Nürnberg > Meistersingerhalle - 22.03.2009 6. Abo Konzert des Privatmusikvereins Nürnberg > Intime Kunst des Leipziger Streichquartetts
Kritik von Prof. Egon Bezold
Seit 1988 zählt das Leipziger Streichquartett zur internationalen Riege der bedeutenden Quartettformationen. Ihr Credo ist das gradlinige, schnörkellose, ausdrucksvolle Spiel: beste Tugenden großer deutscher Quartett-Tradition. Im Privatmusikverein war die intime Kunst der Leipziger zu bewundern.
Es gibt Ensembles wie einst die Amadei oder das Quartetto Italiano, die jahrzehntelang beieinander blieben, die ihre Silberhochzeit längst hinter sich haben wie auch das Emerson String Quartet. Andere Vereinigungen wie die Budapester, Julliards, Ardittis oder aus der jüngeren Garde das Artemis-Team, haben sich immer wieder zu regenerieren gewusst und erlebten trotz Wechsel an den Pulten ungebrochene künstlerische Blüte. Andere zerbrachen unter dem Wechsel ihrer Mitglieder, büßten ihre Individualität ein oder warfen das Handtuch. Neuerdings blieben auch die Leipziger von Veränderungen in der Besetzung nicht verschont. Es scheint, dass der Gruppe trotz des kapitalen Einschnitts (an Stelle von Andreas Seidel führt jetzt in der Primgeige Stefan Arzberger) das interpretatorische Glück nicht abhanden gekommen ist.
Trefflich wird der musikalische Diskurs geführt, jede dynamische Konstellation beleuchtet: überzeugender Beleg Joseph Haydns Quartett B-Dur op. 76 Nr. 4. Die bewegte Ausdruckshaltung des langsamen Satzes und die rhythmisch pulsierenden Ecksätzen gehören zu den schönsten Momenten dieser Interpretation.
Allzu voreilig pflegen ja musikalische Sittenrichter Felix Mendelssohns Quartette als epigonal zu ächten. Doch das Plädoyer für den oft geschmähten Quartettkomponisten Mendelssohn überzeugte die letzten Zweifler, weil die Leipziger keine Konzessionen machten. Man spürte Mendelssohns Huldigung an den frühen Ludwig van Beethoven in jeder Note, auch den Rückgriff auf Johann Sebastian Bach, nicht zuletzt aber Mendelssohns unverwechselbare Tonsprache selbst. Mit vorwärts drängender Bewegung spielen die Musiker die Themeneinsätze in fiebriger Atmosphäre. Da spürt man die pulsierende Spannung in der Klanglandschaft von Mendelssohns Spätwerk. Im 'Adagio' kommen zu den resignativen Gesten träumerische, liedhafte Töne. Das Finale des Schwanengesangs, den Mendelssohn nach dem Tod seiner Lieblingsschwester Fanny schrieb, ist von expressivem Feuer durchglüht, wuchtig, voll gespannter Kraft, erwärmend in der Grundtönung, fein abgestuft in der Dynamik – ein energischer Griff nach Mendelssohn.
Den großen Gipfelsturm auf die Eisriesen der späten Quartette von Ludwig van Beethoven wagte das Leipziger Team mit dem a-Moll-Brocken op. 132. Nirgends wurde der natürliche Strom der Musik, der ja auch in diesem vergeistigten Spätwerk das Entscheidende bleiben soll, durch überzogenes interpretatorisches Kalkül in Frage gestellt. Auch bei rasanten Tempi blieb keine Einzelheit auf der Strecke. Die Wiedergabe besaß Nachdrücklichkeit, Intensität und Gewicht. Fabelhaft gelangen der wunderbar ausgespielte 'Heiliger Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit', das energisch durchgeformte 'Alla marcia' des vierten Satzes und die fulminant hoch wirbelnde Final-Stretta.
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