> > > > > 11.04.2009
Samstag, 26. Juli 2014

New Dutch Academy gastiert im Weimarer Schloss

Auf Bachs eigenem Cello

Mit einer authentischen Replika von Bachs eigenem Violoncello Piccolo kam der australische Barockvirtuose Simon Murphy nach Weimar. Nach langjährigen Forschungen war es gelungen, ein Instrument zu rekonstruieren, mit dem Murphy nun erstmalig sein intimes Repertoire einem größeren Publikum vorstellen konnte. Auf den ersten Blick fühlt man sich an eine Viola pomposa oder ein Violoncello da spalla erinnert, doch Spieltechnik, Klangfarbe und Spektrum unterscheiden sich von diesen bekannteren Instrumenten der historischen Aufführungspraxis. Das fünfseitige "Minicello" hat zwar ein bescheidenes Register und auch ein eher beschränktes Volumen, aber die unerwartet markanten Bässe und das feine Tenor-Timbre sind doch äußerst reizvoll - gerade im kammermusikalischen Ensemble mit Laute und Barockcello oder auch als Teil des Basso continuo.

Murphy, der sich auch als Musikwissenschaftler verdient gemacht hat, nimmt an, dass Bach in Weimar bereits die ersten Sätze der berühmten Suiten für Violoncello für dieses Instrument geschrieben hat. Walther erwähnt das Violoncello piccolo zwar in seinem 'Musikalischen Lexikon' von 1732 noch nicht, aber in Abschriften der Bach-Kantaten aus dem Jahre 1724 wird es als Soloinstrument notiert. Daneben hat die Musikwissenschaft mittlerweile zahlreiche andere Quellen zusammen getragen, so dass sich die Geschichte und Herkunft des "handlichen" Cellos durchaus überzeugend darstellen lässt.

Dass man nun den individuellen Klangcharakter endlich auch im Konzert hören kann, bringt aber erst das Leben in die Philologie. Murphys Interpretation der Suite Nr. 6 begeistert dann auch nicht zuletzt aufgrund der anregenden Spielfreude, mit der er sein Instrument vorstellt. In seiner Bachlektüre folgt er den großen Interpreten einer historisch distanzierten Erarbeitung. Ohne Pathos, aber mit Liebe fürs Detail zeichnet er die Wellenbewegungen und vermittelt in breiten Bögen die individuellen Höhepunkte von Bachs großer Linienkunst. Erst aus dem agogisch gefühlten Rhythmus erschließen sich die Spannungskurven der Musik. Sehr schön gelingen dabei die dynamischen Nuancen zwischen Piano und Forte, die, ohne zu stark zu kontrastieren, subtil die gewollte Echowirkung der imitatorischen Stimmen vermitteln.

Neben der bekannten Solosuite für Violoncello präsentiert Murphy ein erlesenes Repertoire, dass von Arcangelo Corelli über Komponisten der Bachzeit (Francesco Geminiani, Willem de Fesch, Georg Philipp Telemann) bis hin zu Johann Christoph Friedrich Bach – dem dritten der vier „komponierenden“ Bachsöhne – reicht. Im Trio mit Karl Nyhlin (Barocklaute) und Caroline Kang (Barockcello) bleibt vor allem eine Sonate des niederländischen Komponisten Jacob Klein nachhaltig in Erinnerung. Wie vielfältig, facettenreich und qualitativ hochwertig die Barockmusik auch jenseits von Bach, Händel und Telemann war, zeigt gerade ein so unwiderstehlicher Satz wie Kleins Gavotta oder auch die allegro gespielte Ciacconna.

Auch Karl Nyhlins virtuos dargebotenes Solo-Intermezzo präsentiert einen Komponisten, den es immer noch zu entdecken gilt. Silvius Leopold Weiss war der Starlautenist seiner Zeit, ein umworbener Musiker an den größten Höfen Europas, aber auch ein erstklassiger Komponist, der neben zahlreichen Werken für sein eigenes Instrument, auch Kammermusik geschrieben hat - leider bis heute weitgehend unerforscht oder verschollen.

Die mitteldeutsche Barockmusik bietet somit also immer noch einen breiten Fundus an unbekannten Meisterwerken. Dass in den letzten Jahren sogar noch Werke von J. S. Bach auftauchen konnten macht Hoffnung auf umso mehr Schätze aus der zweiten Reihe.

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Kritik von Toni Hildebrandt



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The New Dutch Academy: Simon Murphy - Violoncello Piccolo

Ort: Stadtschloss, 11.04.2009

Werke von: Johann Sebastian Bach, Arcangelo Corelli, Francesco Geminiani, Georg Philipp Telemann, Johann Christoph Friedrich Bach, Silvius Leopold Weiss, Jakob Klein, Willem De Fesch

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