> > > > > 29.11.2012
Samstag, 2. August 2014

Akamus feiert ihren 30. Geburtstag

Standesgemäße Feier

Die Akademie für Alte Musik Berlin feierte ihren 30. Geburtstag in einem glanzvollen Rahmen. Das Berliner Konzerthaus am Gendarmeriemarkt bot dazu Haus und Hülle, der eigentliche Glanz der Veranstaltung aber kam zweifelsohne mit der Musik, die das Ensemble sich und dem Publikum schenkte. Die 1982 gegründete Akademie hat in den Jahrzehnten ihres Wirkens zahlreiche herausragende Erfolge zu verbuchen gehabt – und wie sehr mit Recht jede Auszeichnung und jedes Lob, das ließ sich unmittelbar erleben, wie eine vollzogene Summe.

Der Abend begann mit ernsten Scherzen, mit Heinrich Ignaz Franz von Bibers erzählerischer 'Battaglia'. Präludiert von einer Fanfare, die im Raum verteilte Musiker erhoben, herrschte hier von Anfang an eine festtägliche Stimmung, Schwung und Ausgelassenheit, nichts beweisen zu müssen, sondern ausspielen zu können. Die bildgewaltige Musik gelang in einer farbenprächtigen Interpretation. Das Durcheinandergehen vor der Schlacht, in greller Dissonanz und fröhlicher Kakophonie, wurde mit ebenso derbbarockem Humor (derb freilich nicht in Bezug zur Betriebstemperatur eines Grimmelshausen oder Gryphius, sondern zum heutigen Konzertleben) betrieben wie der Aufmarsch eines Capitano, in dem die Saiten des Kontrabasses zum Trommelfell werden. Konzertmeister Georg Kallweit, der sich in der Aufgabe der Leitung an diesem Abend mit den Kollegen Bernhard Forck und Stephan Mai abwechselte, solierte zu den martialischen Rhythmen nicht nur virtuos, sondern marschierte mit Bassist Walter Rumer über die Bühne, den Stachel des Basses im Hosenbund. Dass das aber überhaupt nicht albern wurde, lag nicht nur am Anlass des Festes, sondern auch an der Nonchalance der Inszenierung und der Qualität der Interpretation. Zarte Passagen, die nach dem Abschied der Kombattanten klingen und in ihrer gefühlvollen Feinheit schon das ahnen lassen, was die Soldatenforschung "Idealisierungsabwesenheit" nennt, gelangen ebenso eindrücklich wie das in Vorhalten und Dissonanzen badende 'Lamento der Verwundeten Musquetirer', nachdem die Kugelpizzicati der Schlacht durch den Raum gepfiffen waren. Eine sinnlichere, schönere Einführung in den Irrwitz alles Barocken kann man sich kaum denken.

Auf diesen exzentrischen Auftakt folgten drei gediegene, festliche Werke aus dem Kern des Repertoires: Georg Friedrich Händels Concerto in F-Dur HWV 331, Georg Philipp Telemann Ouvertüre in C-Dur TWV 55:C3, die Wassermusik mit dem Nebentitel 'Hamburger Ebb’ und Flut' sowie Johann Sebastian Bachs Orchestersuite Nr. 4 in D-Dur BWV 1069. Gewiss gibt es auch in Telemanns Wassermusik übermütige, scherzhafte Sätze, aber in diesen drei Werken merkte man die Anspannung der Festlichkeit besonders, die über nichts hinwegspielte und ganz in der Musik aufging. Mit noblem edelmetallischem Schimmer und Blitzen erhob sich hier die Kunst über den höfischen Pomp und Kontext. Gerade in Händels berühmten, halb totgehörten 'Alla Hornpipe' erwies sich der Wert eines Barockensembles von solchem Format wie der Akamus: Man hörte, mitgerissen wie von neuem, plötzlich das, was man so oft vermisst hatte; und gerade in der gelungenen Interpretation eines so populären Satzes hörte man ex negativo die ganze Mitschuld schlechter Interpretationen an Vorurteilen wie "Klassik ist langweilig". Hier gab es überwältigenden Schwung und feine Details. Das dramaturgische Gespür und die Bildkraft des Ensembles zeigte sich etwa auch im Übergang der Sätze, in denen Telemann Thetis erst schlafend, dann erwachend zeigt. So leise, so sachte, dass die ungeheure Zartheit der Musik über die mythologische Phantasie hinausging. Feine, schelmische Schwankungen im Tempo, Nuancen der Dynamik, das entwickelte sich wie aus einem Organismus heraus. So meisterte das Ensemble auch Bach mit Gravität, aber ohne falschen Pomp, der Splendor war ein ganz musikalischer. Das gelang, das ist würdig und recht.

Aber mehr noch. Das Ensemble zeigte seine Vielfältigkeit, indem ein Stück zur Aufführung kam, das jünger ist als es selbst: Christian Josts Concertino für Violine und Kammerorchester 'Der Zaubergarten', das 2011 für die Akamus komponiert wurde. Josts Werk unternimmt den - durchaus geglückten - Versuch, sich asymptotisch an gleich mehrere Pole anzunähern und Barockklang mit zeitgenössischer Klangsprache zu verbinden. Konzertmeister Bernhard Forck übernahm den Solopart und führte durch die von deutlichen rhythmischen Mustern zusammengehaltenen Schwebezustände. Die vier Satzbezeichnungen entwarfen gleichsam das Narrativ des Irrens durch den Garten: erwacht – verzaubert – bedroht – entschwunden. Das tönte nicht so neoklassizistisch wie gedacht. Das Werk endet, anders als der märchenmäßige Titel zu erwarten gibt, düster und eingedunkelt, nach dem forschen Dräuen des dritten Satzes. Der Klangsinn Forcks und der Akademie konnte sich auf ganz anderem Terrain erneut beweisen. Wenn sich neben dem Gleichgewichts- auch ein Zeitsinn in den Ohren befindet (und das glaube ich doch sehr, denn wie wären Raum und Zeit auch zu trennen), ist er es, der in Josts 'Zaubergarten' wankt und taumelt und sich dabei genießt.

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Kritik von Tobias Roth

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30 Jahre Akamus: Jubiläumskonzert

Ort: Konzerthaus, 29.11.2012

Werke von: Georg Philipp Telemann, Heinrich Ignaz Franz Biber, Georg Friedrich Händel, Christian Jost, Johann Sebastian Bach

Mitwirkende: Akademie für Alte Musik Berlin (Orchester), Stefan Mai (Solist Instr.), Georg Kallweit (Solist Instr.), Bernhard Forck (Solist Instr.)

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