Berlin > Haus der Berliner Festspiele - 07.03.2008 MaerzMusik 2008 > Olga Neuwirth: Hommage à Klaus Nomi
Kritik von Dr. Stefan Drees
Mit ihrer Hommage à Klaus Nomi, einem 'songplay in nine fits' (Singspiel in neun Teilen) drückt die 1968 geborene Österreicherin Olga Neuwirth ihre Bewunderung und Faszination für das Schaffen des 1983 verstorbenen exzentrischen Sängers aus. Die Uraufführung des rund 75-minütigen Bühnenwerks markierte am 7. März – nach einer gelungenen öffentlichen Generalprobe vom Vortrag – die offizielle Eröffnung des Festivals MaerzMusik im Haus der Berliner Festspiele. Ausgangspunkt für Neuwirths Arbeit war eine Folge von vier Song-Arrangements, die sie bereits 1998 anlässlich ihrer Porträtkonzerte bei den Salzburger Festspielen angefertigt hatte. Ergänzt um die Arrangements von fünf weiteren Nomi-Songs (etwa 'You don’t own me' oder 'Wasting my time'), um elektronische Zuspielungen mit verhallten Stimmklängen und um Bearbeitungen barocker Instrumentalmusik, die – realisiert von Raaf Hekkemas – als Zwischenspiele fungierten, hat die Komponistin nun die ursprünglich für den Konzertsaal gefertigte Songfolge als Grundlage einer Bühnenfassung für Countertenor, Schauspieler und Ensemble genutzt und zu einer musikalisch-szenischen Reflexion über den Tod geformt.
Vielschichtiger Ansatz
Der Countertenor Klaus Nomi, 1944 im bayerischen Immenstadt als Klaus Sperber geboren, nach der Lehre des Konditorhandwerks und vergeblichen Bemühung um eine Opernkarriere im New York der Siebziger Jahre aufgrund seiner exzentrischen Bühnenshows zum Star der New Wave-Szene avanciert und 1983 als eines der ersten prominenten Opfer an der Immunschwächeerkrankung AIDS gestorben, gehört für Neuwirth zu den faszinierendsten Musikergestalten unserer Zeit. Ihre Relektüre von Nomis Songs, bei denen es sich zum größten Teil selbst schon um Coverversionen (etwa von Henry Purcells 'Remember me' oder Friedrich Holländers 'Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt') handelt, folgt dem Primat der Verfremdung und gleicht dem Vorgang des Kopierens einer Kopie, bei dem die Konturen des Originals immer unschärfer werden: Die Schlagzeugbeats werden aufgelöst, der Bass verliert durch Glissandi seine klare Linienführung, mikrointervallische Untergliederungen von chromatischen Tonschritten weichen die melodischen Strukturen auf, die akkordische Basis wird Gegenstand einer komplexerer Harmonisierung und die Singstimme vervielfältigt sich im differenzierten Einsatz von Samples. Dadurch verleiht die Komponistin den Songs ein ganz anderes Profil, schafft an barocke Figuren angelehnte oder auch ironische Zwischentöne und leistet so eine in gleichem Maße spannende wie doppelbödige Auseinandersetzung mit Musizierformen der populären Musik. Countertenor Andrew Watts präsentierte sich bei deren Vortrag, von seinen reichen Erfahrungen mit den früheren Nomi-Songs und anderen Kompositionen Neuwirths profitierend, in interpretatorischer Hochform.
Der Dramatiker Thomas Jonigk hat um die gewählten Songs herum einen spannenden Monologtext konzipiert und stellt Nomi, auf die reale Biografie Klaus Sperbers zurückgreifend, als doppeldeutige Figur auf die Bühne. Einerseits vom Schauspieler Marc-Michael Bischoff, andererseits vom Countertenor verkörpert, wird der exzentrische Sänger zum Melancholiker, der über Krankheit und Tod räsoniert, zugleich aber auch eine Kunstgestalt verkörpert, die ihr Publikum mit skurrilen Shows unterhält. Auf diese Weise ist ein 'mit Zweifeln gespicktes, leichtes, ironisches Requiem auf einen Visionär' (Neuwirth) entstanden, das der artifiziellen Kultfigur Tiefe verleiht und weit mehr ist als eine bloße Aneinanderreihung arrangierter Musiknummern. Denn Jonigks geschliffen-ironische Sprachbehandlung führt aufgrund der ihr eigenen rhythmischen Komponente dazu, dass die Textpassagen mit ihrer Reflexion über das Sterben eine ganz eigene, subtile Musikalität entfalten. Dass sie nicht etwa als lästige Zwischentexte wahrgenommen wurden, muss als besonderer Verdienst von Bischoff gelten, der von Anfang an in seiner auch mit zwei kurzen Gesangsnummern angereicherten Sprechrolle aufging und sie mit ironisch markierten Untertönen zu einem vokalen Gegenstück der Songs formte.
Missglückte Regie
So mehrdeutig das Konzept von Neuwirth und Jonigk ist, so flach war die Realisierung, mit der Ulrike Ottinger das 'songplay' auf die Bühne gebracht und damit die Bemühungen von Komponistin und Textautor durchkreuzt hat. Das Einerlei immer wiederkehrender Regieeinfällen langweilte rasch; von einer Differenzierung, die auf die musikalisch heterogenen Schichten von Song-Arrangements und barocken Intermezzi eingeht, konnte überhaupt nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Ottinger bombardierte das Publikum auf einer zentralen Projektsfläche sowie auf einer kleineren, seitlich angebrachten Leinwand unaufhörlich mit Bildmaterial, dessen Auswahl nicht nur gelegentlich die Songinhalte plakativ verdoppelte, sondern auch fast unausgesetzt die im Stück enthaltene Totentanz- und Vanitas-Motivik unterstrich, dabei wohl vergessend, dass man dies nach fünf Minuten verstanden hatte und eigentlich keiner weiteren Bilderflut bedurft hätte. Das tat freilich ihrer Lust, immer wieder ähnliches Material zu präsentieren, keinerlei Abbruch. Auf die Idee, Jonigks brillanten Text oder die Song-Arrangements für sich wirken zu lassen, ist sie ganz offenbar überhaupt nicht gekommen.
Dieses Diktat der Bilder griff auch auf die Mitglieder des Ensembles musikFabrik über, die sich auf einer Drehbühne befanden, in schwarze Kleidung mit aufgedruckten Totengerippen gekleidet und mit bunten Hüten ausgestattet. Was sich da vor den Augen des Publikums abspielte, wirkte auf die Dauer lächerlich, man gewann passagenweise – insbesondere wenn sich die Musiker zum Vortrag der Barockmusik-Arrangements im Kreis anordneten – den Eindruck eines riesigen Kasperletheaters. Damit nicht genug: Auch die Personenführung entglitt der Regisseurin, denn die von Watts verkörperte Nomi-Figur wurde, jenseits jener liebevollen Ironie, die Neuwirth in ihren Arrangements aufdeckt, zu einem lächerlich herumhampelnden Hanswurst degradiert, der einer Transvestiten-Revue entsprungen schien und auf der Bühne wie wild Arme und Beine herumschlenkerte. Vom tiefsinnigen Verständnis, mit dem Jonigk und Neuwirth der Figur Nomis begegnen, blieb kaum noch etwas übrig. Das ist außerordentlich schade: Beide hätten Besseres verdient gehabt als dieses unflexible, visuell überladene Regiekonzept.
An einigen Stellen machte sich darüber hinaus ein eklatantes Missverhältnis zwischen dem offensichtlich homoerotischen Inhalt der Songs und den jeweils vorausgeschickten Textpassagen bemerkbar – eine Diskrepanz, die aufgrund der erkennbar sorgfältigen Abstimmung beider Ebenen an anderen Stellen sicherlich nicht von Jonigk und Neuwirth verschuldet war. Die zentrale Ebene von Nomis Homosexualität und der damit zusammenhängenden AIDS-Erkrankung war nur gelegentlich zwischen den Zeilen vernehmbar und schien ganz offensichtlich durch Streichungen aus dem Monologen entfernt worden zu sein, weil sie nicht zur simplifizierenden Lesart Ottingers gepasst und neben dem Totentanz eine weitere Deutungsebene erfordert hätte. Hörte man hingegen genau auf die Texte von Songs wie 'Falling in love' oder 'You don’t own me' – was die Regisseurin offenbar versäumt hat –, ergaben sich in der Abfolge von gesprochenem Text und Musiknummern thematische Brüche, die so eigentlich nicht beabsichtigt gewesen sein können.
Leistungen
Die musikalische Umsetzung durch die musikFabrik unter Leitung von Titus Engel war recht ordentlich, konnte mich aber nicht in allen Aspekten überzeugen. Bei den Arrangements der Songs von 1998, die ich während der vergangenen Jahre bereits mehrmals von verschiedenen Ensembles – etwa vom Klangforum Wien oder dem Collegium Novum Zürich – gehört haben, ließen sich Unsicherheiten sowie etliche Schwächen in Koordination und instrumentaler Balance vernehmen. Dies lässt mich – ohne Blick in die Partitur – daran zweifeln, dass die neu entstandenen Nummern des 'songplay' eine wirklich adäquate Umsetzung erfahren haben. Besser sah es mit den als Zwischenmusiken fungierenden Barockmusik-Bearbeitungen Raaf Hekkemas aus, deren Auswahl sich zumeist am Vorherrschen der Affekte Schmerz und Trauer orientierte: Hier konnten die Musikerinnen und Musiker – in der öffentlichen Generalprobe jedoch deutlicher als bei der Premiere – mit einigen suggestiven Farbwirkungen punkten, indem sie auf modernen Instrumenten wie Trompete und Sopransaxophon die Spielweisen Alter-Musik-Ensembles imitierten.
Posititv vermerkt sei schließlich noch die einstündige Einführungsveranstaltung am Donnerstag, von Schülerinnen und Schülern eines Profilkurses an der Berliner Beethoven-Schule gestaltet und geleitet. Als Ergebnis von intensiven Recherchen und Beobachtungen in der Produktionsphase der Hommage à Klaus Nomi wurden hier in einer ansprechenden Präsentation – u.a. mit Ausschnitten aus Andrew Horns Dokumentarfilm The Nomi Song – in die Spezifika der Kunstfigur Klaus Nomi, ihrer Musik und ihrer Selbstinszenierung eingeführt und die Möglichkeiten von deren Interpretation angesprochen, wobei die Mitwirkenden vor allem auf die Mehrdeutigkeit abzielten und damit eine Verknüpfung zur Bühnenkonzeption von Jonigk und Neuwirths herstellten.
|