Bern > bee flat - 07.01.2009 Duo Stockhausen Snétberger > Virtuos und sensibel
Kritik zu Duo Stockhausen Snétberger (bee flat Bern)
Kritik von Toni Hildebrandt
Ein Konzert von Markus Stockhausen und Ferenc Snétberger entführt ins Reich der Zwischentöne. Es sind Gesänge zweier schweigsamer Beduinen, aus der Ferne erklingende Rufe aus der Stille und ein humaner Dialog zweier großer Musiker, die immer wieder neuartige Klanglandschaften vor dem geistigen Auge erscheinen lassen. Im Bereich des 'kammermusikalischen Jazz' ist das Duo wohl ebenso einzigartig, wie in ihrer individuellen Erscheinung und Virtuosität. Snétbergers exorbitante Gitarrentechnik findet man in ihrer spielerischen Brillanz vielleicht nur noch bei Johannes Tonio Kreusch oder Falk Zenker wieder, und Markus Stockhausen hat schon seit Jahren seinen ganzen eigenen unverwechselbaren Ton gefunden. Dabei hat der eine seine musikalischen Wurzeln in der kosmischen Klangwelt der westlichen Neuen Musik - der gebürtige Ungar Snétberger hingegen in den folkloristischen Ursprüngen seiner Heimat. Stockhausen spielte schon als Kind die Werke seines berühmten Vaters, war wichtiger Bestandteil im großen Licht-Zyklus und manchmal glaubt man sogar in seiner Melodieführung und Klangästhetik einzelne spätere Werke ('Harlekin') wieder zu erkennen. Doch Markus Stockhausen hat im Laufe seines weltweiten 'Studiums' noch viel mehr Einflüsse assimiliert: Miles Davis’ Stille in 'Blue in Green' war sicher ebenso prägend wie der skandinavische Jazz der 70er und 80er Jahre. Bei Snétberger hingegen ist das konventionelle Gitarrenspiel durch polyrhythmische Fragmentierung durchdrungen und auch andere fernöstliche Modalitäten finden reichlich Anklang. Exotische Skalen, eine an Bartók erinnernde Harmonieführung und ein pulsierendes Ostinato der Bassseiten gerinnen zu einem ungewöhnlichen Klangteppich, der mit den klischeebelasteten Jazzimprovisationen kaum noch etwas zu tun hat - sich wohl sogar bewusst davon distanziert. Vielmehr wird hier nach einem klassischen Klangideal frei improvisiert. Snétberger gilt nicht ohne Grund als einer der versiertesten Interpreten des "Concierto de Aranjuez" und seine eigenen Gitarrenkonzerte erfreuen sich ebenfalls immer größerer Popularität.
Ähnlich, wie Snétbergers stets ausgesungener Gitarrenton, kommt auch Stockhausens Flügelhorn zumeist aus der tief empfundenen Stille, und umschreibt diese selbst in den weiten Melodielinien. Es gilt im schrillsten Fortissimo oder den feinsten Nuancen jedes einzelnen Tones – man wird stets gewahr, das doch eigentlich die Stille hinter den Noten Telos dieser berührenden Musik zu sein scheint. Dies betonend unterbricht Snétberger mit einem großartigen Timing immer wieder durch kontrastierende Rhythmen oder pianistische Pattern den melodischen Verlauf. Nur vom frühen Ralph Towner oder Egberto Gismonti kennt man eine so kreative Begleitung durch die klassische Gitarre. Doch auch hier ist letztlich das Zusammenspiel von Stockhausen und Snétberger auf eine gar noch höhere Ebene der Perfektion gehoben. Stets führen beide Musiker den Gesamtklang im Kopf mit, und spätestens wenn die Kalimba erklingt oder Snétberger ein minimalistisches Pattern in den Flageoletttönen anstimmt, fühlt man sich auch an Behrendts 'Nada Brahma' erinnert.
Dennoch ist für Markus Stockhausen und Ferenc Snétberger die Welt von heute nicht 'nur' Klang. Sie ist auch humanes Weltethos und moralisches Bewusstsein in all ihrer Sprachlosigkeit. Und so vergisst Markus Stockhausen am Ende auch nicht, an die aktuellen Notzustände im Nahen Osten zu erinnern und ruft bescheiden zu mehr 'Gastfreundschaft' auf. Mit der Komposition 'Xenos', die nicht nur dem Fremden, sondern in ihm auch den Gast anspricht, ist zumindest eine Art subtil-lyrisches Programm entworfen. Erst dann sucht die Musik im Widerstreit des Dialoges den gemeinsamen friedvollen Klang.
Bei Goethe liest man im West-Östlichen Diwan (1819) bereits, dass wer sich und andere wirklich kennt, wohl auch erkennen wird, das Orient und Okzident nicht mehr zu trennen sind. In den subtilen Kompositionen von Stockhausen/Snétberger steckt in all ihrer melancholisch-hoffnungsvollen Schönheit ein kleines Stück von dieser prophetischen Weisheit. Mindestens hierin hat letztlich auch ihre 'sprachlose' Musik eine politische Botschaft und Vorbildswirkung.
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