Amsterdam > Het Concertgebouw - 04.04.2008 Erich von Stroheims Operettenfilm im Concertgebouw > Die 'Lustige Witwe' als New Yorker Jazztänzerin
Kritik zu Erich von Stroheims Operettenfilm im Concertgebouw (Het Concertgebouw Amsterdam)
Kritik von Dr. Kevin Clarke
Nun ist diese ‚Merry Widow’ also doch noch in Amsterdam angekommen; und nicht etwa irgendwo, sonder im holländischen Tempel der Hochkultur schlechthin: dem ‚heiligen’ Concertgebouw. Dort gab’s am Freitagabend im Kleinen Saal als Stummfilmkonzert die legendäre Fassung von Lehárs Operette zu sehen, die Erich von Stroheim 1925 in Hollywood drehte, mit neuer Musik von Maud Nelissen, basierend auf den bekannten Melodien der ‚Lustigen Witwe’.
Es war eine lange Reise, die diese Fassung zurückgelegt hat, aber sie lohnte die Mühe unbedingt. Vor drei Jahren sah ich in Almere die erste Fassung der Nelissen-Version. Sie fiel dadurch auf, dass sie – anders als im Film selbst, wo Hanna Glawari alias Sally O’Hara eine New Yorker Burlesque Tänzerin ist, die mit einer Jazztruppe durch Europa reist – kaum Jazzelemente enthielt. Auch hatten damals die Lehár-Erben noch nicht ihre Zustimmung gegeben, dass die Operettenmusik für diese Filmzwecke neu verwendet werden darf. Vor einem Jahr dann präsentierte Maud Nelissen ihre ‚Widow’ gründlich überarbeitet in Utrecht auf einer großen Leinwand – mit mehr Jazz, mehr Feinschliff und der ausdrücklichen Genehmigung der Lehár Nachlassverwalter. Im Februar 2008 reiste diese ‚Widow’ nach Berlin an die Komische Oper, wo sie von einem 20 Mann Orchester offeriert wurde, statt der bisherigen Kammerbesetzung. Wieder hatte Nelissen die Jazzelemente verstärkte und viele Details (vor allem im Schlagwerk) neu eingefügt. Diese ‚reife’ Fassung des Soundtracks war nun auch in Amsterdam zu erleben, allerdings wieder in kleiner Besetzung.
In Amsterdam war zwar die Bildqualität bei weitem nicht so überwältigend wie in Utrecht (wo die Leinwand größer und der Saal dunkler war, und wo vermutlich auch eine andere Kopie des Films für Großleinwand gezeigt wurde), aber musikalisch war diese jüngste Aufführung mit Abstand die befriedigendste. Denn die vielen neuen Jazz-Passagen bildeten eine ideale Balance zu dem schwelgerischen Klang, den Nelissen ansonsten für den Streifen geschaffen hat. Dadurch wird die Begleitung farbiger und abwechslungsreicher, was von Vorteil ist. Denn Stroheims epische Fassung – sie dauert fast zweieinhalb Stunden, plus Pause – jongliert ebenfalls brillant mit verschiedenen Elementen und setzt sie zu einem einzigartigen Ganzen zusammen. Je öfter ich den Film sehe, desto deutlicher wird mir, was für ein Genie Erich von Stroheim ist. Man kann wohl ohne Übertreibung sagen, dass diese ‚Merry Widow’ der grandioseste Operettenfilm ist, der jemals gedreht wurde. Weil Stroheim und seine Drehbuchautoren das Genre ernst nehmen und die überbekannte Geschichte von zwei Liebenden, die erst nach vielen Umwegen zueinander finden, glaubhaft darstellen. Dabei hilft Stroheim eine wirklich einzigartige Besetzung: Mae Murray als kapriziöse Witwe, die aber auch fähig ist, echte Gefühle zu transportieren. Und John Gilbert als umwerfend charmanter Prinz Danilo, dem bei Stroheim ein fieser Alter Ego gegenüber gestellt ist, Prinz Mirko, den Roy D’Arcy als arroganter Stroheim-Look-a-like mit Monokel und viel zu langer Zigarette im Mund unglaublich gut spielt.
Der Film insgesamt ist voller magic moments, zum Beispiel die berühmte Walzerszene zwischen Murray/Gilbert, ihr Auftritt als neureiche Witwe in Paris, mit Diamanten und Federn behangen, aber auch die erschütternde Szene, wo die kleine Jazztänzerin von Danilo verlassen wird und er sie am Tag der geplanten Hochzeit sitzen lässt. Das alles – und noch viel mehr – fängt Stroheim auf faszinierende Weise ein; es sind Bilder, die man nicht so schnell wieder vergisst (auch wegen der teils extravaganten Jazz Age-Kostüme von Richard Day). Maud Nelissen ist das Kunststück gelungen, diese magic moments durch ihre Musik noch einprägsamer zu machen. Und dafür kann man sie nicht genug loben.
Es bleibt zu hoffen, dass diese Fassung bald auf DVD erhältlich sein wird, zusammen mit den vielen anderen Stroheim-Klassikern. Sie ist ein optisches Fest der Sinnlichkeit – das auch über 80 Jahre nach seiner Uraufführung nichts von seiner Wirkung verloren hat. Und in unseren heutigen, oft traurig stimmenden Operettenzeiten erinnert der Film daran, was das Genre einmal sein konnte.
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