Köln > Oper - 28.03.2009 Fest der schönen Stimmen, Oper Köln > Gruberova, Sandoval; Weikert
Kritik zu Fest der schönen Stimmen, Oper Köln (Oper Köln)
Kritik von Andreas Schubert
Offiziell war es das „Fest der schönen Stimmen“, doch niemand wird ernsthaft bestreiten wollen, dass der Titel des diesjährigen Gala-Konzerts der Oper Köln eigentlich im Singular hätte stehen müssen. Denn in erster Linie war man gekommen, um eine Stimme hören, ihre Stimme: Edita Gruberova, seit nunmehr 40 Jahren unangefochtene ‚Königin der Koloratur’, gab sich die Ehre und entzündete vor ausverkauftem Haus ein Belcanto-Feuerwerk, dessen berauschende Wirkung selbst durch 25 Minuten stehende Ovationen und von den Logen herabhängende Transparente („La straordinaria Edita“) kaum angemessen gewürdigt werden konnte.
Das Programm griff erfreulicherweise nicht auf die bei solchen Veranstaltungen übliche Abfolge von aus dem Kontext gerissene Ouvertüren und Arien zurück, sondern ließ durch seine Aufteilung in drei große Szenen aus Donizettis Tudor-Opern ein hohes Maß an inhaltlicher Geschlossenheit erkennen. Der musikalischen Dramaturgie kam die Stückauswahl ebenfalls zugute: beginnend mit der aus Chor-, Ensemble- und Solopassagen bestehenden Anfangsszene aus 'Anna Bolena’ erfuhr die Spannungskurve mit dem Duett Maria/Talbot aus 'Maria Stuarda’ eine Steigung, um schließlich im Finale von 'Roberto Devereux’ ihren Scheitelpunkt zu erreichen. Die ausgedehnten Rezitative mögen dabei so manchen (begierig auf die nächste Cabaletta wartenden) Besucher auf die Folter gespannt haben, ermöglichten es Gruberova aber, dramatische Zusammenhänge herzustellen und Dialoge szenisch zu auszugestalten, kurz: sich (in für ein Opernkonzert ungewöhnlich glaubhafter Weise) in die jeweilige Rolle hineinzuversetzen. Dass die drei dargestellten Herrscherinnen in unterschiedlicher Garderobe auf der Bühne erschienen, unterstrich diesen Anspruch auf individuelle Portraitierung höchst effektvoll.
All dies verblasste jedoch angesichts einer vokalen Leistung, die selbst dann noch als phänomenal eingestuft werden muss, wenn einem gewisse Eigenheiten von Gruberovas Gesangsstil (wie dem ‚Anschleifen’ von Tönen und Koloraturen) nicht liegen. Ihr Sopran scheint ein Quell ewiger Jugend zu sein: silbern glänzend, selbst in höchsten Höhen noch vollkommen drucklos geführt und innerhalb eines Augenblicks vom feinsten Pianissimo in ein stählernes Forte anschwellend versetzt er den Hörer in einen Zustand dauerhaften Staunens über die Möglichkeiten der menschlichen Stimme. Faszinierend und lehrreich auch, Gruberova beim Singen zuzusehen: wie sie vor jedem Einsatz ihren Körper von Kopf bis Fuß streckt, den Brustkorb aufstellt, die Resonanzräume öffnet und sich dann mit voller Spannung in die Töne ‚lehnt’, so dass diese gar nicht anders können, als perfekt nach außen projiziert zu werden – ganz vergessen ist die hohe Schule des Belcanto eben doch noch nicht.
Obwohl Gruberova als umjubelter Star des Abends alle Augen und Ohren auf sich zog, hatten ihre sechs Kollegen keinerlei Schwierigkeiten, sich in vorteilhaftem Licht zu präsentieren. Bereits vor dem ersten Erscheinen der Diva setzten die Mezzosopranistin Adriana Bastidas Gamboa (Giovanna Seymour) und die Altistin Christina Khosrowi (Smeton) mit schön timbrierten, technisch bestens durchgebildeten Stimmen Akzente, während der aufstrebende mexikanische Tenor Héctor Sandoval den zweiten Teil mit einer ebenso leidenschaftlichen wie schmelzigen Interpretation von Robertos Todesarie 'A te dirò' eröffnete. Auch Andreas Hörl (Guglielmo Cecil/Nottingham) und Jeongki Cho (Cecil) holten das Beste aus ihren kleinen Auftritten heraus. Einzig Wilfried Staber (Talbot) konnte mit seinem klangschönen, aber zu weit im Hals platzierten Bass nicht ganz zu diesem hohen Gesamtniveau aufschließen.
Wie jedes Jahr ging das „Fest der schönen Stimmen“ mit der Verleihung des Offenbach-Preises durch die ‚Freunde der Kölner Oper’ e.V. einher. Die Auszeichnung ging diesmal an den jungen Kolumbianer Andrés Felipe Orozco Martinez, der mit Beginn dieser Spielzeit vom Opernstudio ins Ensemble der Oper Köln übernommen wurde. Begleitet vom gut disponierten Gürzenich-Orchester unter der versierten Leitung von Ralf Weikert stellte sich der Tenor nach der Pause mit zwei Arien aus Zarzuelas vor, darunter Sorozabals 'No puede ser'. Wenngleich seine Stimme in der Mittellage (noch) nicht genug Kraft und Biss hat, um sich gegen das Orchester durchzusetzen, ließ Martinez mit klarer, abgerundeter Tonbildung, kultivierten Legato-Bögen und sicheren Spitzentönen aufhorchen – da war man sogar gewillt, die mit der Preisvergabe verbundenen Unterbrechungen des Programms und die (angesichts der aktuellen Lage durchaus verständlichen) Werbemaßnahmen für den Verein hinzunehmen.
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