> > > > > 27.11.2012
Samstag, 26. Juli 2014

Mozart durch die Brille von Hans Neuenfels

Karussell mit Gärtnerin

Die Staatskapelle spielte, selbst für ihre hohen Verhältnisse, einen sehr guten Mozart-Abend. Die 'Finta Giardiniera' wurde unter der Leitung von Christopher Moulds zu einem so vielschichtigen wie beschwingten Werk. Von den ersten Takten an herrschte ein lockerer, durchsichtiger Klang, ohne unnötige Forcierung – aber durchaus mit Gespür für die tragischen Untiefen und Gruben, die sich in den Verlaufformen des "heiteren Mozart" verbergen. Mit leichtem und ausgemitteltem Ensembleklang, reaktionsschnell und mit Bedacht gestaffelt, ergab sich unter der Führung von Moulds eine sichere Interpretation, die gleichsam die besten Seiten der Routine und der theatralen Emphase verband. In den sich mehr und mehr häufenden Zornes- und Rachearien des Stückes entfesselte das Orchester ein feuriges Glimmen, zuweilen regelgerechte Weißglut. Diese Momente ergriffen gerade in ihrer Spannung zu den anderen, behutsamen, bernsteinruhigen Szenen, die es ebenso und ebenso ergreifend gab.

Dem verbunden, wenn auch im Niveau nicht immer ganz auf Augenhöhe, stand das Sängerensemble, angeführt von einer sowohl tadel-, als auch überwältigungslosen Anette Dasch als Sandrina/Violante und Joel Prieto als Contino Belfiore. Prieto hatte eingangs scheinbar einige Schwierigkeiten auf die Bühne und in den Gesang zu finden. Seine Durchschlagskraft litt spürbar, wenn zuviel Bewegung von ihm auf der Bühne gefordert war. Das Paar Ramiro (Stephanie Atanasov) und Arminda (Alex Penda) brachte hingegen eine teilweise vielleicht etwas überdrehte Pathetik ins Spiel – aber fulminant, wortwörtlich blitzend, war es oft genug. Der Widerpart der beiden hohen Liebespaare, der als exzessiver Wollüstling gezeichnete Podestà Stephan Rügamer zeichnete sich schon mehr durch sängerische Qualität und agile Bühnenpräsenz aus – und so nicht nur in der Rolle dem zarteren, erst langsam aufblühenden Contino überlegen. Glanzvoll aber wurde das komische Liebespaar, die Dienerfiguren Nardo und Serpetta, von Aris Argiris und Regula Mühlemann gegeben: mit überwältigender stimmlicher Fülle und Beweglichkeit er, mit eleganter Schlichtheit und groß ausagierter Schnippigkeit sie. Die beiden komischen Figuren widerstanden auch jener allen anderen Figuren übergestülpten Gleichung, dass es nur Verzweifelung aus Resignation, d.i. Liebe, und Verzweiflung aus Panik, d.i. Trieb, gibt, wobei erstere nur eine verknackste Spielart von letzterem ist. Scheinbar nur die komischen Figuren ließen sich nicht vollends auf Neurose drehen.

Denn indessen hat sich nicht nur der Untertitel der Oper von der gebräuchlichen 'Gärtnerin aus Liebe' zu den "Pforten der Liebe" gewandelt, um sogleich klarzustellen, dass Regisseur Hans Neuenfels das Stück nicht nur auf die Bühne gebracht, sondern auch durch starke Texteingriffe durch seine Brille gezeigt hat. Alle Rezitative hat er gestrichen und neu geschrieben (das Rezitativ hat es derzeit schwer in Berlin, man vergleiche die neue 'Zauberflöte' an der Komischen Oper), und gleich noch zwei Figuren eingeführt, ein altes Adligenpärchen (Elisabeth Trissenaar und Markus Boysen). Diesen vor allem war der resigniert zynische Blick auf das Liebesgeschehen, das Menschenschicksal im Ganzen, auf Gott und die Welt zugefallen; ganz wie es bei Goethe heißt: "Lass die Erde heiß sich drehen, / notabene: bis sie kalt ist. / Deine Liebste sollst du sehen, / notabene: wenn sie alt ist."

In dem recht kühlen Setting (Bühne und Kostüm Reinhard von der Tannen) eines zeitlos technokratischen Raumes wurde von den neuen "Rezitativen" die Fiktion des Theaters aufgehoben und eingestülpt: gut postdramatisch allewege und darin zuweilen etwas albern orthodox. Die Handlung der 'Finta' wurde zwar im Groben belassen, aber es entstand doch ein neuer Kontext, der sich auch auf die (textlich unangetasteten) Arien abfärbte, schräg zu ihnen stand, zuweilen schlichtweg störte. Die Frage kam auf, ob man das nicht mit vielen anderen Stücken auch hätte machen können, und was die neuen Textbausteine schließlich mit genau der 'Finta' zu tun haben (bzw.: die alte Regietheaterfrage, warum Neuenfels kein ganzes Stück schreibt)? Die Deutung die von ihnen ausging, führte alles auf die Geschlechtstriebe des Menschen zurück, kurz: Es herrschte ein strotzender Freudianismus ("Geschwätz von Weibern nachgesagt, / Von Heuchlern aber ausgedacht"). In Kolorit und Schärfegrad nahm man hier gerne Anleihen bei de Sade und ähnlichen Spielformen des menschenexperimentierfreudigen, skeptischen, materialistischen Aufklärens – aber, wie so oft in solchen Rezeptionen, blieb neben einer beiläufig erheiternden Unanständigkeit und einigen hübsch illusionslosen Bonmots wenig von der Naturphilosophie, etwa de Sades, übrig. Es wurde deutlich, dass die Konflikte, wie unter Bedingungen der Moderne mit der Liebe umzugehen sei, in dem Libretto von Giuseppe Petrosellini angelegt sind – und sich bis heute nicht lösen lassen, auch von solchen Umschreibungen nicht, die umso funktionsloser erscheinen, je mehr sie die Tradition der Problemlinien anspielen oder in den Raum stellen. Neuenfels’ an schlauen concetti und schönen Wendungen durchaus reicher Text ging vielleicht in genau jene Falle, dass er im Ironisieren des Theaters und im zynischen Abkanzeln seiner Liebessprache zu deutlich ausbuchstabierte, was im Stück schwebender, aber dadurch auch eindrücklicher eh schon gesagt wird. Didaxe aber verhält sich schräg zur Dekonstruktion; ebenso wie der im Sprechtext episodenweise aufscheinende und slapstickhafte Reim.

Vieles ist eben schon klar. Um Körper und Seele muss freilich immer ganz gespielt werden. Aber es geht auch gar nicht anders und ist, gerade hier, auch ohne Neuenfels nicht anders. Auf der Bühne steht Markus Boysen und kein italienischer Graf – auch das wissen wir. Im Stück ist mehr als ein Anflug von Irrsinn; da herrscht Liminalität von Opernzuständen, Oszellation von Liebe und Wahn, die einen Aufschub der Erfüllung bis zum Tod ausformen, in dem die zerstückten Subjekte im Spiel von Sein und Schein aller Versicherungen verlustig gehen: jaja. Das steckt auch im alten Text. Gewiss, alles ist verlogen, nach wie vor, das Liebesgeständnis hängt stets mehr am Kairos als am Amor, aber in der Überstreckung der Innenseite der Außenseite des Triebwesens Mensch kommen Maskenspiel und soziale Kluft, die das Stück prägen, nicht zur Geltung. In diesem Sinne wurde viel verlorengegeben, wenig dazugewonnen. Wie die gute Serpetta sehr schön sagt und wie es Regula Mühlemann sehr schön sang: "Chi vuol godere il mondo / lo lasci come sta."

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Kritik von Tobias Roth

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Mozart: La finta giardiniera: Neufassung des Librettos von Hans Neuenfels

Ort: Deutsche Staatsoper, 27.11.2012

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Reinhard von der Thannen (Bühnenbild), Christopher Moulds (Dirigent), Hans Neuenfels (Inszenierung), Staatskapelle Berlin (Orchester), Aris Argiris (Solist Gesang), Stephanie Atanasov (Solist Gesang), Joel Prietos (Solist Gesang), Annette Dasch (Solist Gesang), Stephan Rügamer (Solist Gesang)

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