> > > > > 02.12.2012
Mittwoch, 23. April 2014

Die Kunst ihren Freunden

Zwei Brocken zu Mittag

Alfred Schnittke hat das Erste Cellokonzert 1986 vollendet, wenige Wochen nach einem brutalen Schlaganfall und wochenlangem Koma. Der Ausdruck des Schmerzes tritt unüberhörbar, bisweilen ermüdend, hervor. Sakrale Anmutungen mit Glockenklang und Orgelpunkt dito. Volker Schlöndorff hat "Der neunte Tag" mit diesen Klängen unterlegt: Ein Priester, in Dachau einsitzend, muss zwischen dem eigenen Leben und dem eines Mithäftlings wählen.

Bei einer sonntäglichen Matinee für die Freunde des Nationaltheaters, einer verdienstvollen Vereinigung von Münchner Melomanen und Mäzenen, wurde Schnittkes Konzert ebendort zu Gehör gebracht. Jan Vogler übernahm den Solopart. Das Bayerische Staatsorchester war Hermann Bäumer anvertraut worden. Der verstand es, das mächtige Tutti zu dämpfen und lüften. Der akustische Rahmen des Nationaltheaters wurde für dieses Mal nicht gesprengt.

Als ehemaliger Berliner Philharmoniker weiß Bäumer, was Orchestermusiker wünschen: nicht expressive Faxen und Pultmagiertum, sondern regelmäßig verabfolgte Schläge. Sein Taktieren ließ Klarheit niemals vermissen. Die Körpersprache war wandelbar, unverkrampft, nuanciert. Jan Vogler regte großzügig zum Nachdenken an. Hohe Töne konnten, dem Werkcharakter entsprechend, quäkend und schrill geraten. Ob Phrasen sinnfälliger, strömender hätten geformt werden dürfen, ob der cellistische Zugriff rauher und deklamatorischer ausfiel als nötig, weiß vielleicht Alfred Schnittke. Die tiefe Lage des Cellos trumpfte beeindruckend auf.

In Bruckners Zweiter (1877) ist alles vorhanden – drei Themen und Charaktere im Kopfsatz, Generalpausen und schroffe Kontraste. Dennoch ist sie ein Brocken und wenig geliebt. Das Bayerische Staatsorchester erbrachte eine überzeugende Leistung. Nicht grundlos gilt es als virtuosestes deutsches Opernorchester außerhalb Dresdens. Nun sind Musiker leider keine Maschinen. Mancher Tonansatz im Blech wollte nicht glücken. Wie Töne zum sinnvollen Ganzen verbunden wurden, zeugte aber von musikalischer Intelligenz.

Hermann Bäumer hat viele Bruckner-Sinfonien aufgeführt, als Posaunist und Dirigent. Er imponierte mit Übersicht, rhythmischer Straffheit und klarem, hellem Tutti. Von modischer "Aufrauhung" des Klangs nahm man Abstand. Motorische Passagen wurden mit sanfter Gewalt, keinesfalls grob, ausgeführt. Die Tempi waren, ohne Hast, fließend. Kein Übergang schien überstürzt. Phrasenhöhepunkte wurden geschmeidig abgefedert, Generalpausen als Gliederungszeichen genutzt, aber nicht überdehnt. Klare Lautstärkenverhältnisse schufen Stabilität. Es wurden Pianissimi gehört, selbst von Seiten des Bässe. Alles in allem gelang eine überdurchschnittliche Bruckner-Aufführung mit Sinn, Verstand und Kultur. Die Freunde des Nationaltheaters waren angemessen bedankt.

 

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Kritik von Dr. Daniel Krause

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Bayerische Staatsoper: Akademiekonzert

Ort: Bayerische Staatsoper, 02.12.2012

Werke von: Alfred Schnittke, Anton Bruckner

Mitwirkende: Hermann Bäumer (Dirigent), Bayerisches Staatsorchester (Orchester), Jan Vogler (Solist Instr.)

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