Berlin > Komische Oper - 27.07.2008 Opererette und Musical im Konkurrenzkampf > Andreas Homoki und Barrie Kosky im Vergleich
Kritik zu Opererette und Musical im Konkurrenzkampf (Komische Oper Berlin)
Kritik von Dr. Kevin Clarke
Man könnte das Ganze natürlich symbolisch sehen, als Zeichen an der Wand sozusagen: Da veranstaltet die Komische Oper Berlin ein wirklich wunderbares Festival, in dem zum Spielzeitende in einer Woche alle Neuproduktionen der Saison hintereinander weg in Premierenbesetzung zu erleben sind, mit den zwei Stücken aus dem Bereich ‚Unterhaltendes Musiktheater’ zum krönenden Abschluss – Cole Porters ‚Kiss Me, Kate’ (1948) am Samstag, in der Inszenierung des designierten neuen Intendanten des Hauses in der Behrenstraße, Barrie Kosky, und Johann Strauss’ ‚Fledermaus’ (1874) am Sonntag, in der Inszenierung des aktuellen Hausherrn, Andreas Homoki. Dabei handelt es sich um zwei Werke, die jeweils als Klassiker ihrer Art gelten können, einmal im Bereich Broadwaymusical, einmal im Bereich Wiener Walzeroperette. Beides Genres, derer sich die Komische Oper in den letzten Jahren lobenswerterweise (!) besonders angenommen hat und hoffentlich weiterhin annehmen wird.
Während nun die Produktion von Barrie Kosky am Samstag restlos ausverkauft war (wie schon die vorangegangenen Aufführungen), war der Zuschauerraum am Sonntag bei der ‚Fledermaus’ kaum zu zwei Dritteln gefüllt. Lieben die Berliner keine Operette? Oder mögen sie keine Andreas-Homoki-Inszenierungen mehr? Oder war das Wetter einfach zu warm für einen Opernbesuch? Oder...
Peccatum mortiferum
Anhand der beiden Inszenierungen kann man geradezu exemplarisch erfahren, wie die Sparte ‚Unterhaltendes Musiktheater’ sein Publikum findet – und wie sie das eben nicht schafft. Kosky serviert seinen Musical-Abend schrill-bunt und glitzernd, mit furiosen Tanzsequenzen, extra engagierter, sehr sehr sexy Balletttruppe, mit glänzenden Stars aus dem Bereich Musical (Danny Costello und Sigalit Feig) sowie mit der alles überragenden Schauspielerin Dagmar Manzel als Titelheldin Kate – dem neuen Liebling des Berliner Publikums. Kosky gab dem Ganzen zudem einen deutlich schwulen Touch, mit vielen halbnackten Jungs und leckeren Mädels in ultra knappen Höschen auf dem Podium. Er landete damit einen Riesenhit, den sogar der TV-Sender 3SAT live übertrug. Man könnte sagen: Hier ist Cross Over im besten Sinn des Wortes gelungen, hier ist auch (bei allen Einschränkungen bezüglich der Qualität der Inszenierung im Detail) dem Genre Musical mit Witz, Tempo und Pep vollkommen gerecht geworden. Mit der entsprechenden Resonanz beim Publikum.
Ganz anders die Herangehensweise von Andreas Homoki in seiner Inszenierung: Er treibt der berühmtesten aller Wiener Walzeroperetten das Tanzen gründlich aus, indem er alle Walzerschritte entfernt, das rauschhafte Walzerfinale des 2. Akts mit einer eingelegten Pause zerstückelt und auch sonst die ¾-Taktklänge vom Dirigenten Markus Poscher sehr hart und kantig ausspielen lässt. Von Operetten-Delirien ist das Alles weit entfernt. Daneben verzichtet Homoki auf jegliche Buntheit à la Kosky, die sonst durchaus eines seiner Markenzeichen ist, und lässt den Abend in einem miefigen Holz-Raum spielen, der aussieht wie ein übervolles Möbellager mit Gründerzeit Schränken und Sofas. Er nimmt dem Genre Operette insgesamt durch sehr langatmige Slapstick-Momente, über die niemand lacht als die Charaktere auf der Bühne, seine durchgeknallte Spielfreude, das Tempo und den Glanz. Homoki lässt das Ganze zudem mit vergleichsweise anonymen Opernsängern mehr als Pflichtprogramm herunterbuchstabieren als lustvoll zelebrieren (Ausnahme: Gun-Brit Barkim als kecke Rosaline). Mit anderen Worten: Homoki macht aus der ‚Fledermaus’ ein Stück ohne ‚star appeal’ und ohne Sex, weitgehend auch ohne Schwung und Laune. Das kommt bei Johann Strauss im Besonderen und Operette im Allgemeinen einer Todsünde gleich – die das Berliner Publikum umgehend mit (berechtigtem) Desinteresse quittiert.
'Opernhaus des Jahres'
Das soll nicht heißen, dass diese ‚Fledermaus’-Inszenierung grundsätzlich schlecht wäre. Das ist sie nicht. Aber sie macht den kapitalen Fehler, ein überbekanntes Stück mit überwiegend uncharismatischen No-Name-Sängern zu präsentieren, statt wie bei ‚Kiss Me, Kate’ Leute zu suchen, die einen solchen Abend in den Bereich des Außerordentlichen katapultieren können. Die Komische Oper hat mit der Cole Porter-Show bewiesen, dass sie – besser als die beiden anderen Opernhäuser der Stadt und sicher besser als die meisten Theater in Deutschland – in der Lage ist, ideale Künstler als (Dauer)gäste für dieses anspruchsvolle Repertoire zu engagieren. Dagmar Manzel hat am Haus bereits zuvor in Stephen Sondheims Musical ‘Sweeney Todd’ einen deutlichen Erfolg erzielt. Es scheint mir persönlich unbegreiflich, wieso der Intendant des Hauses für seine eigene Inszenierung im Fall der ‚Fledermaus’ nicht ebenfalls in der Berliner Szene hausieren gegangen ist, um sich eine vergleichbare Besetzung zu sichern. Desirée Nick beispielsweise singt aktuell im Renaissance Theater in ihrem Florence-Foster-Jenkins-Abend die Arie der Adele und tut das faszinierender, als es Miriam Meyer je möglich sein wird (obwohl diese das besser Stimmmaterial hat, aber nicht die Persönlichkeit). Auch Dagmar Manzel ersang sich kürzlich in Potsdam am Hans Otto Theater als Rosalinde einen Ausnahme-Erfolg. Die Berliner Klein- und Großkunstszene ist voll mit solchen Darstellern, die allesamt besser geeignet wären fürs anspruchsvolle und schwer zu realisierende ‚Unterhaltende Musiktheater’, als das blasse Operettenensemble der aktuellen ‚Fledermaus’.
Vielleicht lernt die Komische Oper ja aus der Erfahrung dieses Wochenendes, in der nächsten Spielzeit die Operette à la Kosky zu besetzen? Und dann die beiden Werke – ‚Kiss Me, Kate’ und ‚Fledermaus’ – noch einmal neu als Konkurrenten um die Publikumsgunst ins Rennen zu schicken. Ich bin sicher, dass mit den richtigen Stars dann beide Abende restlos ausverkauft wären. Andreas Homoki wäre das für seine Auslastungsbilanz zu wünschen, besonders wenn er demnächst nach Zürich wechselt, wo er sich glanzlosen Abende wie diese sonntägliche ‚Fledermaus’ nicht mehr erlauben wird können. Und die er sich auch in Berlin nicht leisten dürfte. Schließlich hat Homoki die Komische Oper zu einer der ersten Adressen für rundum befriedigendes, modernes, junges Musiktheater gemacht, was seinem Haus u.a. den Titel 'Opernhaus des Jahres' eingebracht hat. Solche Auszeichnungen, mit denen reichlich geworben wird, verpflichten. Auch (und gerade) wenn es um Operette geht, mit der die Komische Oper konkurrenzlos dastehen könnte, wenn sie wirklich wollte.
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