen des 'Mouvement' mit derart zwingender Verve und Funken schlagender Binnenspannung hören. Auch die 'Isle joyeuse' koloriert er in solch schillernden impressionistischen Farben, dass regelrecht magische Momente entstehen und man sich dort im besten programmatischen Sinn klanglich rundum zuhause fühlt.

Die zweite Hälfte steht ganz im Zeichen von Liszt. Mit den atmosphärisch dicht vorbeiziehenden 'Nuages gris' leitet Hamelin in die h-Moll-Sonate über, in der er seine virtuose Trumpfkarte vollends ausspielen kann. Intensiv aufgeladen führt er das "Sprung-" und das "Hammerschlagmotiv" ein und bewältigt deren komplexe Verarbeitung mühelos, gleichzeitig scharf konturiert und in denkbarer Höchstgeschwindigkeit. Vom pompösen 'Grandioso' geht eine immense vollgriffige Strahlkraft aus, demgegenüber verbreitet das 'Andante sostenuto' eine melodisch sensible, kantable Wärme. Der Fugato-Teil entfaltet eine mitreißende, akkurat formgebende Dynamik.

Beim begeisterten Publikum bedankt er sich zur allgemeinen Erheiterung mit dem Kopfsatz aus Mozarts C-Dur-Sonate KV 545 und einer virtuosen Transkription von Chopins "Minutenwalzer".

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Kritik von Thomas Gehrig

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Marc-André Hamelin: Reihe "Meisterpianisten"

Ort: Liederhalle, 03.12.2012

Werke von: Ferruccio Busoni, Franz Liszt, Claude Debussy

Mitwirkende: Marc-André Hamelin (Solist Instr.)

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