> > > > > 19.07.2009
Donnerstag, 24. Juli 2014

Festival in Martina Franca offeriert Rarität

Welturaufführung von Cagnonis 'Re Lear' (1895)

Das ist in der Geschichte des Festivals della Valle d’Itria noch nicht vorgekommen. Nie. Zwar wurden in den 35 Jahren seit der ersten Saison 1974 schon etliche unbekannte und oft auch völlig vergessene Operntitel in Martina Franca dargeboten und neuerlich zur Diskussion gestellt. Inklusive CD-Veröffentlichung beim Label Dynamic. Aber eine veritable Welturaufführung gab es bislang nicht.

Dass man sie nun 2009 mit dem 'Re Lear’ von Antonio Cagnoni erleben darf, liegt daran, dass der Komponist am 30. September 1896 starb und das vieraktige Werk vollendet, aber ungespielt zurück ließ. Der Musikwissenschaftler Anders Wikund hat es jetzt  fürs Verlagshaus Ricordi ediert, die umfangreiche Partitur – mit Prunk- und Pompszenen, Balletten und dem zentralen Sturm-auf-der-Heide – wird in Martina Franca vom Dirigenten Massimiliano Caldi und dem Orchestra Internazionale d’Italia aus der Taufe gehoben, mit einer überaus kompetenten Sängerbesetzung, die glücklicherweise den Schrecken des 'Orfeo’ am Abend zuvor völlig vergessen lässt.

Fans der italienischen Oper des 19. Jahrhunderts kennen den 'König Lear’ vor allem als Lieblingsprojekt Giuseppe Verdis, der dieses Shakespeare-Verhaben jedoch nie vollendete. Die wenigen Passagen, die er tatsächlich komponierte, verwendete er später in 'Simone Boccanegra’, speziell in den Vater/Tochter-Szenen des Stücks. Dass ausgerechnet der Verdi-Librettist Antonio Ghislanzoni ('Aida’) 1885 einen ‚Lear’-Text in sieben Teilen im klassischem Opernzuschnitt (Bariton-Sopran-Mezzo-Tenor) schrieb, ist sicher kein Zufall. Ebenso wenig die Tatsache, dass Cagnoni – den Verdi 1869 für die 'Messa per Rossini’ fürs 'Quid sum miser’ ausgewählt hatte – sich für den Stoff interessierte, der Verdi so lohnend schien. Cagnonis Erfolge als Bühnenkomponist lagen in der Periode des 'Re Lear’ schon hinter ihm: angefangen mit der genialen Diplomarbeit des 19-jährigen Konservatoriumsschülers, der Parodie italienischer Opernkonventionen 'Don Bucefalo’ (1847), über 'Michele Perrin’ (1864) bis zu 'Papà Martin’ (1871). Zur Zeit der Komposition des 'Lear’ arbeitete Cagnoni als Direktor des Civico Istituto musicale in Bergamo (seit 1888, vorher in Novara) und hatte zuvor als Kirchenmusiker in Vigevano (1852-1879) seinen Lebensunterhalt verdient. Die große Karriere à la Verdi war ihm versagt geblieben. Was vielleicht auch die Zurückhaltung der Theater erklären mag, den 'Lear’ aufzuführen, der 1895 fertig gestellt worden war und den der Komponist natürlich den Bühnen seines Landes angeboten hatte. Erfolglos.

Fortsetzung der Erfolgsstory

Nachdem das Festival in Martina Franca 2008 mit dem fulminanten ´Don Bucefalo’ einen Überraschungshit landen konnte, war es naheliegend, dass Intendant Sergio Segalini ein weiteres Stück des Komponisten spielen wollte. Dass seine Wahl dabei auf den 'Re Lear’ fiel, ist angesichts der Bekanntheit des Stoffs und seiner geradezu mythischen Stellung im Bereich des Melodramma italiano verständlich. Das Stück bietet zudem mit der zentralen Rolle des alten Königs eine dankbare Baritonpartie für überragende Singschauspieler (sonor, aber mit etwas wenig Charakter: Costantino Finucci), ferner mit der verstoßenen Cordelia eine Sopranrolle von lyrischem Zuschnitt à la Amelia Grimaldi (grandios, aber mit wenig Innigkeit: Serena Daolino) sowie mit deren Liebhaber Edgaro einen typischen italienischen Tenorpart mit Showoff-Arie im Format von ´Celeste Aida’ und eindrücklichen Spielmöglichkeiten in der Heide-Szene, wo Edgaro den verrückten ‚Tom di Bedlam’ mimt (formidabel, höhensicher und zurecht gefeiert: Danilo Formaggia). Nicht zu vergessen: Die böse Schwester Regana mit Trinkliedern und dramatischen Ausbrüchen, die einem italienischen Mezzo viele Möglichkeiten zum Glänzen geben (leider mit pastosem Oratorienmezzo gänzlich undramatisch gesungen von Eufemia Tufano).

Man hört der zweieinhalbstündigen Partitur an, in welchem Umfeld sie entstanden ist. Immer wieder klingen Phrasen und Motive durch, ergeben sich Momente, die man aus anderen – sehr viel berühmteren – Werken kennt. Die Aufmärsche im 1. Akt, wo Lear den Hof zusammentrommelt und die Teilung des Reichs verkündet, gemahnen an 'Aida’ und die Königsszene dort ('Guerra, guerra’), das Trinkgelage der Regana erinnert an diverse Szenen bei Donizetti (z.B. in der 'Lucrezia Borgia’), aber auch an den 'Macbeth’ Verdis, die Chöre auf der Heide sind den Feuerchören auf 'Otello’ nah, genau wie ich beim Sturm auf der Heide mehrmals an 'Rigoletto’ denken musste.

Das Problem ist, dass die vielfachen musikalischen Assoziationen den Hörer fortwährend daran erinnern, dass andere Komponisten dieselben Momente musikalisch packender, einprägsamer und genialer eingefangen haben. Cagnonis 'Lear’ bleibt weitgehend Musik-aus-zweiter-Hand, der es – verglichen mit dem Überschwang des 'Don Bucefalo’ – merklich an Temperament fehlt. Da parallel zum 'Re Lear’ auch eine neue Generation von italienischen Opernkomponisten nachrückte, mit u.a. Puccini und Mascagni als prominenten Vertretern, versteht man, wieso Theater damals lieber deren effektvollere Titel spielen wollten, als das Alterswerk eines Kirchenmusikers.

Rolle für Placido Domingo

Trotzdem ist das Stück – aus heutiger Sicht – spannend, lohnend und extrem unterhaltend, auch und gerade in dieser (!) Vertonung, da man immer wieder assoziativ ahnt, was Cagnonis Konkurrent Verdi aus dem Stoff gemacht haben könnte. Auch gelingen Cagnoni berückende lyrische Szenen, etwa im Duett Lear/Cordelia, wo die verstoßene Tochter ihren wahnsinnig gewordenen Vater liebevoll in die Arme schließt. Doch der Partitur fehlen die gleißenden Farben und die dramatischen Knalleffekte, ohne die eine Tragödie wie ‚König Lear’ nur schwer zu realisieren ist.

Ich möchte nicht ausschließen, dass die Musik Cagnonis mit einer charismatischeren Besetzung und mit einem anderen Dirigenten durchaus schlagkräftiger wirken kann. Das Stück bietet, wie gesagt, gerade mit der Titelrolle eine Partie für einen überragenden Singschauspieler, der die Szene zu beherrschen und Wahnsinn/Weltschmerz darzustellen weiß. Die Rolle wäre vermutlich ideal für Placido Domingo, der sich gerade als Simone Boccanegra im Baritonfach ausprobiert. Ein solcher, das Stück tragender zentraler Darsteller wie Domingo fehlt in Martina Franca. (Zugegeben: Wo fehlt er nicht?) Auch ist die Regie von Francesco Esposito nicht dergestalt, dass sie das dramatische Potential aus dem Vierakter restlos herauskitzeln würde. Alles spielt, weil’s eine Tragödie sein soll, in schwarzen Kostümen, vor schwarzem Hintergrund auf einer schwarzen, felsig zerklüfteten, schräg gesetzten Scheibe. Wenn es besonders dramatisch wird, etwa in der Heide-Sturmszene, dann kommt von unten Nebel. Was im Scheinwerferlicht durchaus effektvoll aussieht. Einziger farblicher Kontrast ist die ganz in weiß gekleidete Lichtgestalt Cordelia, mit blonder Lockenperücke, und der Narr, mit rotem Zylinder und Mantel, eine Art Oscar-Verschnitt (à la ‚Maskenball’), der als unbeteiligter Master of Ceremonies wiederholt federnde Soprankoloraturen zum Besten gibt (leicht und charmant: Rasha Talaat).

Im Grunde ist dieser 'Lear’ wie geschaffen, um konzertant etwa bei der Zaterdag Matinee in Amsterdam aufgeführt zu werden, die spezialisiert ist auf ebendieses italienische Repertoire und dafür vielleicht nicht unbedingt bessere Solisten, aber einen besseren Chor und ein besseres Orchester (in akustisch besseren Verhältnissen) aufbieten kann. Dass das Verlagshaus Ricordi die Partitur nun herausgegeben hat, zeigt, dass sie weitere Aufführungen erwartet.

Wie es weitergeht?

Die Produktion in Martina Franca wurde vom italienischen Radio RAI Tre live übertragen und wird demnächst als CD erscheinen. Hoffentlich gelingt es, die nervigen Geräusche der katholischen Glaubensprozession mit Pauken, Tuben und Trompeten, quer durch die Stadt, sowie die Motorrollerrennen rund um den Palazzo ducale herauszufiltern. Sonst klingt Cagnoni mit stilistisch kontrastierenden Musiküberlagerungen moderner, als ihm gut tut. Und verliert seinen Reiz, der in der absoluten (!) Beherrschung der klassischen Formeln des Melodramma italiano novecentesco liegt. Diese vertrauten und auch effektvollen Formeln werden im 'Re Lear’ wie in einem Schwanengesang noch einmal heraufbeschworen – bevor die folgende Generation sie respektlos und wirkungsvoll vom Tisch fegte.

Das Publikum in Martina Franca reagiert jedenfalls enthusiastisch auf die Novität, angereiste Kritiker aus aller Welt diskutierten begeistert bis in die frühen Morgenstunden beim Premierenempfang des Festivals über Cagnoni. Und der Radiomitschnitt wird sicher in den nächsten Tagen als Download in einschlägig interessierten Internetforen die Runde machen und zur Verbreitung und zum Bekanntwerden des Stücks beitragen – wie’s dann weitergeht, wird sich zeigen. Spaß macht die Beschäftigung mit dem ´Re Lear’ auf alle Fälle.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Antonio Cagnonis Shakespeare-Vertonung von 1895: Uraufführung beim Festival della Valle d'Itria

Ort: Palazzo Ducale, 19.07.2009

Werke von: Antonio Cagnoni

Mitwirkende: Eufemia Tufano (Solist Gesang)

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