Berlin > Tipi, Zelt am Kanzleramt - 17.06.2010 Die Klazz Brothers und Cuba Percussion > Mozart & Co. auf lateinamerikanische Weise
Kritik von Dr. Kevin Clarke
Ein 'Calypso facile' von Wolfgang Amadeus und ein 'Mambo' von Mozart? Ein 'Salsa Nr. 5' von Beethoven mit dem berühmten Schicksalsmotiv? Oder der 'Kubanische Tanz Nr. 5' von Brahms, furios und melancholisch zugleich? All diese Nummern – dargeboten von den Klazz Brothers & Cuba Percussion im Berliner Tipi Zelt am Kanzleramt – sind die vermutlich angenehmste Art und Weise, bei hochsommerlichen Temperaturen ganz entspannt die größten Klassik-Hits aller Zeiten zu genießen, Bachs 'Air' und Gershwins 'Summertime' inklusive. So prickelnd und berauschend wie ein Champagnercocktail. Und so witzig, dass man fast den ganzen Abend schmunzeln muss über die frechen Arrangements, die die Musiker da nacheinander servieren: Kilian Forster am Kontrabass, der phänomenale Bruno Böhmer Camacho am Flügel, Tim Hahn am Schlagzeug sowie Alexis Herrera Estevez und Elio Rodrigo Luis an den Percussion-Instrumenten. Sie schaffen es, alle zusammen und mit Kilian Forster als charmantem Master of Ceremonies, zwei Stunden mit lateinamerikanisch angehauchten Easy Listening-Versionen von bekannten Kompositionen zu bezaubern – die nicht einfach eine platte Umwandlung von Mozart & Co. in billige Unterhaltungsware sind, sondern improvisierend auf Basis der bekannten Melodien etwas ganz Eigenes, Einzigartiges schaffen. Eine musikalische Verführung, der ich mich gern hingegeben habe. Zugleich sind die Klazz Brothers eine moderne Variante von Stanley Black und dessen legendären Alben ‚Friml & Romberg in Cuban Moonlight‘ oder ‚Gershwin Goes Latin‘, die (ich gestehe) seit langem zu meinen Favoriten zählen
Die Klazz Brothers sind mit ihren prägnanten Klassiker-Arrangements seit Jahren erfolgreich, es gibt stapelweise CDs von ihnen, in diversen Hollywood-Soundtracks kann man ihre Klassik-Adaptionen ebenfalls bewundern. Sie nun live im Tipi Zelt zu hören hat nur einen Nachteil: Man sitzt drinnen und schaut auf eine schwarze Rückwand, während die Musik eigentlich (in meinen Ohren) nach Strand und Sonnenuntergang schreit. In der besten aller möglichen Welten würden die Klazz Brothers mit ihren kubanischen Freunden die Konzerte ans Spreeufer nebenan verlegen, wo man den Kompositionen zu Bacardi-Mixturen lauschen könnte.
Ohne Open Air-Ablenkung und mit voller Konzentration auf die Musiker und dargebotene Musik ist der Abend ein bisschen wie ‚Erkennen Sie die Melodie‘. Weil oft nicht sofort klar ist, welche Melodie sich langsam über die Rhythmusgruppe erhebt, aufblüht und wie eine schillernde Vision durch den Raum schwebt, beispielsweise gleich zu Beginn die Habanera aus 'Carmen', die so abgewandelt und umgestaltet ist, dass ich lange rätselte, woher ich die einzelnen Wendungen kenne. Die mit Preisen wie Grammy und Echo überhäuften Musiker sind glücklicherweise so grundiert in der Klassik, dass sie den Übergang zum Jazz und nach Kuba mit den berühmten Vorlagen ohne Qualitätsverlust hinbekommen. Eine große Kunst, der man noch bis Ende des Monats allabendlich im Tipi lauschen kann.
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