> > > > > 07.12.2012
Samstag, 20. September 2014

Claude Debussy

Sol Gabetta und Hélène Grimaud in Baden-Baden

Vertauschte Rollen

Melodische Bruchstücke, trockene Pizzicati, wehmütiges Glissando, heftige dynamische Kontraste, diskontinuierliche Verläufe allenthalben, in Tempo, Satzfaktur, Klangkonstellation – Debussys Sonate für Cello und Klavier bricht mit den konventionellen Aufgabenverteilungen und Klanggesten einer Cellosonate, aber auf ganz andere Weise, als er in seinen Klavierwerken mit dem Traditionellen bricht. Das Zerzauste, das der musikalischen Substanz innewohnt, verstärkten Sol Gabetta und Hélène Grimaud, trieben es auf die Spitze, so dass jede Geste mit maximaler Spannung und eigenem Tonfall ausgestattet wurde, eine gewissermaßen expressionistische Deutung, die durch den teils sehr harten Klavierklang Hélène Grimauds verstärkt wurde. Sol Gabetta gestaltete die Pizzicati schnalzend, fast fetzend, Melodiefragmente demgegenüber mit zartem Ton und riss die Gegensätze damit umso stärker auf. Mit dieser ausdrucksstarken Interpretation von Debussys Cellosonate fanden die beiden Musikerinnen zu einem intensiven Zusammenspiel zusammen, das die Stärken der beiden Musikerinnen vereinte.

Sol Gabetta und Hélène Grimaud touren derzeit mit dem Programm, das sie kürzlich auf CD herausbrachten, durch die Lande. Debussys Cellosonate eröffnete die zweite Hälfte des Konzerts im Baden-Badener Festspielhaus, die ungleich überzeugender geriet als die erste. Denn auch Dmitrij Schostakowitschs Cellosonate d-Moll luden die beiden Musikerinnen mit viel Spannung auf. Auch wenn die fahlen Klangflächen des langsamen Satzes vom Publikum zerhustet wurden, so war doch die Intensität des Musizierens der Musik unbedingt angemessen. Schostakowitschs sehrende Kantilenen trieben die Musikerinnen im ersten Satz zu berstenden Ausbrüchen, das Scherzo gelang mit dämonischem Flirren. Einzig das Hauptthema des 'Allegro'-Finales bekam in Sol Gabettas Zugriff eine etwas zu schalkhafte und kecke Gestalt.

Hélène Grimaud spielte sich an den richtigen Stellen immer wieder in den Vordergrund und sorgte für Zusammenhang. Ihr obliegt es in diesem Duo, das Ganze im Blick zu behalten. Bei Gabetta und Grimaud scheinen in dieser Hinsicht gegenüber anderen Formationen dieser Instrumentenkonstellation die Rollen vertauscht zu sein: Während meist die ausgreifenden sanglichen Linien des Cellos für übergeordnete Bögen sorgt, ist es hier Hélène Grimaud, die groß angelegte Steigerungen anbahnt und vollzieht. Sol Gabetta zeigte hingegen die auffallende Tendenz, in jeder Phrase ein Höchstmaß an dynamischer Variabilität aufzubieten. Auch klangfarblich schattierte sie ungemein nuancenreich, aber kleingliedrig. Kaum eine Phrase, die nicht ihren eigenen Tonfall bekommt. Ein solches Musizieren ist, wenn es mit solcher Expressivität und Feinfühligkeit aufgeladen wird wie bei Sol Gabetta, spannend, manchmal geradezu brodelnd – und fordert die Hörer heraus, weil sie sich klanglich nicht in den Vordergrund stellt. Es steht allerdings auf der Kippe zum Manierismus, und in einigen Portato-Figuren geriet sie in dessen gefährliche Nähe.

In der ersten Konzerthälfte war zu beobachten, wozu eine solche Interpretationshaltung auch führen kann: zu segmentierten, ausfransenden Melodien, die ins Gestische zerrissen werden. So konnte der erste Satz von Schumanns 'Fantasiestücken' op. 73 kaum aufblühen, weil Gabetta der Melodik ein dynamisches Berg-und-Tal-Profil verlieh, das große, zusammenhängende Entwicklungen unmöglich machte. Hinzu kam eine allzu freie Behandlung des Tempos, leider vor allem nur in eine Richtung: Lyrisches nahmen die beiden Musikerinnen sehr breit und schwelgerisch, fast süßlich. Der Zuckerguss passt in die Weihnachtszeit, zu Schumann weniger. Auch im ersten Satz von Brahms‘ e-Moll-Sonate op. 38 herrschte das eng Umrissene, Kleingliedrige in Sol Gabettas Spiel vor, doch machte es hier auf eine erstaunlich filigrane Seite aufmerksam, die man an diesem herbstlichen, sonoren Stück selten zu hören bekommt. Besser als der Kopfsatz gelangen die beiden folgenden, in denen das Brio, das in diesem Duo beileibe nicht nur von Sol Gabetta ausgeht, vollauf zur Geltung kommen konnte.

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Kritik von Tobias W. Pfleger

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