> > > > > 30.11.2012
Donnerstag, 18. Dezember 2014

Hengelbrocks Weihnachtsoratorium in Basel

Linearer Kontrapunkt

Balthasar Neumann (1687-1753) war einer der großen intermedialen Baumeister des Barock, der nicht nur die verschiedensten Künste in der Architektur zusammenführte, sondern auch, weit über die Landesgrenzen seiner Heimat hinaus, Einflüsse und Inspirationen aufnahm. Paris, Wien, Mailand und Würzburg waren einige seiner wichtigsten Stationen, die neben einem aufgeklärten Kunststil auch ein frühes europäisches Denken prägten. Mit der Gründung von Balthasar-Neumann-Chor (1991) und Balthasar-Neumann-Ensemble (1995) hat Thomas Hengelbrock an diese epochen- und gattungsübergreifende Vision des fränkischen Barockkünstlers anknüpfen wollen. Nach dem Vorbild der architektonischen Engführung von Bau, Malerei, Skulptur und Garten strebt auch das Ensemble ein intensives Zusammenspiel von Musik und den anderen Künsten an.

Trotz des breiten Repertoires von musica antiqua bis Neuer Musik, von Salzburg bis Mexiko hat das experimentierfreudige Kollektiv gleichsam wie der Namensgeber seinen "locus communis" im künstlerischen Reichtum und der stilistischen Vielfalt des Barock. Neben Glucks 'Orpheus und Eurydike' zur Choreographie von Pina Bausch gehörte fraglos die szenische Aufführung von Bachs h-Moll-Messe (Regie: Achim Freyer) zu den Sternstunden in der Geschichte des Ensembles. Auf Einladung der Allgemeinen Musikgesellschaft Basel interpretierte das Ensemble nun am letzten Novembertag des Jahres das Weihnachtsoratorium (Kantaten I, IV, V und V) von Johann Sebastian Bach. Für das Basler Gastspiel wurde zwar leider keine szenische Interpretation gewagt, aber dafür mit Thomas Michael Allen ein außergewöhnlicher Tenor für die Stimme des Evangelisten gewonnen, den man nicht alle Tage auf einer europäischen Bühne erlebt. Der 1965 in Chicago geborene Allen begeisterte nicht nur durch seine lyrische Stimmführung und überaus genaue Intonation, sondern auch durch eine besonders ausdrucksstarke Deklamation des Textes bei stets klarer Diktion. Durch eine überlegte Disposition von Hebungen und Senkungen verlieh Allen der Passionsrhetorik eine Bedeutungsfasson, die über das Substrat des Textes weit hinausging.

Der numerisch überschaubare Balthasar-Neumann-Chor verfolgte unter Hengelbrock eine Interpretation der Bachschen Musik, wie sie Ernst Kurth seit den 1920er Jahren in zahlreichen Schriften plausibilisieren konnte. Der Berner Musikwissenschaftler hatte in Bachs "melodischer Polyphonie" bemerkt, dass sich die Musik nicht nur über die Vertikale erschloss, sondern sich als Poly-Phonie buchstäblich vor allem in linearen Stimmen vollzog. Das Melos deutete Kurth, inspiriert durch Schopenhauer, als eine Spannung, eine Kraft oder eine Geste. Nicht als statische Punkte gedacht, sind melodische Stimmen so dynamische Kontra-Linien. "Kontrapunkt" meint dann weniger das einfache "punctus contra punctum" als ein statischer Zusammenhang einzelner Notenpunkte, sondern verweist auf ein virtuelles Liniennetz sich überlagernder, durchdringender und parallel laufender Stimmen und Vektoren.

Hengelbrock forciert dabei die immanente Bewegtheit des linearen Kontrapunkts, indem er zum einen die Dynamik äußerst variabel gestaltet und zum anderen die Stimmen stets individuell in Erscheinung treten lässt. Dieser singuläre Plural ist dann Ausdruck einer von bewussten Akteuren getragenen Mehrstimmigkeit. Nicht zuletzt treten so auch alle solistischen Einsätze nach dem barocken Prinzip des primus (oder der prima) inter pares aus der kollektiven Gemeinschaft des Chores hervor. Chormusik ist dann nicht nur eine frömmelnde Geselligkeit, sondern der Ort eines konflikthaften In-, Mit- und Gegeneinanders – ganz so, wie es die "Realpolitik" der Passionsmusik einfordert. Besonders ohren- und augenfällig gelang dies in der berühmten Echo-Sopran-Arie, in der auf das in seiner Klarheit so greifbar nahe "Nein, du sagst ja selbst nein" (Katja Stuber) aus der Ferne von der Empore die sanfte Antwort der Sopranistin Heike Heilmann repetierte. Dieser Echo-Sopran erfuhr durch die Oboe zudem eine Einfärbung, die den bloßen Effekt konterkarierte und zurück an die Ensemblemusik band. Auf ähnliche Weise ließ sich auch das Zusammenspiel von Chor und Streichern in der sechsten Kantate verstehen. Das Engagement des Balthasar-Neumann-Chors konnte durch einen betont robusten Anstrich der Violinen und einer beherzt dynamischen Basso Continuo-Gruppe noch weit energischer wirken als wenn die Streicher lediglich im Hintergrund wie üblich begleitet hätten. Unter Hengelbrock ist Begleitung immer auch Forcierung und Nuancierung der sich im Vordergrund befindlichen Satz- und Melodiestruktur. Neben großartigen solistischen Arien und Rezitativen sind es daher gerade auch diese instrumentalen Details der Traversflöten, Trompeten und Corni da caccia die von einem überragenden Einverständnis im Balthasar-Neumann-Ensemble zeugen

Anders als zuvor bereits in der Basler Martinskirche konnten Chor und Orchester des Balthasar-Neumann-Ensembles innerhalb der akustischen Möglichkeiten des Basler Stadtcasinos ihre potentielle Klangfühle jedoch nicht vollends zur Geltung bringen. Ort und Chora verhielten sich hier ein wenig wie die antagonistischen Räume in einem der Bachchoräle selbst: zwei ein "schöner Fürstensaal", aber eben noch lang keine "Herzensstube" ist das Stadtcasino doch der denkbar schlechteste Ort für eine Aufführung der Bachschen Passionsmusik.

Bedeutende Barockinterpretation sollte jenseits der üblichen Vermarktungsstrategien in Basel in der Martinskirche stattfinden, so wie auch die Genese von Bachs Weihnachtsoratorium in erheblichem Maße mit ihren beiden Entstehungs- und Auftragsorten, der Leipziger Thomas- und Nikolaikirche, für immer in Verbindung steht. Dass das Weihnachtsoratorium als historische Musik in eine Kirche und nicht in einen spätklassizistischen Konzertsaal gehört, bezeugt schließlich nicht zuletzt eine Aufschrift auf dem gedruckten Textbuch: "Oratorium, / Welches / Die heilige Weyhnacht / über / In beyden / Haupt=Kirchen / zu Leipzig / musiciret wurde. Anno 1734."

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Kritik von Toni Hildebrandt



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J. S. Bach: Weihnachtsoratorium BWV 248: Leipzig 1734

Ort: Stadtcasino Musiksaal, 30.11.2012

Werke von: Johann Sebastian Bach

Mitwirkende: Balthasar-Neumann-Chor (Chor), Thomas Hengelbrock (Dirigent), Balthasar-Neumann-Ensemble (Orchester), Thomas Allen (Solist Gesang)

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Bisherige Kommentare:

  1. Passionsmusik?
    Hab das Konzert gestern in Baden-Baden gehört, stimme dem Rezensenten in allen Punkten zu. Aber warum schreibt er dauernd "Passionsmusik"? Es geht doch um das Weihnachtsoratorium...?
    danielkau, 02.12.2012, 14:01 Uhr

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