Berlin > Komische Oper - 26.02.2010 Deutschlanddebüt von Alexander Mørk-Eidem > 'Orlando furioso'
Kritik zu Deutschlanddebüt von Alexander Mørk-Eidem (Komische Oper Berlin)
Kritik von Dr. Kevin Clarke
Die Idee ist natürlich reizvoll und durchaus interessant: Wenn man für die Kastratenrollen in Händel-Opern sowieso Countertenöre braucht oder Mezzosoprane, die dann so tun, als seien sie Männer, wieso dann nicht zur Abwechslung mal die Mezzos nehmen und als Frauen auf die Bühne stellen, wodurch die klassischen Hetero-Handlungen zu lesbischen Lovestories mutieren? Ausgehend von dieser Grundüberlegung hat der skandinavische Jungregisseur Alexander Mørk-Eidem Händels Oper in drei Akten 'Orlando' (1733) – die auf Ludovico Ariosts viel vertontem Renaissance-Heldenepos ‚Orlando furioso’ basiert – zu einem lesbischen Überkreuz-Beziehungsdrama zwischen Orlando/Angelica und Medoro/Dorinda umfunktioniert, dafür vier überaus attraktive junge Sängerinnen engagiert, sie in hübsche Unterwäsche und Outdoor-Outfits gesteckt (z.B. Regenmantel und Gummistiefel oder Camouflage-Anzug) und in einen wundersamen skandinavischen Tannenwald verfrachtet, in dem die vier Damen scheinbar Campingurlaub mit einem alten VW-Bus machen (Bühne: Erlend Birkeland; Kostüme: Maria Gyllenhoff). Zwischen Lagerfeuer, Kaffeekanne, Wäscheleine, Bäumen und Bus nehmen die emotionalen Verwicklungen ihren Lauf und sind in einem Sixties-Flowerpower-Ambiente zweifellos auch hübsch anzusehen, mit Zauberer Zarathustra als Ober-Hippie mit Wasserpfeife und Rastalocken (energisch und sympathisch: Wolf Matthias Friedrich), der eine ganz entzückende Assistentin ‚in drag’ hat, die stumme Isabella, von Bernd Stempel mit Glatze und Brille hinreißend gespielt im lila Zweiteiler. Soweit, so gut. Und erfreulich.
Sarazenen in Skandinavien
Zur lesbischen Beziehungskiste taugt 'Orlando' sicherlich, weil die Ich-liebe-dich-aber-du-liebst-eine(n)-andere(n)-Geschichte universell genug ist, um in jeder Konstellation und in jeder Epoche zu berühren. Wieso also nicht in skandinavischen Wäldern beim Camping? Das Problem ist, dass Mørk-Eidems Inszenierung zwar auf einer neuen deutschen, salopp daherkommenden Textfassung von Werner Hintze basiert, die Texte aber in keinster Weise an das Regiekonzept angepasst sind. Wenn schon ein Update aus der Renaissance ins Jahrzehnt der Sexuellen Revolution, und wenn schon ‚Vier Frauen am Rande des Lagerfeuers und des Nervenzusammenbruchs’, wieso behalten dann Orlando und Medoro ihre männlichen Namen? Wieso wird da von Prinzen und Königen gesungen, die in den Krieg ziehen sollen, wenn – soweit mir bekannt – in den 1960er und 70er Jahren im Skandinavischen keine Kampfhandlungen stattgefunden haben? Und wieso sollte ausgerechnet ein kiffender Oberhippie wie dieser Zarathustra den Titelhelden drängen, die Liebe aufzugeben, um in die Schlacht zu großen Taten aufzubrechen? (Welche Schlacht? Vietnam? Korea? Abwehr der Kommunisten?) Fragen über Fragen, auf die Mørk-Eidem und sein Team keine Antwort geben, ja scheinbar noch nicht einmal versucht haben, eine zu finden.
Das ist bedauerlich. Denn ich hätte erwartet, dass die Dramaturgie (Bettina Auer) und der Regisseur solche Basis-Überlegungen anstellen und dafür eine überzeugende sprachliche Lösung bzw. optische Umsetzung finden würden. Das war nicht der Fall. So dass zwar der magische Wald mit seiner visuellen Poesie und den darin umherirrenden Liebespaaren an Shakespeares ‚Sommernachtstraum’ gemahnte (wundervoll ausgeleuchtet von Franck Evin), die hippen Frauen in Unterwäsche manchmal an die amerikanische TV-Serie ‚The L-Word’ denken ließen und die endlosen Partnertausch-Aspekte mich persönlich an Mozarts 'Così fan tutte' erinnerten. Doch aus keiner dieser Assoziationen schlug die Regie Funken. Alles blieb beliebig und austauschbar. Es war nur eine an der Oberfläche gedachte Inszenierung, deren Grundidee Anlass hätte sein können und sein müssen zu einer viel grundsätzlicheren Ausdeutung. (Und ist es wirklich Erklärung genug in unseren Regietheater-Zeiten, wo immer auf Aktualität und Provokationspotenzial der Kunstform Oper gepocht wird, dass eine ursprüngliche Renaissance-Geschichte um den Kampf der Christen gegen die Sarazenen ins Skandinavien von 1970 verlegt wird, nur weil der Regisseur zufällig aus Norwegen kommt und altersmäßig der Post-Flowerpower Generation angehört und sich gern auf der Bühne in seine romantisierte Heimat zurückträumen möchte?)
Prädikat: Große Klasse
Als Positivum bleibt zu vermelden, dass die Komische Oper nach ihren vielen schwulen-freundlichen Inszenierungen der letzten Jahre nun erstmals auch eine Produktion im Repertoire hat, die in ihrer inhaltlichen Deutung eine lesbische Ausrichtung zeigt. Ebenfalls positiv war die fulminante Interpretation der Titelrolle durch die Chilenin Mariselle Martinez. Neben ihr machte auf mich Julia Giebel mit zerbrechlich-zartem Sopran als Dorinda den meisten Eindruck, obwohl auch Brigitte Geller als Angelica großartige Momente hatte und Elisabeth Starzinger als Medoro mit innigem Nachdruck sang (was nicht ganz zur an sich heroischen Rolle passte, aber im Rahmen dieses Lesben-Konzepts gut aufging.) Unbedingt als positiv zu vermelden ist auch das funkelnde Spiel des Orchesters unter Leitung von Alessandro De Marchi, der einen vitalen, klangfarbenreichen und teils amüsant federnden Händel hören lies, der das Prädikat ‚große Klasse’ verdient. Es gab entsprechend viel Applaus für den Dirigenten und seine Musiker, für die Solisten (besonders für Giebel und Martinez), dafür kräftige, jedoch vereinzelte Buhs fürs Regieteam, das sich davon aber nicht die gute Laune bei dem Deutschlanddebüt von Alexander Mørk-Eidem verderben lies. Ob er mit diesem 'Orlando' auch hierzulande zu einem Shooting Star wird, der er – laut Pressemitteilung – in Skandinavien ist, wage ich zu bezweifeln. Originell war die lesbische Lesart von Händel allerdings. Schade, dass sie im Waldweben stecken blieb.
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