Berlin > Philharmonie - 11.02.2005 Yefim Bronfman > Prokofjew, Schumann
Kritik von Frank Bayer
Was für ein fantastischer Abend. Draußen klirrende Kälte und dichtes Gedrängel um letzte Berlinale Tickets rund um den Potsdamer Platz. Nebenan versuchte manch Konzertfreund noch eines der letzten Billets für das Konzert der Berliner Philharmoniker unter Seiji Ozawa zu erstehen, und im Kammermusiksaal der Philharmonie drängte sich das Publikum auch, um einem ganz Großen der Pianistenszene zu lauschen, Jefim Bronfman; seines Zeichens Pianist in Residence der Berliner Philharmoniker in dieser Spielzeit. Wer sich für letztere Abendgestaltung entschieden hatte, konnte einem wunderbaren Ereignis beiwohnen, denn Bronfman bot ganz große Kunst auf dem hauseigenen Steinway.
Schon das Programm war für ein Recital außergewöhnlich: Sergej Prokofjews Sonaten zwei und sieben rahmten Werke von Robert Schumann ein. Von letzterem erklang die äußerst selten im Konzert gespielte Humoreske B-Dur op. 20, ein Werk, das mit seinen vielen Einschnitten und Temperamentssprüngen, den teils grotesk erscheinenden Gegensätzen so gar nicht nach verweichlichtem Schumann klingen mag, sondern eher einem Franz Liszt zuzuschreiben wäre. Und Jefim Bronfman lässt es auch als äußerst zerklüftetes Werk erklingen. Seine Flexibilität im Anschlag, und damit auch in der Tonfarbengestaltung, zeigte sich hier in geradezu erdrückender Eindringlichkeit. Bronfman ließ die Musik angenehm unprätentiös erklingen, mischte ihr nicht unnötigen Tiefgang bei: Lyrische Passagen wurden so zu berührend intimen Momenten, dramatische Ausbrüche zwangen den Hörer auf die Stuhlkante und stupide Akkordsequenzen wurden auch nur als solche dargeboten. Ein Schumann also, der ungewohnt spröde und dadurch auch ungemein sympathisch daherkam. Das zweite Werk aus der Hand des gebürtigen Zwickauers war seine oft gehörte Arabeske in C-Dur, op. 18, die ihren verträumt romantischen Charakter auch in der Interpretation Bronfmans nicht gänzlich verlor. Hier fehlte es dem Amerikaner jedoch überraschend an Anschlagsvariabilität und Farbschattierungen, so dass das knapp sieben minütige Werk etwas unpersönlich, teils gar inhaltlich unbedeutend erschien.
Anders hingegen die kompositorischen Perlen eines Sergej Prokofjew. Seine zweite Klaviersonate hatte den Abend eröffnet. Ein Werk, dass mit technischen Höchstschwierigkeiten übersät ist und sicher noch dem kompositorischen Frühwerk des Russen zuzuordnen ist. Die teils klassischen Strukturen (4 Sätzigkeit, Themenverarbeitung, Harmonieverwendung) verweisen klar auf sein großes Vorbild Beethoven und haben doch schon vieles der typisch Prokofjewschen Tonsprache, die sich nicht zuletzt durch Stringenz und rhythmische Klarheit bestimmt. Und ebenso muss Bronfmans Spiel charakterisiert werden. Sein Anschlag war perlend klar und ungemein sprechend. Selbst die komplexesten Tonfolgen und Stimmüberlagerungen blieben nicht zuletzt ob seines spärlichen Pedalgebrauchs transparent. Dabei gestaltete er auch lyrische Abschnitte stets intensiv intim und doch fernab jeden Kitsches. Dieses Bild bestätigte sich auch in der den Abend beschließenden siebten Klaviersonate, einem typischen Vertreter der Prokofjewschen Kriegssonaten. Geschrieben 1942, von Svjatoslav Richter ein Jahr später uraufgeführt und von der politischen Führung der UdSSR mit dem Stalinpreis bedacht, ist sie eine in Noten gemeißelte Darstellung kriegerischen Kampfes und Leides. Die schmerzerfüllten Sequenzen des Mittelsatzes werden von aggressiven, im letzten Satz geradezu mechanisch abgefeuerten Akkordsalven eingerahmt, die einer musikalischen Stalinorgel gleichkommen. Jefim Bronfman erwies sich auch hier als versierter Interpret, technisch perfekt, dynamisch unerhört flexibel und dabei ungemein intensiv und unprätentiös zugleich. Wie er dem Precipiato bei aller mechanischen Monotonie noch musikalische Finessen abrang, war außergewöhnlich und hatte den großen Jubel des Publikums uneingeschränkt verdient.
So hatte, wer den Weg in den Kammermusiksaal fand, einen eindrucksvollen, außergewöhnlichen, in Teilen gar fantastischen Klavierabend erlebt, der Jefim Bronfman als einen der wichtigsten Pianisten unserer Tage bestätigte. Unter seinen Händen bekam Sergej Prokofjew ein musikalisch einprägsames Gesicht, und Robert Schumann verlor viel seiner oft romantischen Verkitschheit zugunsten erstaunlich modernistischer Tendenzen. Wer kann, sollte sich von daher fix Karten für die Konzerte Bronfmans vom 19. bis 21. Mai 2005 mit den Berliner Philharmonikern unter Mariss Jansons organisieren, wo der gebürtige Kasache Schostakowitschs erstes Klavierkonzert geben wird. Eindrucksvoll wird dies allemal. Und vielleicht auch wieder ein solch fantastischer Abend.
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