> > > > > 03.12.2012
Sonntag, 21. Dezember 2014

Leonidas Kavakos in Berlin

Kammermusikalische Meditation

So überaus weltlich der Anlass zu Johann Sebastian Bachs 'Musikalischem Opfer' auch war, von solch spiritueller Abstraktion ist die Musik über das königliche Thema. Dass dieser Kontrast dahingehend aufgelöst ist, dass der Thomaskantor in seiner meditativen Meisterschaft doch einen gewissen Sieg über den preußischen Fürsten davontrug, und an ein "Auftragswerk", gar an ein Kunststück zur Belustigung einer Hofgesellschaft bei dieser Musik nicht mehr zu denken ist, das wurde an diesem Abend im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie besonders deutlich. Die Triosonate aus dem 'Musikalischen Opfer' wurde von dem Geiger Leonidas Kavakos, derzeit Artist in Residence der Philharmonie, dem Pianisten Enrico Pace sowie den beiden Philharmonikern Andreas Blau (Flöte) und Olaf Maninger (Cello) mit sachter Innerlichkeit und Vergeistigung musiziert. Im Geflecht der Stimmen spielte sich niemand vor. Weich, aber unnachgiebig ging der Puls des eröffnenden 'Largo'. Obwohl sich die Dynamik in den Sätzen zumeist auf einem Plateau bewegte und kaum Schwankungen unterworfen war, entwickelte sich eine unerhörte Differenzierung der Charaktere und des Ausdrucks – indessen aber stand das Mirakel des Bauplans im Zentrum, luzide und mit inständiger Zurückhaltung interpretiert. Kavakos und Blau ergänzten sich hier wunderbar, in delikater Detailarbeit über dem kompakten, wohlgegründeten Bass.

Bachs Triosonate ging mit dem zweiten Werk des Abends ein eigentümliches Kreuzprodukt ein. Sofia Gubaidulinas 'Meditation über den Choral Vor deinen Thron tret ich hiermit' aus dem Jahr 1993 bezieht sich einerseits auf Bachs letzte Choralbearbeitung und setzt sein Zitat in den Kontext zeitgenössischer Klangsprache. Andrerseits ist für Gubaidulinas Werk das (verstärkte) Cembalo obligat – Bachs Triosonate hingegen hatte einen Steinway im Basso continuo gehabt. Mit Kavakos und Maninger musizierten nun noch Petteri Pitko am Cembalo sowie Christian Stadelmann (Geige), Amihai Grosz (Bratsche) und Matthew McDonald (Kontrabass). In das berückende Klangbild aus flageolettflinken Ponticelloschwärmen, stillen Suchbewegungen und markant rhythmisiertem col legno strahlte immer wieder majestätisch das Choralzitat herein, ruhig und undatierbar. Mit den großartigen Instrumentalisten entstand so eine intensive Meditation und Betrachtung, deren Bezug zum Metaphysischen gebrochen, flirrend, destabilisiert erschien, aber seine Richtung auf ein höchstes Wesen hin nicht aufgeben will. Während des Stückes konnte man durchaus an Goethes schönes Wort denken: "Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, / Die du mir nennst! Und warum keine? Aus Religion." Der dringliche Ensembleklang, fokussiert und gebannt, aufgesplitterte Klänge, die zu einem schubkräftigen Ostinato gereiht sind, wirkte wunderbar. Es wurde gleichsam eine Notwendigkeit in Szene gesetzt, die unklar ließ, ob sie den meditierenden Geist oder seinen Gegenstand meint. Dass die Meditation am Ende in einen erlösenden Wohlklang mündete und plötzlich einen rauschgoldenen Horizont in den Raum stellte, der nur noch von der unvermittelten Stille konterkariert wurde, war freilich etwas schade, etwas zu geistlich. Über die Meditation des Offenen wurde ein christlicher Endpunkt verhängt – aber man kann eben nicht alles haben.

Auch das letzte Werk des Abends stand im Zeichen christologischer Versenkung: Olivier Messiaens 'Quatuor pour le fin du temps' aus dem Jahr 1941. Zu Kavakos, Maninger und Pace stieß nun noch der Klarinettist Andreas Ottensamer, auch er ein Solist der Berliner Philharmoniker. Schritt der erste Satz, die 'Liturgie de cristal' nicht zu langsam, mit verhalten fugativem Charakter voran, setzte mit dem zweiten Satz ein stupender Wechsel zwischen schroffer Bewegtheit und versunkener, frenetischer Konzentration ein – letzteres auf überzeugende Weise an Bachs Triosonate gemahnend. Mit dem Klarinettensolosatz 'Abîme des oiseaux' kam dann aber auch eine, um Ron Winkler zu zitieren, frenetische Stille ins Spiel. Eindrucksvoll war es, wie Ottensamer Töne aus der Stille heraus modellierte, stufenlos anschwellend: lange Klagelaute, die aus dem Nichts des jenseitigen, zeitlosen Raumes kommen und darin verschwinden. In der Mitte steht die Virtuosität der Vögel. Das war glänzend gemacht. Nach einer etwas mürben und schon gar nicht "unendlich langsamen" 'Louange à l’Éternité de Jésus', einem tief zerklüfteten, energetischen 'Danse de la fureur', wiederholte sich diese überwältigend Stille wieder im letzten Satz, der 'Louange à l’Immortalité de Jésus'. Leonidas Kavakos, der den Abend über kammermusikalisch brillierte, weil er sich überhaupt nicht in den Vordergrund gespielt hatte, hatte in diesem letzten Satz zugleich das erste lange, gewichtige Solo. Hier nun bewies er die ganze Filigranität seines Geigenspiels und gestaltete so einen Scheitelpunkt in den verschiedenen Meditationsbewegungen des Programms. Gewiss nicht den einzigen, gewiss keinen möglichen Endpunkt. Solches Geigenspiel kann nur Horizonte öffnen, keine schließen.

Druckversion dieser Kritik

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Tobias Roth

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Artist in Residence: Bach, Gubaidulina, Messiaen

Ort: Philharmonie (Kammermusiksaal), 03.12.2012

Mitwirkende: Leonidas Kavakos (Solist Instr.)

Jetzt Tickets kaufen

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Denkmalrätsel

Anzeige

Magazine zum Downloaden

harmonia mundi magazin (11/2014) herunterladen (2900 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (9/2014) herunterladen (3160 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Anette Maiburg im Portrait "Ich hole mir die Welt an den Niederrhein"
Anette Maiburg, Querflötistin und Künstlerische Leiterin des Niederrhein Musikfestivals, über das zehnjährige Jubiläum des Musikfestes

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich