> > > > > 01.12.2012
Freitag, 1. August 2014

Die 'Missa solemnis' ohne Brimborium

Sancta Simplicitas

Im Gasteig war für den Abend des 1. Dezember Beethovens 'Missa solemnis' angesetzt worden. Auf pathetische Rahmung und Sakralisierung wurde gottlob verzichtet. Dies war ein schlichtes Abonnementkonzert. Lorin Maazel leitete Orchester und Chor der Münchner Philharmoniker mit notorisch sicheren Schlägen. Das Wasserglas vom Beistelltisch führte er elegant zu den Lippen. Die Tempi waren objektiv breit, aber vital und keineswegs schleppend. Übergänge wurden nicht angekündigt, sondern vollzogen. Modale Färbungen traten hervor, ohne genießerisch verkostet zu werden. Der Kontrapunkt wurde klar zu Gehör gebracht, die Schlachtenszene im 'Agnus Dei' nicht minder. Der beschwörende Tonfall des Friedensgebets, "Dona nobis pacem", kam zur Wirkung, weil man verhalten agiert, mit Gefühlen kein Schindluder getrieben hatte. So erwies sich die Bitte um Frieden als Zielpunkt des Ganzen.

Eine der heiklen Gestaltungsaufgaben liegt darin, Solisten, Chor und Orchester zur Einheit zusammenzuführen. Maazel gelang es. Einsätze wackelten selten. Balance im Orchester war meistens gegeben, Balance zwischen Orchester, Chor und Solisten recht häufig. Viele Abschnitte wurden genau, Text und Noten gemäß, artikuliert ("Credo in unum Deum"). Wenige blieben pauschal, in zufälliger Formung, so der Beginn des 'Gloria'. Mag sein, dass groß besetzte, ausgedehnte Werke nicht gleichmäßig gründlich geprobt werden können.

Man hatte ein opernerfahrenes, aber stilsicheres Sängerquartett aufgeboten. Die Stimmcharaktere unterschieden sich deutlich. Joyce El-Khoury, Sopran, ließ wohlgeformte Phrasen hören. Ihr Tonansatz in der Höhe konnte missglücken, das flirrende Vibrato ist nicht jedermanns Sache. Wenn El-Khoury für ein Quentchen Säure sorgte, steuerte Daniela Barcellona breites Legato und sämigen Wohllaut bei. Ihr Vibrato schwingt relativ weit. Es kann sich dem Tremolo nähern.

Christian Elsner ist von Haus aus lyrischer Tenor. Längst versucht er sich an Partien wie Siegmund. Es scheint nicht zu schaden. Elsner nahm mit geschmeidig verbundenen Registern, genauer Platzierung und klarer Diktion ein. Dass sein Timbre nicht blühte, ist den Architekten des Gasteig und Münchner Politikern anzulasten.

Auch Albert Dohmen, Bass und Bariton, singt Wagner, Sachs und Wotan zumal. Im Sängerquartett agierte er trotzdem dezent, beinahe unhörbar. In solistischen Abschnitten – 'Agnus Dei' – wuchs ihm stimmliche Präsenz und Ausdruckskraft zu.

Das Geigensolo im 'Sanctus' war Sreten Krstič, Konzertmeister, anvertraut worden. Er phrasierte mit vieltaktiger Übersicht, gelassen und unprätentiös liedhaft. Michael Martin Kofler, Flöte, war ein glaubwürdiger Heiliger Geist.

Für Chöre hält Beethoven halsbrecherische Passagen bereit, im 'Credo' und anderswo. Der Philharmonische Chor schlug sich wacker. Auch in raschen Passagen blieb man im Tritt. Beim 'Incarnatus', beispielsweise, formte man sanfte, klare Töne. Die Aussprache heikler Laute gelang. Die Leistung des Chors fügte sich ins Bild einer gediegenen, heilig-nüchternen 'Missa solemnis', die ohne Brimborium auskam.

 

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Kritik von Dr. Daniel Krause

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Münchner Philharmoniker: Abonnementkonzert

Ort: Gasteig, 01.12.2012

Werke von: Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Philharmonischer Chor München (Chor), Lorin Maazel (Dirigent), Münchner Philharmoniker (Orchester), Daniela Barcellona (Solist Gesang), Christian Elsner (Solist Gesang), Albert Dohmen (Solist Gesang)

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